Die rollende Bibliothek jenseits des Polarkreises

Lappland, minus 41 Grad. Hier leben kaum Menschen. Aber auch die brauchen Geschichten. Das hier ist die vom Bücherbus.

Das ohnehin dünn besiedelte Lappland entvölkert sich weiter. Der Bücherbus fährt jährlich Tausende von Kilometern, bringt Bücher und etwas Abwechslung zu den Menschen in entlegenen Orten. Foto: Silke Bigalke

Das ohnehin dünn besiedelte Lappland entvölkert sich weiter. Der Bücherbus fährt jährlich Tausende von Kilometern, bringt Bücher und etwas Abwechslung zu den Menschen in entlegenen Orten. Foto: Silke Bigalke

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Der Schnee hat die Strasse verschluckt. Er liegt stumpf und schwer auf allem. Oula Kotakorva lehnt sich weit über das Lenkrad. Der Strassenrand, der Horizont, nichts davon ist zu sehen. Der Himmel ist dunkelweiss wie das Land.

Lappland, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises: Oula Kotakorva und Perdita Fellman fahren einen Bus voller Bücher in die entlegensten Gegenden Finnlands. Sie ist Bibliothekarin und seit 29 Jahren dabei. Er fährt den Bus, seit 36 Jahren, seit es ihn gibt. Ein Haus taucht auf zwischen den Tannen. «Da ist Oula früher zur Schule gegangen. Ist auch schon lange geschlossen», sagt die Bibliothekarin und wippt mit dem Beifahrersitz.

80 Kilometer bis zum nächsten Supermarkt

Nimmt man das ganze finnische Lappland, ist es grösser als Ungarn, aber mit nur 180'000 Menschen. Manche fahren 80 Kilometer bis zum nächsten Supermarkt, 200 zum Arzt, 400 bis in ein Krankenhaus. Nur die Bücher kommen zu ihnen.

Früher gab es in den Dörfern Läden, Postschalter, Schulen. «Wir sind wichtig, auch für die psychische Gesundheit», sagt Perdita Fellman. Der Bücherbus gibt den Menschen das Gefühl, dass sie noch nicht völlig vergessen sind. In den nächsten Tagen ist der Bus in Enontekiö, einer der menschenleersten Gegenden Finnlands. Jeder Fünfte hat hier keine Arbeit. Erster Halt ist eine Schule. Zehn Schüler, in Klasse eins bis sechs. Aber die Kinder sind schon nach Hause gegangen. Oula Kotakorva setzt Kaffee auf, die Maschine steht im Schrank hinter dem Fahrersitz. Der Bus ist neu, vor zwei Jahren ausgetauscht.

«Hier ist nichts, nur frische Luft»

Perdita Fellman erzählt die Geschichte einer früheren Lehrerin, die in einem einsamen Haus gegenüber der Schule wohnt. Sie hat sich als junge Frau in einen Rentierzüchter verliebt und zog hierher. Der Rentierzüchter ist gestorben. Die Lehrerin ist nun mit 92 Jahren die Älteste weit und breit. Oft schafft sie es nicht mehr über die Strasse, wenn der Bücherbus hält.

Oula Kotakorva lässt den Motor an, da geht die Tür doch noch auf. Es ist die Tochter der Lehrerin, sie ist gerade zu Besuch. «Hier ist nichts, nur ­frische Luft», sagt sie und zieht vier Romane aus dem Regal, Rubrik «Neuheiten». Die kennt die ­Mutter sicher noch nicht. «Sie liest die ganze Zeit. Am liebsten über den Krieg.»

Krieg hat es in Lappland viel gegeben. Im Winterkrieg griff die Rote Armee an. Im Fortsetzungskrieg kämpften die Finnen mit den Nazis gegen die Russen, im Lapplandkrieg dann mit den Russen gegen die Nazis. Lappland wurde völlig zerstört. Der Wiederaufbau brachte Arbeit in den Norden. Die Regierung förderte die Landwirtschaft und hoffte, dass ein weniger leeres Lappland in Zukunft besser zu verteidigen sei. Als die Kinder aus den Nachkriegsjahren erwachsen wurden, gab es für sie nicht genug Arbeit im Norden. In der Landwirtschaft wurde rationalisiert. Viele zogen weg, nach Schweden. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Finnland in eine Wirtschaftskrise. Später bremste die Digitalisierung die Papierproduktion aus, und Nokia, der wichtigste Konzern des Landes, verpasste den Anschluss an Apple. Immer traf es Finnland dort, wo es besonders schmerzte.

