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Die neue Lust am «Lismen»

Was lange als verstaubt und veraltet galt, liegt heute wieder im Trend. Junge Mädchen greifen genauso zu den Stricknadeln wie Schauspielerinnen und Grossmütter. Garnhersteller reiben sich die Hände.

Eins verpönt, seit kurzem wieder in Mode: Das «Lismen» erlebt in der Schweiz einen eindrücklichen Boom.
Eins verpönt, seit kurzem wieder in Mode: Das «Lismen» erlebt in der Schweiz einen eindrücklichen Boom.
Keystone

Um die Weihnachtszeit hat Anne Catherine Lüke besonders viel zu tun: Die Luzerner Designerin vertreibt über das Internet fertige Strick-Bausätze. Stricknadeln, Garn und Anleitung sind darin enthalten. Die Knit-Kits entsprächen einem Zeitgeist: rasche Bestellung per Mausklick ohne grossen Aufwand und einfach in der Umsetzung. «Zudem wollen viele Frauen wieder stricken», betont Lüke.

Das spürt beispielsweise auch Andrea Balli in Bern. Sie führt ihr Wollgeschäft seit sieben Jahren. «Der Strick-Boom ist seit zwei Jahren wirklich spürbar», sagt sie. Auffallend sei, dass immer mehr wieder junge Frauen zu den Nadeln greifen.

Lädelisterben gestoppt

Das kann Beatrix Peter bestätigen. Sie ist Präsidentin des Verbands Wolle-Schweiz und führt in Aarau selbst ein Laden. Die Kundschaft sei in den letzten Jahren jünger geworden. «Von 17 bis 70 - alle haben wieder Lust am Stricken», sagt Peter. Sogar berühmte Schauspielerinnen wie Julia Roberts und Sarah Jessica Parker greifen in ihren Drehpausen öffentlich zu den Stricknadeln.

Die Strickwelle macht sich auch bei den kleinen Wollläden in der Schweiz bemerkbar. Nach einem regelrechten Lädelisterben in den Neunzigerjahren hat sich die Anzahl Geschäfte, die dem Verband angehören, wieder bei 120 stabilisiert. «Einige Betreiberinnen haben zwar im laufenden Jahr ihr Geschäft altershalber geschlossen. Doch es hat jungen, innovativen Nachwuchs, der die Branche auffrischt», betont Peter.

Hersteller profitieren

Der Trend hin zur Nadel schlägt sich in den Umsatzzahlen der Produzenten von Handstrickgarn nieder. In Deutschland erwirtschafteten sie im laufenden Jahr rund 300 Millionen Euro, wie Schätzungen des deutschen Verbandes Initiative für Handarbeit belegen. Das jährliche Wachstum betrug in den letzten Jahren jeweils rund 10 Prozent. Genaue Zahlen für die Schweiz gibt es zwar nicht, doch der Marktführer unter den Schweizer Wollenhersteller, Lang Yarns, berichtet von einer ähnlichen Entwicklung hierzulande.

«Nachdem der Markt in den Neunzigerjahren zusammengekracht war, drehte sich der Wind wieder», sagt Jakob Lang, Geschäftsführer von Lang Yarns. Das Unternehmen mit Sitz in Reiden LU rechnet in diesem Jahr mit Wachstumszahlen im zweistelligen Prozentbereich. Auch beim Wollenhersteller Schulana läuft es rund. Das KMU mit neun Mitarbeitern aus Oberrieden ZH werde in diesem Jahr das beste Ergebnis seines 30-jährigen Bestehens schreiben, teilte Schulana auf Anfrage mit.

Schnittmuster werden wieder salonfähig

Das Stricken habe sein verstaubtes Image abgelegt, begründet Jakob Lang die Hausse. Dies macht sich auf den Laufstegen bemerkbar: Models in Paris und Mailand tragen Handgestricktes. In grossen Modemagazinen werden ganze Fotostrecken den neusten Wolltrends gewidmet.

Der Branche spielt der Trend zur Individualisierung in die Hand. «Wenn man etwas selber strickt, ist es ein Unikat. Das zählt in der Gesellschaft immer mehr», betont Lang. Auch die Kreativität nehme wieder einen höheren Stellenwert ein.

Wenig verwunderlich also, dass auch in grossen Medienkonzernen das «Lismen» wieder zum Thema wird. Im neuen Magazin «Landliebe» finden erstmals seit Jahren wieder Schnittmuster Platz in einer Schweizer Zeitschrift. Die Lancierung der Zeitschrift hat das Medienhaus Ringier im kommenden Jahr geplant.

SDA/pbe

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