Die neue Lust am Nüchternsein

Klarer Kopf, kein Kater: Millennials suchen nach Alternativen zu Bier und Wein. Doch auf alle Wirkungen von Alkohol wollen sie nicht verzichten.

CBD entspannt, aber berauscht nicht: Der Umsatz von Getränken mit diesem Cannabis-Bestandteil soll in den USA in wenigen Jahren auf über eine Milliarde Dollar steigen. Foto: Getty Images

CBD entspannt, aber berauscht nicht: Der Umsatz von Getränken mit diesem Cannabis-Bestandteil soll in den USA in wenigen Jahren auf über eine Milliarde Dollar steigen. Foto: Getty Images

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten des Jahres. Er erschien erstmals am 14. Dezember 2019.

Die kalten Hände am dampfenden Glühwein wärmen, mit den Bürokollegen auf Weihnachten anstossen: Wenn dieser Tage das Aufstehen gelegentlich ein wenig schwerer fällt, mag das daran liegen, dass sich in der Adventszeit ein gesellschaftlicher Anlass an den anderen reiht. Damit verbunden ist meist auch das eine oder andere Glas Alkohol. Der schwere Kopf am nächsten Tag – der lässt sich kaum vermeiden.

Oder doch? Die Getränkeindustrie rüstet sich für einen Trend, der viel über unsere Gesellschaft aussagt: Der neue «Alkohol» ist alkoholfrei. Schweizerinnen und Schweizer trinken heute viel weniger als noch vor 25 Jahren – von 10,1 Litern pro Kopf 1992 ist der Konsum 2018 auf 7,7 Liter gesunken. Besonders die junge Generation lebt so gesundheits- und lifestyle­bewusst wie keine andere vor ihr. Alkohol passt da schlecht ins Konzept. Enthält zu viele Kalorien, vernebelt den Geist. Millennials wollen keinen Kater, sie wollen fit und fokussiert sein.

Die Hersteller reagieren darauf mit alkoholfreien Alternativen – Craft-Limonaden, aromatisierte Mineralwasser, Homemade-Eistees. Der Schweizer Getränkefachhandel Drinks of the World – bekannt für sein riesiges Biersortiment – hat sein alkoholfreies Angebot in den letzten Jahren «massiv ausgebaut», wie Gründer und Inhaber Stefan Müller sagt. Besonders die junge Kundschaft wünsche kleine, lokale Anbieter anstatt die Einheitsbrause der grossen Konzerne: «Sie haben genug von Fanta, Coca-Cola, Sprite und Co.» Und von Zuckerbomben: Die neuen Softgetränke sind nur leicht gesüsst – und sollen am besten auch noch vegan und biologisch produziert sein. Neben Dauerbrenner Mate-Eistee verkaufen sich in Müllers Filialen derzeit diverse Tonics sowie scharfe Ingwerbrausen – etwa das Ginger Root Beer – gut.

Neugierig darauf, wie es ist, «ohne» zu sein

Im angelsächsischen Raum kursiert zu dieser neuen Lust an der Abstinenz bereits ein Begriff: «Sober Curious», was so viel bedeutet wie «Nüchternheitsneugier». So bezeichnen sich jene, die nicht komplett auf Alkohol verzichten, aber das Leben «ohne» ausprobieren möchten. Abends in der Bar bestellen sie einen alkoholfreien Cocktail. Auch hier wächst das Angebot: Barkeeper werden kreativer, Hersteller tüfteln an alkoholfreiem Gin und Wein. Die Bierbrauereien spüren den Trend ebenso, nie wurde in der Schweiz mehr alkoholfreies Bier getrunken.

Auf eines wollen manche Junge allerdings nicht verzichten, auch wenn sie Hochprozentigem wenig abgewinnen können: die entspannende Wirkung des Alkohols. Das Gefühl eines Feierabendbiers, runterkommen nach einem stressigen Arbeitstag.

Die Lösung? Drinks mit Cannabis. Das Kraut hat in den letzten Jahren sein Loser-Image abgelegt, der Handel mit legalen Hanfprodukten boomt. Boutiquen, die wie Kosmetiksalons aussehen, verkaufen Öle, Kapseln und Tinkturen, das darin enthaltene Cannabidiol (CBD) – im Gegensatz zu THC wirkt es nur entspannend, nicht berauschend – soll Schmerzen lindern und Ängste lösen.

