Die Politik der Apokalypse

Rhetoriken des Untergangs können Menschen mobilisieren. Ein politisches Programm bieten sie indes nicht.

Heute und morgen geht die Welt nicht unter. Auch wenn manche die Apokalypse herbeireden. Klimaaktivisten an einer Kundgebung von Extinction Rebellion (16. Oktober 2019). Foto: Matt Dunham (AP)

Heute und morgen geht die Welt nicht unter. Auch wenn manche die Apokalypse herbeireden. Klimaaktivisten an einer Kundgebung von Extinction Rebellion (16. Oktober 2019). Foto: Matt Dunham (AP)

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Die Schweiz hat grün gewählt, die Sorge angesichts des Klimawandels vermochte zu mobilisieren. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass sich der Ton verschärft hat: Es geht nicht mehr nur um Inselparadiese, die versinken, um Gletscher, die schmelzen, um Arten, die sterben – es geht vielmehr ums nackte Überleben. «Sein oder Nichtsein» ist offenbar die Frage. Sie stellt sich uns aber nicht wie in Shakespeares «Hamlet» als Einzelnen, sondern sie stellt sich uns als Menschheit: «Überleben oder Aussterben?» Die apokalyptische Rhetorik gab es zwar schon früher, etwa angesichts der Angst vor einer atomaren Katastrophe. Neu jedoch ist, dass sie die unterschiedlichsten Lager für ihre Agenda nutzen.

Da sind erstens die politisch motivierten Apokalyptiker: Für die schnell wachsende Bewegung «Extinction Rebellion» ist das Aussterben des Homo sapiens in erster Linie das Horrorszenario, mit dem sie zum Widerstand bläst: Machen wir nicht endlich eine vernünftige Klimapolitik, geht es uns allen an den Kragen. Die Bewegung rebelliert gegen das Aussterben der Menschheit um des Menschen willen und will so das menschliche Sein vor dem Nichtsein bewahren.

Klimaaktivisten besetzten die Londoner Innenstadt (18. Oktober 2019). Video: Guardian

Umgekehrt eine zweite Bewegung namens Voluntary Human Extinction Movement. Sie ist, was den Menschen anbelangt, geradezu endzeitbegeistert: Für den Blauen Planeten mit seinen Tieren, Pflanzen und Ökosystemen sei der Mensch eine Plage, und deshalb sei es umso besser, je schneller er abtrete. Zwar müssen wir uns nicht gleich aktiv ins Jenseits befördern. Mit der menschlichen Reproduktion soll aber Schluss sein. Das Nichtsein ist für diese Strömung das Ziel. Die Naturalisten unter den Endzeitpredigern dekorieren ihre Reden übers Aussterben gern mit geologischem Wissen: Es gab schon fünf Massensterben; logisch folgt darauf das sechste. Selbst die gigantischen Dinosaurier mussten dran glauben. Warum sollte es dem Homo sapiens besser gehen?

Im ewigen Universum ist die Menschheit ein Sekündchen und schon fast vorbei. Dass das Ende der Dinosaurier vom Einschlag eines Meteoriten von der Grösse des Mount Everest eingeläutet worden ist, während für den Klimawandel wir Menschen verantwortlich sind, interessiert die Naturalisten wenig. Kohleverbrennung, Flugzeuge, Rinderzucht sind Menschenwerk – aber gerade deshalb Natur. Denn Schaffenskraft und Entdeckerlust gehören zu seinem Wesen dazu. «Sein oder Nichtsein» ist deshalb die falsche Frage: Als Naturwesen wird der Mensch irgendwann ohnehin untergehen und nicht mehr sein.

Die Zuspitzung ist vor allem ungenau

Im Schlepptau der Naturalisten sammeln sich die nihilistischen Apokalyptiker, die man auch als «Nach-mir-die-Sintflut-Zyniker» bezeichnen könnte: Die Welt geht ja sowieso unter – wozu also die Panikmache? «Carpe diem», «Geniesse den Tag» hiess die Losung im Barock, als angesichts verheerender Kriege das Gefühl der Vergänglichkeit die Menschen bedrückte. Lieber noch etwas das Sein geniessen, als das bevorstehende Nichtsein beweinen. Spätestens hier liegen sich die Weltuntergangspropheten in den Haaren. Denn bemühen die einen die apokalyptische Rhetorik, um die Menschen zum Handeln zu animieren, dient sie den anderen zur Rechtfertigung ihrer Untätigkeit.

Dabei ist die Zuspitzung auf die Apokalypse vor allem eines: nämlich ungenau. Denn die Endzeit wird nicht heute oder morgen kommen, sondern in Raten: mit Wassermangel, Feuersbrünsten, Stürmen; mit Ernteausfällen, Migrationsströmen, Bürgerkriegen. Wer die Frage auf «Überleben oder Aussterben», auf «Sein oder Nichtsein» reduziert, wird ihr nicht gerecht. Die Frage lautet vielmehr: «Wie sein» angesichts dessen, dass sich unsere Lebenszusammenhänge gewaltig verändern werden?

Untergangsszenarien mögen Menschen mobilisieren; eine Politik sind sie nicht. Wie wir als Menschen reagieren wollen auf die drohenden Folgen der Klimaveränderung –rebellisch, deprimiert, naturalistisch, zynisch –, das ist die Frage, die sich uns jetzt stellt.

Erstellt: 21.10.2019, 20:14 Uhr

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