Die Streber sind am Drücker

In der Schule mochte sie niemand. Doch heute sind Biedermänner überall – und verbeamtisieren die Welt. Ein Essay.

Wahnsinnig vorbildlich: Streber turnen für ihre Fitness gerne auch im Büro. Foto: Getty Images

Wahnsinnig vorbildlich: Streber turnen für ihre Fitness gerne auch im Büro. Foto: Getty Images

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In der Mittagspause gehen sie joggen. Federnd ziehen sie von dannen in ihren Lycra-Hosen, die so unvorteilhaft das Geschlecht betonen, am Oberarm das iPhone, alles wird darauf datenmässig erfasst. Die Welt soll wissen, dass sie auf sich und ihren Körper achten, dass sie verantwortungsvolle Bürger und engagierte Mitarbeiter mit einer ausgewogenen Work-Life-Balance und einem tadellosen Körperfettanteil sind.

Sie rauchen nicht, halten Mass beim Alkohol, und auf Zucker verzichten sie sowieso. Sie verwenden Sonnenschutzfaktor 30, tragen einen Velohelm und überqueren die Strasse bei Rot selbst dann nicht, wenn weit und breit kein Auto in Sicht ist. Es ist, wie wenn sie mit dem lieben Gott einen Deal machen wollten: Schau, ich mache alles richtig, ich lebe total gesund, als Belohnung muss ich nicht sterben, nicht wahr?

Sie verwenden Vokabular wie «Migrationshintergrund» und «bildungsfern».

Sie sind wirklich wahnsinnig vorbildlich. Sie verwenden auch ausschliesslich korrektes Vokabular wie «Migrationshintergrund» und «bildungsfern». Seit neustem beschliessen sie Sitzungen mit dem Satz: «Ich nehme das mit.» Sie nehmen oft etwas mit, denn sie lieben Sitzungen, sie verschicken selbst dann, wenn sich eine Angelegenheit in fünf Minuten klären liesse, eine Google-Einladung für ein Meeting, sie haben nachgerade einen Meetings-Fetisch, auch ihren privaten Kalender verwalten sie digital.

Sie sind die Streber, von denen man nach der Schule hoffte, sie nie mehr wiederzusehen. Es kam anders. Jetzt sind die, die nie an einen Fez eingeladen wurden, weil sie so langweilig waren, dabei, die Welt zu verbeamtisieren, indem sie mit ihrer Streberhaftigkeit dafür sorgen, dass es auch in der Privatwirtschaft zugeht wie in einem Bundesamt, dass alles zu einem einzigen Bundesamt wird, Firmen genauso wie die Gesellschaft insgesamt.

Der Streber ist dafür verantwortlich, dass Excel-Tabellen erstellt und für die kleinste Nichtigkeit Formulare ausgefüllt und «Prozesse» beachtet und natürlich: «harmonisiert» und das «wording» festgelegt und «Debriefings» veranstaltet werden müssen, dass die Bürokratie immer grösser wird, monströs geradezu, dass nichts mehr einfach so geht, mit kurzen Entscheidungswegen oder spontan, wo kämen wir denn da hin.

Wichtig ist, dass «die Linie eingehalten» und «zeitnah» «Rückmeldung gegeben» wird, dass regelmässig Workshops und Brainstormings und Team-Spirit-Kurse stattfinden. Das alles liebt der Streber, er kann dann wieder eine Excel-Tabelle erstellen und das Wort «performen» verwenden oder gar «quick win». Etwas Konkretes schaut dabei nie raus, aber das macht nichts, das ist nicht die Aufgabe des Strebers, er verwaltet.

So wie sich der Streber früher stets auf die Seite der Lehrer schlug, schlägt er sich heute auf die Seite des Staates.

Nur wenn er mal so richtig verrucht sein will, so richtig wild, dann sagt er an einer von ihm einberufenen Sitzung: «Wir müssen jetzt mal think outsäid dä box», und es hört sich an wie eine Drohung, weil das letzte Mal ausgeflippt ist der Streber mit Mitte 20, als er ein ihm untergejubeltes Hasch-Küchlein ass, seither geht er nach «10 vor 10» ins Bett.

So wie sich der Streber früher stets auf die Seite der Lehrer schlug, schlägt er sich heute auf die Seite des Staates, nicht nur mit der Übernahme des Beamten-Sprechs. Er befürwortet auch sehr energisch dessen grundsätzliche Massnahmen zur Volkserziehung. Zum Beispiel bei der Gesundheitsförderung.

Der Streber missbilligt die Raucher, draussen wedelt er angewidert deren Emissionen weg, und genauso verachtet er jene mit Übergewicht und jene, die keinen Sport treiben. Man weiss doch, was das kostet! Er kann die neusten Zahlen der WHO auswendig zitieren: Ein Viertel der Menschheit bewegt sich zu wenig! Die Folgen davon gehen in die Milliarden! Zulasten der Allgemeinheit!

 Das Znüni-Täschli seiner Kinder ist tadellos, alles bio, alles kalorienarm, alles zuckerfrei.

Den Streber empört das alles sehr, dieses Uneinsichtige nimmt er persönlich, und deshalb befürwortet er unbedingt, dass an Schulen von staatlicher Seite frühzeitig in Form von strikten Ernährungsregeln edukativ eingegriffen wird; das Znüni-Täschli seiner Kinder zumindest ist tadellos, alles bio, alles kalorienarm, alles zuckerfrei, liebevoll von der Gattin vorgekocht.