Anti-Red-Bull für gestresste Millennials

In den USA suchen Bierbrauer und Getränkehersteller die Kooperation mit Hanfproduzenten. Bis 2023 soll der Umsatz mit CBD-Getränken auf über 1 Milliarde Dollar steigen. In Seattle ist ein Cannabis-Apfelmost lanciert worden, am New Yorker Broadway soll ein Pop-up gestressten Menschen mit CBD-Mineralwasser zu Entspannung und Kreativität verhelfen. «High statt betrunken: Wellness-Generation steht auf CBD», titelte das Gottlieb-Duttweiler-Institut kürzlich mit Verweis auf seinen «Food Trends Report». Was die Jungen von Cannabis-Drinks überzeugt: Sie enthalten weniger Kalorien als Alkohol, der Hangover bleibt einem erspart, ebenso der Kontrollverlust (offenbar ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Generation Instagram).

Auch in der Schweiz ist man auf den Trend aufmerksam geworden. Eine Gruppe junger Kreativer und Unternehmer aus Olten hat sich vor einiger Zeit daran gemacht, einen CBD-Drink zu entwickeln. Unter ihnen ist Luc Capus, Bierbrauer und Gründer der Kleinbrauerei Drei Tannen. «Wir wollten ein entschleunigendes Getränk für die Millennials auf den Markt bringen», sagt er. «Für Leute, die weder den Rausch noch die Beschleunigung suchen.» Ein Anti-Red-Bull sozusagen – vielleicht sinnbildlich für eine stressgeplagte Generation.

Herausgekommen ist ein kohle­säurehaltiger Trank mit Tee-Extrakt und CBD. «Ein klassisches After-five-Getränk», sagt Capus, «perfekt, um in den Feierabend-Modus zu kommen.» Bloss: Weiter als bis zur Degustation im Freundeskreis sind Capus und seine Mitstreiter nicht gekommen. Sie schreckten vor den hohen Auflagen zurück, die der Bund für eine Genehmigung von CBD-haltigen Lebensmitteln verlangt – bisher wurde in der Schweiz noch keine entsprechende Bewilligung erteilt.

Das CBD-Lifestyleprodukt, wie es der Oltner Gruppe vorschwebte, wird es deshalb vorerst nicht geben. Doch Luc Capus bleibt vom Potenzial der Cannabis-Drinks überzeugt: «In Gesprächen spüren wir immer wieder: Das Bedürfnis nach einer Alternative zu Alkohol ist gross.»

Erstellt: 01.01.2020, 18:35 Uhr

Anstossen ohne Alkohol – sechs Getränke-Tipps

Junge Menschen suchen immer häufiger Alternativen zu Alkohol. Und die älteren Semester täten nicht schlecht daran, es ihnen gleichzutun. Bloss: Was trinkt man während der Feiertage, wenn Wasser und Pfefferminztee in der Tat wenig verlockend sind?

Den Apéro bestreitet man – wenn man derbe Bitterkeit mag – mit Sanbittèr. Das leuchtend rote Getränk erinnert an Campari und ist auch im Heimatland Italien fast schon ein alkoholfreier Klassiker. Wers moderner mag, öffnet eine der Seedlip-Varianten und mischt sie mit Tonic Water und genügend Eis; daraus entsteht ein «Gin Tonic ohne Umdrehungen».

Zu den Vorspeisen könnte der Sparkling Juice Tea von Van Nahmen passen (erhältlich bei www.s-fabrik.ch). Das elegant verpackte, sprudelnde Getränk ist nicht allzu süss. Dank beigefügten Tees hat es Gerbstoffe, was für ein schönes Mundgefühl sorgt. Empfehlenswert ist die Variante «Verveine-Jasmin-Riesling», mit Traubensaft aus der gleichnamigen Weintraube. Wichtig: Man sollte das Getränk wie echten Champagner in der Flûte servieren – Rimuss kann da im Vergleich einpacken.

Zum Hauptgang? Als Weissweinersatz empfiehlt sich alkoholfreier Apfelwein, mit dem sogar das Fondue angerührt werden kann. Statt Rotwein kommt Aroniasaft ins Glas, der eher säuerlich schmeckt und Gerbstoffe enthält. Der tiefrote Saft der Apfelbeere wird sogar als Herzinfarktverhinderer gepriesen! Darum könnte man ihn ja auch mit etwas Sternanis, einigen Pfefferkörnern, Orangenzesten und Zucker erhitzen. Das wäre dann nicht weniger als alkoholfreier Glühwein. (bö)

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