Die Rosa-Horror-Show

Feen-Kleid für Mädchen und Superman-Pulli für Buben –Eltern sind nicht unschuldig daran, dass Kinderkleidung so stereotyp ist.

Gleiches Kind – andere Kleider: Die deutsche Fotografin Tina Umlauf zeigt eindrücklich, wie sehr Textilien Rollenbilder transportierenFoto: Tina Umlauf

Gleiches Kind – andere Kleider: Die deutsche Fotografin Tina Umlauf zeigt eindrücklich, wie sehr Textilien Rollenbilder transportierenFoto: Tina Umlauf

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie nehmen es sich vor, wirklich. Meine Tochter, sagen heutige Frauen, modern und emanzipiert, meine Tochter wird nicht in die Rosa-Falle geraten. Sie soll frei von Geschlechterzwängen aufwachsen, soll nicht glauben, dass Mädchen keine Fussballprofis werden können oder Mathematikprofessorinnen oder eben auch: dass Mädchen nur rosa Glitzerpullis tragen.

Solange das Neugeborene in Stramplern steckt, ist das kein Problem. Doch sobald das Kind älter wird, ab zwei bis drei Jahren, wirds kompliziert. Dann müssen viele Mütter und Väter erkennen, dass der Vorsatz, ihre Tochter vor Tüll- und Tutu-Kleidung zu bewahren, praktisch unmöglich ist. Und das Fiese: Manche Eltern verstärken diese Rosafizierung auch noch, ohne es zu merken.

Auf dem Spielplatz wird an den Töchtern herumgezupft

Eigentlich erstaunlich – da reden wir über Rollenmodelle und Gleichstellung, akribisch leuchten wir unseren Alltag aus, um gendermässige Schräglagen aufzu­decken. Und dann betritt man eine Kinderkleiderabteilung und wird von Stereotypen erschlagen. Bei den Buben herrschen die Superhelden, Dinosaurier und Monster, vornehmlich in kräftigen Blau- und Grüntönen. Bei den Mädchen beginnt das Reich der Einhörner, Feen und Prinzessinnen, verziert mit Rüschen und Glitzer, hauptsächlich in Pastellfarben. Dazu ist Mädchenkleidung oft auch enger und knapper geschnitten. Hotpants versus luftige Shorts. Bauchfreie Shirts versus Schlabberhemden – schon bei den Kleinsten. Deutsche Forscher haben die häufigsten Sprüche auf Kinder­textilien untersucht: Bei den Mädchen waren es Adjektive wie «sweet», «lovely» und «happy», bei den Buben «strong», «wild» und «crazy».

Dabei würde es uns der freie Markt einfach machen: Solche Kleider würden nicht angeboten, gäbe es keine Nachfrage. Die Modekonzerne wären die Ersten, die sich von textilen Genderklischees verabschiedeten, würden Eltern sie konsequent nicht mehr kaufen. Warum tun sie es trotzdem? Die seufzende Antwort vieler Mütter und Väter: «Weil die Tochter Pink liebt.» Mädchen, so die oft gehörte Klage, würden von der Farbe magisch angezogen.

Klar, wenn die Kita-Gspänli Prinzessin Lilifee tragen, will das eigene Kind natürlich ebenso. Dennoch müssen sich auch Eltern, Lehrerinnen und Erzieher die unbequeme Frage gefallen lassen, wie sehr bei ihnen Rollenbilder unbewusst als Hintergrundprogramm weiterlaufen. Indem sie das Mädchen dafür loben, wenn es so «lovely» aussieht, wie es sein Shirt verspricht. Oder den Buben dafür, dass er drei Purzelbäume hintereinander macht – während seine Schwester ermahnt wird, ihr Kleidchen nicht hochrutschen zu lassen.

Wie reagieren Eltern, wenn ihr Dreijäh­riger sich die Fingernägel lackieren möchte? Oft ablehnend.

