Die politisch Korrekte

Nur weil man ausspricht, was niemand hören will, ist man noch lange kein Gutmensch.

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Lara: Es reicht! Ich bin so sauer. Es geht mir auf die Nerven, dass ich nicht einmal jemanden als Rassisten bezeichnen kann, ohne gleich als «politisch Korrekte» zu gelten. Nur weil man etwas ausspricht, das niemand hören möchte, wird man sofort in die Gutmenschen-Ecke gestellt. Ich bin wirklich überhaupt nicht politisch korrekt, aber man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass einer ein schwulenfeindliches Arschloch ist. Diese Gesinnungspolizei geht mir so auf die Nerven. Nur weil niemand mehr wagt, die Dinge beim Namen zu nennen, wie zum Beispiel, dass Sexismus Gewalt fördert. Nur weil niemand so eine unbequeme Wahrheit hören will, wird das sofort als «Gutdenke» abgestempelt.

Inzwischen kriegen ja alle schon Panik, wenn jemand nur schon LGBT sagt. Alle zittern vor engagierten Menschen und ihren Wörtern, als würden sie ihre Existenz bedrohen. Aber beruhigt euch, Leute. Nur weil ich für Frauenförderung bin, heisst das noch lange nicht, dass ich gegen Männer bin. Nur weil ich die «Ehe für alle» will, heisst das keineswegs, dass ich nicht mit Freude heterosexuell sein kann. Nur weil ich Flüchtlinge als Menschen anerkenne und auf ihre Rechte bestehe, heisst das nicht, dass ich Schweizer ablehne. Und ich kann Sexismus Scheisse finden und trotzdem auf hemmungslosen Sex stehen.

Aber so etwas darf man ja kaum aussprechen, weil in den Mainstream-Medien der Konsens herrscht, dass alle Menschen, die Gleichberechtigung anstreben, humorlose Radikale mit krassem Herrschaftsanspruch sind, die einer totalitär-korrekten Ideologie folgen und eine reale Gefahr für die Liberalität sowie die Meinungsfreiheit seien, weil sie eine «Säuberung» der Sprache durchsetzten. Ausserdem soll das Gutmenschentum schuld sein an der Zuwanderung, dem Terrorismus, der Umwelt, der sozialen Not und den Überregulierungen. Die Korrekten sind auch schuld am Aufstieg der Rechtspopulisten und an der Wahl von Trump, da sie mit ihrem korrekten Verhalten die Unkorrekten verleitet haben, noch unkorrekter, homophober, frauenfeindlicher und rassistischer zu werden. Oder darf ich das auch nicht sagen?

Es reicht!

Klar, gibt es wie überall welche, die übertreiben, aber was hab ich mit denen zu tun? Trotzdem werden pauschal ganze Gruppen wie Feministinnen oder Wissenschaftler in den Überkorrektheits-Topf geworfen; manchmal sind es Homosexuelle, manchmal ehrenamtliche Helfer, Arbeiter, Ausländer, Beamte, Vegetarier, Bauern, Rentner, Lehrer, Umweltschützer, Künstler, Tierliebhaber, Familien, Gewerkschafter, einfach alle, die sich für etwas einsetzen, das auch anderen zugutekommt. Alle gelten dann eben als totalitäre Tyrannen. Diese Normierung und Gleichmacherei geht mir so auf den Geist, denn sie will doch nur die echten Probleme verschleiern. Aber die ganze politische Elite von Trump bis Blocher stimmt ein in denselben Kanon und schlägt die Gutmenschenkeule.

Nur weil ich für Frauenförderung bin, heisst das noch lange nicht, dass ich gegen Männer bin.

Auch das philosophische Establishment von Sloterdijk ganz rechts bis Žižek ganz links spielt Moralpolizei. Alle belehren uns von oben herab, dass Political Correctness zu sozialer Unterdrückung führe, und sie fühlen sich bereits als Verfolgte und Opfer des «Korrektheits-Terrors». Die waren es so lange gewohnt, dass niemand widerspricht, und jetzt, da endlich ein Diskurs entsteht, wollen sie uns das Maul verbieten. Als hätten sie eine höhere Moral, als beanspruchten sie die Deutungs­hoheit darüber, was richtig und was falsch ist und wie weit die Meinungsfreiheit gehen soll. Es reicht!

Ich kann den Begriff «politisch Korrekte» nicht mehr hören, aber die Reaktionäre lieben ihn, sie lieben! Sie lieben ihn und twittern, schreiben und belächeln ihn, so oft sie nur können. Und sie lieben und wiederholen «politisch Korrekte» nur deshalb so unendlich oft, weil sie mit diesem Begriff die Gruppe, die sie hassen, umschreiben können, ohne sie beim Namen nennen zu müssen. «Zum Teufel mit den politisch Korrekten» klingt halt besser als «zum Teufel mit den Transsexuellen». «Politisch korrekt» ist eigentlich der politisch korrekteste Begriff ever.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2017, 20:07 Uhr

Laura de Weck Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit dem Politgeografen Michael Hermann und dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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