Die Hälfte der Häuser steht leer

Nächster Halt: ein Kindergarten. Seit Justiina Niemelä ihren eigenen Leihausweis hat, kommt die Sechsjährige immer zum Bus. Ihr Vater arbeitet in der Goldmine von Kittilä, 110 Kilometer entfernt. Andere hatten nicht so viel Glück. Die Hälfte der Häuser in Peltovuoma steht leer.

Die Jungen gehen, weil sie keine Arbeit finden, die Alten, weil sie sich hier nicht selbst versorgen können. An vielen Orten, an denen er früher gehalten hat, fährt der Bus jetzt vorbei, weil dort niemand mehr lebt.

Oula Kotakorva legt den Menschen Bücher zurück, die sie gar nicht bestellt haben. Er weiss, was sie lesen, und sie vertrauen ihm, weil er aus der Gegend kommt, aus Muonio. Anfangs musste er nur den Namen seines Vaters sagen, dann wussten alle über ihn Bescheid. Heute hat er einen eigenen Namen: Kirjastoauton-Oula, Bücherbus-Oula.

«Minus acht Grad. Wärmewelle.»

Zurück auf der Strasse friert die Technik ein. Die Kamera hinten am Bus sendet kein Bild mehr. Kotakorva fährt rechts ran. «Minus acht Grad», murmelt er. «Wärmewelle», sagt Perdita Fellman. Für den nächsten Stopp sind 45 statt der üblichen 20 Minuten eingeplant, denn es wird voll: Acht Kunden, fünf gehören zur Familie von Roosa Stoor. Die 15-Jährige ist mit Mutter, kleinem Bruder, kleiner Schwester, Oma, zwei Bananenkisten und zwei grossen Tüten voller Bücher eingestiegen. Die Oma schaut zu, wie sich Kisten und Tüten mit neuen Büchern füllen.

Roosa Stoor, dunkle Fellmütze, viel Lidstrich, liest am liebsten Mördergeschichten, drei pro Woche. Was soll sie sonst auch tun, im Ort ist sie die Einzige in ihrem Alter. Im Sommer zieht sie endlich weg, nach Rovaniemi, ihr älterer Bruder ist schon dort. Rovaniemi ist mit 61'000 Menschen die grösste Stadt im finnischen Lappland, dort möchte Roosa Stoor Krankenschwester für psychisch Kranke werden. Ihre Mutter hat Verständnis, wenn sie geht.

Eine Reform zum Schlechteren

Mika Riipi kennt das: Wer den Norden verlässt, hat nicht vor, zurückzukommen. Bei ihm war es so. Er ging nach Helsinki, hat im Innenministerium gearbeitet. Nun sitzt er doch wieder in Lappland, in Rovaniemi, in einem grauen Verwaltungsbau. Er leitet den Regionalrat. «Wir sollten uns keine Sorgen machen um die, die gehen und die Welt sehen wollen», sagt er. Irgendein «Funke» werde sie schon zurückbringen. Bei ihm sei das die Geburt des ersten Kindes gewesen und das Gefühl, es müsse in Lappland aufwachsen. Weil die Natur dort etwas «irgendwie Heiliges» habe.

Eine grosse Reform könnte das Leben in Lappland bald noch schwieriger machen. Die Regierung in Helsinki möchte das Sozial- und Gesundheitswesen umkrempeln, Gemeinden zu Regionen zusammenfassen. Zum Beispiel soll dann nur noch in Rovaniemi rund um die Uhr ein Doktor sein.