Historikerin Dominique Grisard forscht zur Frage, was die Farbe Rosa mit Kindern macht. Als Dozentin am Zentrum für Gender Studies in Basel – und als Mutter eines dreijährigen Sohnes, mit dem sie auf den Spielplätzen Feldforschung betreibt. «Dieses Zurechtzupfen und Zurechtweisen beobachte ich viel öfter bei Eltern von Töchtern», sagt sie. Das schränke ein und sende eine klare Botschaft an Mädchen: Dass sie stets adrett sein sollen und nach ihrem Äusseren bewertet werden. «Das prägt bis ins Erwachsenenalter.»

Grisard legt den Finger auch auf einen anderen wunden Punkt: Dass Eltern nicht immer so aufgeschlossen sind, wie sie denken. Gerade wenn es um Buben geht, die nicht selten erfrischend unbefangen auf Pink reagieren – solange sie sich der Stereotypen nicht bewusst sind. Wie reagieren Eltern beispielsweise, wenn ihr Dreijäh­riger sich die Fingernägel lackieren möchte? Oft ablehnend, sagt Grisard – besonders die Väter. «Sie haben grosse Mühe, wenn Söhne feminines Verhalten zeigen. Weil das Weibliche noch immer abgewertet wird.» Diese Ablehnung kommt ohne Worte aus. Selbst eine Tonlage oder Geste, die ausdrückt «Das ist nur für Mädchen», nehmen schon die Kleinsten wahr.

Für Erwachsene lancierten Modefirmen wie H&M und Zara genderneutrale Kollektionen, und auch für Kinder gibt es erste «Unisex»-Angebote. Doch sie bleiben Nischen. Die Migros etwa schreibt, die Nachfrage nach neutralen Kindertextilien sei «eher tief». Die Bestseller? «Glimmer, Glitzer, Rüschen, besonders bei Mädchen.» Als ein Londoner Kaufhaus vor zwei Jahren begann, Kleidung nicht mehr nach «Boys» und «Girls» zu benennen, reagierten Eltern entrüstet: Das sei übertriebene Political Correctness.

«Gender Reveal Partys» werden populär

Grisard beobachtet eine Doppel­bödigkeit: Einerseits ist sich unsere Gesellschaft über die Gleich­berechtigung von Frau und Mann einig. Andererseits – oder gerade deshalb – werden Geschlechterdifferenzen heute stärker betont, wohl auch, um Klarheit zu schaffen in einer zunehmenden Vielfalt von Gender-Identitäten. Das beginnt schon vor der Geburt: bei den immer beliebteren «Gender Reveal Partys» etwa, einem Trend aus den USA, wo Schwangere das Geschlecht ihres Ungeborenen feierlich auf einer Party enthüllen.

Welche Strategien bleiben Eltern also beim Kleiderkauf? Nicht allzu viele. Online shoppen, damit das rosa Röcklein nie in Sichtweite der Tochter kommt? Kleider vom grossen Bruder nachtragen lassen? Vielleicht. Wobei nicht die Farbe Rosa das Problem ist. Sondern: dass es keine pinken Superhelden-Shirts und Monsterpullis gibt.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 18.01.2020, 18:26 Uhr

Kindermode ohne Firlefanz

Online finden Eltern viele Labels mit neutralen Textilien. Beispiele:

stadtlandkind.ch: Schlichte, nachhaltige Kleider und Spielzeuge

youngandbrave.ch: Textilien für Babys, Kinder, Frauen

minibär.ch: Bio-Kindermode

jako-o.com: Drinnen und draussen

miniundstil.ch: Blog mit Tipps für schlichte, hochwertige Brands

Artikel zum Thema

Hilfe, mein Kind trägt Dieter-Bohlen-Kleider

Essay Der Sohn unserer Autorin liebt Autos, Geld und Partys, wo halb nackte Frauen tanzen. Wie konnte es so weit kommen? Mehr...

«Das war ich nicht!»

Kinder stellen Unfug an: Ihr Gefühl für richtig und falsch ist vage. Eine Anleitung, wie die Kleinen lernen, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Mehr...

«Irgendwie traumatisiert man sein Kind ja immer»

Was macht gute Eltern aus? Als die Ökonomin Emily Oster Mutter wurde, sammelte sie Daten und schrieb einen Baby-Ratgeber, der Mut macht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...