Der Streber bietet gerne Hand, um zur Steigerung der Volksgesundheit beizutragen, auch in seinem eigenen Betrieb. Dank ihm konnte Gesundheitsförderung Schweiz (Jahresbudget: fünf Millionen Franken) unlängst vermelden, dass immer mehr Firmen sie in ihren Bemühungen unterstützten, was heisst, dass in manchen Betrieben dreimal täglich geturnt wird, zwischen Computer und Pult, freiwillig ist das, versteht sich.

In den Präventionsmassnahmenabteilungen sitzen sie derweil da, befriedigt, dass ihre pädagogischen Bestrebungen auf offene Ohren stossen, dass da immer noch mehr Geld gesprochen wird, mittlerweile sind es 1,6 Milliarden Franken pro Jahr, die ausgegeben werden, um die Bevölkerung vor sich selbst zu schützen. Leider erweist sich die Jugend als gar störrisch und will nicht so recht vom Tabak lassen, da erweisen sich all die Bemühungen als einigermassen nutzlos.

Davon lassen die sich in den Präventionsmassnahmenabteilungen indes nicht beirren, sicher nicht, sie erklären stattdessen, das beweise nur, dass noch mehr Geld nötig sei, und wer will da schon widersprechen, wer ist schon pro Rauchen, da steht argumentativ jeder mit dem Rücken zur Wand.

Und es ist ja gut, wenn die Menschheit weniger raucht und säuft und isst und faulenzt, und es ist ja gut, wenn die Zahl der Herz-Kreislauf-Dahingerafften vermindert werden kann, aber Herrgott, es gibt doch einen Mittelweg, ein etwas fröhlicheres Mass, ein humorvolleres Mass auch, man muss doch nicht gleich so verdammt langweilig und missionarisch werden, so spassbefreit und schmallippig und so phänomenal unsexy. Wobei: Der Streber ist sowieso Post-Sex, das mit dem entsprechenden Termin im Google-Kalender haute nicht recht hin; das kümmert ihn wenig, Sex fand er immer irgendwie unordentlich, und Kinder hat er ja.

Er rächt sich für all die verpassten Partys.

Der Streber ist heute nicht anders als früher in der Schule, sandgestrahlt, ohne Ecken und Kanten, immer beflissen, immer korrekt, immer auf der richtigen Seite, und das ist jetzt die Seite des Elektrovelos; das passt zu ihm, es ist so blass und emissionslos wie er. Im Unterschied zu früher aber kann er heute bestimmen, ist er nun am Drücker, er nutzt das erbarmungslos und rächt sich für all die verpassten Partys in seiner Jugend, indem er die Bevormundung aller anderen immer weiter vorantreibt. Und so sehnt man sich, beinahe bewusstlos vor lauter korrekter Langeweile, nach mehr Saftwurzeln, nach Querköpfen und Originalen und Wüterichen, einfach nach Anti-Strebern, die auf Ich-Botschaften pfeifen, die «kündigen» sagen, wenn sie kündigen meinen, und nicht von «Zusammenarbeit beenden» schwafeln und nie den Begriff «optimieren» verwenden würden, schon gar nicht in Bezug auf Menschen.

Weil das nämlich eklig ist, so eklig, wie Raucher oder Dicke oder Unsportliche nur als Kostenfaktor zu sehen, ganz abgesehen davon, dass der Sportler auch kostet, konkret über eine Milliarde Franken pro Jahr, wenn er sich beim Marathontraining einen Erschöpfungsbruch holt, dann zahlt für diesen Midlife-Crisis-Ehrgeiz ebenfalls die Allgemeinheit.

Immerhin: Am Ende, wenn alle rauchfrei und fettanteiloptimiert und abstinent und durchtrainiert dasitzen an ihren Pulten, wenn alle arbeitslos geworden sind in den Präventionsmassnahmenabteilungen von Bund und Kantonen, und wenn niemand mehr stirbt, weil das ja mit perfekten Cholesterinwerten angeblich gar nicht mehr möglich ist, dann sind da zwar die überflüssig gewordenen Präventionsabteilungsmitarbeitenden, aber da sind auch noch die Kinder der Streber.

Und sie werden zum Frühstück Cheesecake essen.

In die muss man alle Hoffnung setzen. Dass die sich auflehnen gegen ihre Eltern und gegen diese um sich greifende Verbeamtisierung, diese grassierende Fräulein-Rottenmeyer-Haftigkeit und diese alles lähmende Biederkeit. Dass die, wie sich das aus Abgrenzungsgründen gehört, schon im Kindergarten mit Snickers dealen und später mehr vom Leben wollen als eine Excel-Tabelle, mit der die korrekte Anzahl Stunden Schlaf eruiert werden kann, dass die Elektrovelos doof finden und Fortbewegungsmittel mit Motoren bevorzugen, schwere Maschinen, die nach Benzin und Abenteuer riechen und knattern und lärmen, je lauter, desto besser, solche, die einen jauchzen lassen.

Und sie werden Gluten umarmen und zum Frühstück Cheesecake essen und sowieso am allerliebsten Fast Food und den Zigis zu neuem Glanz verhelfen und sich dem Alkohol hingeben, weil sie sich sagen: Fuck them, wir wollen an was anderem als an Langweile sterben.

Erstellt: 24.09.2018, 15:51 Uhr

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