Finnland ist ein Leseland

Und was wird aus den Bibliotheken? Finnland ist ein Leseland: In den 291 Büchereien, ihren 465 Zweigstellen und 142 Bücherbussen wurden 2014 69 Millionen Bücher ausgeliehen – von 5,5 Millionen Finnen. Aber die Zahlen sinken, und das Geld der Gemeinden wird knapper.

Roosa Stoor stemmt einen vollen Bücherkarton und steigt die drei Stufen hinunter aus dem Bus. Locker gebundene Schuhe, knappe Leggins. Das Mädchen sinkt tief in den Schnee.

Bilanz am Abend: 140 Kilometer, neun Stopps, 22 Kinder und Erwachsene im Bus. Ein ganz normaler Tag, sagt Bibliothekarin Perdita Fellman. Der grösste Ort unterwegs ist Hetta. Oula Kotakorva holt das blaue Fahrtenbuch aus dem Fach über seinem Sitz, blättert zurück. Seite für Seite gefüllt mit derselben ordentlichen Schrift. Der Fahrer kennt die Entfernungen für jede Tour auswendig. Wenn er in Pension geht, im kommenden Jahr, wird er mehr als 1,2 Millionen Kilometer gefahren sein.

Wer ist ein echter Sami?

Im Hotel in Hetta ist nicht viel los, im Restaurant sind nur zwei Tische besetzt. Das Spezialmenü an diesem Abend: Käsesuppe, Salat, Hühnchen, Reis, frittierte Kartoffeln. Die Bedienung flirtet mit Bücher­bus-Oula. Sie heisst Riita Kukkonen und ist Sami. 9000 Sami sollen in Finnland leben. Genau weiss das keiner, denn Sami und Finnen haben sich seit Generationen vermischt. Jetzt streiten sie darüber, wer ein echter Sami ist und das Sami-Parlament wählen darf. Das entscheidet mit darüber, wie staatliche Fördermittel verteilt werden.

Am nächsten Morgen fährt der Bus weiter Richtung Norden. Der Schnee wird höher, die Bäume schmächtiger. Oula Kotakorva ist allein auf der Strasse, er bremst, wenn er Rentierspuren im Schnee sieht. Einmal ist ein junges Rentier in den Bus geklettert. Einmal steckte Oula Kotakorva in einer Rentierherde fest. Einmal hat er die Regeln gebrochen, Anfang der Achtziger muss das gewesen sein. Damals protestierten Tausende gegen ein Wasserkraftwerk in Norwegen und einen Staudamm, der das Dorf Mazé versenkt hätte. Oula Kota­korva hat damals Demonstranten mit­ge­nommen.

Bilanz des zweiten Tages: 225 Kilometer, sieben Stopps, zehn Besucher im Bus.

Nicht nach Lappland, niemals

Am nächsten Morgen in der Bücherei von Muonio: Paula Löppönen kommt gerade von einer Fahrstunde und ist noch völlig fertig. Seit September leitet die 28-Jährige die Bücherei. Sie ist die Chefin von Fellman und Kotakorva. Sie wollte nicht nach Lappland, niemals, aber dann ist sie doch nach Muonio gezogen, weil ihr Lebensgefährte hier als Wildführer arbeitet. Paula Löppönen weiss nicht, was sie ohne Oula Kotakorva und Perdita Fellman tun wird. Als Ersatz braucht sie jemanden, der mindestens Finnisch, Schwedisch und etwas Englisch spricht. Das Geld für den Bücherbus hat sie jedenfalls gerade wieder beantragt, sie will ihn nicht aufgeben. 21'000 Bücher sind vergangenes Jahr im Bus ausgeliehen worden, 35 000 in der Bücherei.

Mittags brechen Oula Kotakorva und Perdita Fellman schon wieder zur nächsten Tour auf: zwei Tage, 600 Kilometer, zwölf Stopps, zwölf Besucher. In Láhpoluobbal hat wieder eine Schule geschlossen. «Wenn man zu einem Ort kommt, wo der letzte Mensch gestorben ist, gibt es nichts mehr, zu dem man kommen könnte», sagt Perdita Fellman.

Erstellt: 31.03.2016, 21:36 Uhr

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