«Arena» lädt zur Steinzeit-Debatte

Echt jetzt? Das SRF lässt morgen darüber diskutieren, ob Mütter arbeiten gehen sollen.

Die Vorschau auf die kommende «Arena».


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Eine Frau, liess Herr Erdogan letzte Woche verlauten, sollte mindestens drei Kinder zur Welt bringen. Er meinte damit natürlich in erster Linie die Türkinnen, aber nicht nur. Denn Frauen, die das nicht tun würden, die sich also recht eigentlich ihrem einzigen Daseinsgrund und damit ihrer biologischen Aufgabe verweigerten und keinen Nachwuchs gebärten, seien «unvollständig». Das sagte Herr Erdogan auch noch. Jetzt ist das Betrachten von Frauen als Produzentinnen von Staatsbürgern eine etwas unappetitliche Vorstellung und historisch gesehen auch entsprechend belastet. Trotzdem rief die Äusserung keine Welle der Empörung hervor. Weil ihr heimlich viele zustimmen. Erst recht hierzulande.

Man muss gar nicht weit suchen, um den Zusammenhang zu verstehen. Die «Arena» möchte nämlich morgen Abend über Gleichstellung diskutieren. Moderator Jonas Projer sucht daher Menschen, die mit ihm über dieses Sujet reden wollen. Im Einspieler, der dazu auf SRF 1 läuft, fragt er, ob Frauen heute noch benachteiligt seien – weil es kaum Krippenplätze gebe. Und ob Mütter arbeiten gehen sollen.

Es überkommt einen schon grosse Müdigkeit, bevor es überhaupt Freitagabend ist. Während in den USA gerade die erste Frau als Präsidentschaftskandidatin nominiert wurde und das Magazin «Forbes» die Liste der 100 mächtigsten Frauen veröffentlichte, dreht es sich in der Schweiz immer noch um die Frage, ob Mütter, diese offenbar als irgendwie geschützte Spezies betrachtete Art, arbeiten gehen sollen.

OECD-weit auf dem zweitletzten Platz

Die «Arena» kann für ihren reaktionär anmutenden Ansatz wenig, sie nimmt bloss auf, auf welchem Niveau die Geschlechterdebatte in der Schweiz geführt wird. Und da herrscht immer noch die Meinung, dass Mütter halt doch irgendwie besser daheim aufgehoben seien. Man ist zwar schon für Gleichberechtigung – niemand, der bei Trost ist, würde sich öffentlich dagegen aussprechen, weil, nun ja, das wäre doch etwas gar steinzeitlich –, aber man mag sie lieber als Theorie denn praktisch. Und gerade die Frauen nehmen sie gerne für sich in Anspruch, nur nicht dann, wenn es darum geht, finanziell Verantwortung zu übernehmen.

Daher auch die Frage Projers, ob Frauen wegen des Krippenmangels benachteiligt seien. Dieser Zusammenhang wird immer wieder bemüht, obschon völlig schleierhaft ist, inwiefern es sich dabei um eine frauenspezifische Problematik handeln soll. Kinder haben Eltern. Sprich: Sie haben auch Väter. Die Gründung einer Familie ist eine gemeinsame Entscheidung. Inwiefern sollen also ausgerechnet die Frauen durch fehlende Krippenplätze benachteiligt sein? Solange Kinder als höchstexklusiv weibliche Problematik wahrgenommen werden, kommt die Debatte keinen Schritt voran. Weshalb auch die Männer im Einspieler mit keinem einzigen Satz vorkommen. Nicht gefragt wird, weshalb nur 12 Prozent aller Väter Teilzeit arbeiten, nur sieben Prozent aller Paare mit Kindern sich Haushalt und Berufstätigkeit hälftig teilen. In Sachen Gleichstellung hinken wir hinterher. Hoffnungslos. Die Schweiz belegt OECD-weit den zweitletzten Platz, was die Anzahl Frauen im Berufsleben angeht. In keinem anderen Land ausser Holland ist der Anteil an weiblichen Arbeitskräften so gering wie hier und tragen die Frauen finanziell so wenig zum gemeinsamen Haushalt (und zur Volkswirtschaft) bei wie bei uns.

Weil bezüglich der Geschlechter und ihrer Rollen hierzulande in den Köpfen Vorstellungen hocken, die denen von Herrn Erdogan verdammt ähnlich sind.

Erstellt: 09.06.2016, 14:33 Uhr

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