Die Revolution im Silicon Valley frisst ihre Väter

Internetmillionäre fürchten schädliche Einflüsse des Internets.

Facebook darf den Nutzern keine tödliche Überdosis verabreichen, wenn es im Geschäft bleiben will: Touristen fotografieren sich in Menlo Park, Kalifornien. Foto: Marcio Jose Sanchez (Keystone)

Facebook darf den Nutzern keine tödliche Überdosis verabreichen, wenn es im Geschäft bleiben will: Touristen fotografieren sich in Menlo Park, Kalifornien. Foto: Marcio Jose Sanchez (Keystone)

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«Herr, die Not ist gross! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.» So jammerte einst der Zauberlehrling in Johann Wolfgang von Goethes grosser Ballade. Die Zauberlehrlinge von heute tönen so: «Unsere Gesellschaft wird durch die Technologie gekidnappt. Und die Technologiekonzerne profitieren davon.» Das ist, sinngemäss, ein Zitat aus dem Manifest einer Gruppe von Aktivisten, die seit Sonntag vor den Folgen der alles durchdringenden Algorithmen warnt.

Das Besondere an dieser Gruppe: Sie wird nicht von ewig gestrigen Kulturkritikern und grau melierten Maschinenstürmern gebildet. Nein, «Truth About Tech» («Die Wahrheit über die Technologie») versammelt Leute, die bei Google, Facebook oder Apple einst selbst dafür sorgten, dass diese Datenkraken das Kommando über das Internet übernehmen konnten. Und sie sind nur ein Teil jenes wachsenden Chores von Internetmillionären und -milliardären, die ihre eigenen Geschäfts- und Technikmodelle hinterfragen. Wenigstens vordergründig.

Ähnlich wie Goethes Zauberlehrling rufen nun auch die Internetmillionäre einen «Meister» an, der die von ihnen selbst entfesselten Geister züchtigen soll: Es ist, natürlich einmal mehr, der Staat, der für die Wiedererrichtung der vermeintlich natürlichen Ordnung sorgen soll. Die Gruppe will dafür lobbyieren, dass die Politik Gesetze schafft, die die Macht der grossen Technologiefirmen begrenzen.

Züge der Anti-Tabak-Kampagne

Die Kampagne trägt ausserdem Züge der Anti-Tabak-Kampagne. Die Internetsucht soll nicht nur gesetzlich bekämpft, sondern durch Forschung und Aufklärung an der Wurzel gepackt werden. Zu diesem Zweck ist geplant, die Erforschung der negativen Auswirkungen der neuen Technologien in einer – natürlich elektronischen! – Datenbank zu sammeln und zugänglich zu machen.

Man stelle sich vor: Die Kombination von aufklärerischer Forschung und dem langen Arm des Gesetzes könnte dereinst dazu führen, dass die Facebook-Timeline von einem Warnhinweis gekrönt wird: «Facebook zerstört Ihr Gehirn und macht depressiv!» Und darum herum ein dicker schwarzer Rand mit Totenkopfsymbol.

Der ganzen Kampagne haftet auch Scheinheiligkeit an.

Man merkt schnell: Der ganzen Kampagne haftet neben ernsthafter Besorgnis auch Scheinheiligkeit an. Das begann schon mit dem unterdessen verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs, der vor Jahren zugab, dass er seinen Kindern das Internet nur sehr restriktiv erlaube. Sein kinderloser Nachfolger Tim Cook hat dem englischen «Guardian» erst im Januar erklärt, dass er seinem Neffen den Zugang zu den sozialen Medien verwehren würde.

Man könnte auch sagen: Mit der rechten Hand verdienen die Silicon-Valley-Unternehmer im Internet ihre Milliarden, mit der linken halten sie den eigenen Nachwuchs davon fern.

Der weitsichtige Drogenhändler

Allerdings hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg längst erkannt, wie die zunehmend negative Stimmung gegenüber den sozialen Medien sein Geschäftsmodell aushöhlen könnte. Er hat auch schon reagiert und versprochen, den Newsfeed – also das zentrale Element des Facebook-Erlebnisses – «weniger suchterzeugend» zu machen.

Das soziale Netzwerk hat den Anteil an Nachrichten und Videos im Newsfeed verkleinert. Die Auswirkungen lassen sich in harten Zahlen messen: Im letzten Quartal verbrachten die Nutzer durchschnittlich täglich zwei Minuten weniger bei Facebook. Das ist total ein Minus von 50 Millionen Stunden jeden Tag – mit den logischen Folgen für die Werbeeinnahmen. Zuckerberg sagt: «Das zeigt, wie ernst wir es meinen.»

Die weniger barmherzige Interpretation des Vorgangs stammt ebenfalls aus dem Drogenmarkt: Zuckerberg weiss, dass er den Facebook-Abhängigen keine tödliche Überdosis verabreichen darf, wenn er im Geschäft bleiben will. Besser die Nutzer surfen in Gottes Namen etwas weniger, als dass sie ganz abspringen. – So ist eben der Kapitalismus im Allgemeinen und der Internetkapitalismus im Speziellen: Er wendet die Kritik an seiner Funktionsweise und an seinen Problemen sehr schnell zu seinem Vorteil.

Erstellt: 05.02.2018, 19:38 Uhr

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