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Die To-do-Liste ist Makulatur

Die Corona-Krise pflügt unseren Alltag gewaltig um. Das, was vor ein paar Tagen noch als Aussicht auf mehr Musse lockte, wird uns auf Dauer vollkommen lähmen.

Sich neue Ziele zu setzen, ist derzeit schwierig – wer weiss schon, was die kommende Woche bringt? Foto: iStock
Sich neue Ziele zu setzen, ist derzeit schwierig – wer weiss schon, was die kommende Woche bringt? Foto: iStock

Dem russischen Schriftsteller Anton Tschechow wird der Satz zugeschrieben: «Jeder Idiot kann eine Krise meistern, es ist der Alltag, der uns fertigmacht.» Das Zitat stammt zwar wohl nicht von Tschechow, klug ist es dennoch: Eine Krise kann ungeahnte Kräfte freisetzen und uns Erstaunliches vollbringen lassen. Im Morast der ewig gleichen Alltagsroutine fällt es dagegen schwer, die eigene Gestaltungskraft auf Dauer wachzuhalten.

Auch die Corona-Krise setzt gegenwärtig ungeahnte Kräfte frei. Regierungen legen eine Führungsstärke an den Tag, die sie sonst vermissen lassen. Die Zivilgesellschaft zeigt sich solidarisch wie lange nicht mehr. Unternehmen setzen anstandslos um, was unter normalen Umständen für grossen Widerstand sorgen würde. Der Ernst der Krise macht uns handlungsfähig.

Zugleich pflügt die Krise unseren Alltag gewaltig um: Angestellte müssen sich im Homeoffice zurechtfinden, Kinder sich ohne ihre Freunde unterhalten, Vereinsaktivitäten ruhen. Der Morast des Alltags könnte sich damit zäher als je zuvor über unser Dasein ergiessen und uns mit der Zeit vollkommen lähmen. Das, was vor ein paar Tagen noch als Aussicht auf mehr Musse lockte, ist auf Dauer furchtbar langweilig. Die Krise wird uns nicht länger anspornen. Sie wird uns fertigmachen, wenn sie erst einmal alltäglich wird.

Dass sich seine Pläne in Luft auflösen, wird den modernen Menschen treffen wie kaum etwas anderes.

Für das medizinische Personal entstehen jetzt Herausforderungen, die es an seine Grenzen bringen wird. Für die isolierten Menschen zu Hause ist die grösste Herausforderung eine andere. Sie beruht darauf, dass der moderne Mensch ein zielversessenes Wesen ist: Er macht einen Plan, setzt eine To-do-Liste auf, führt eine Agenda. Die entsprechenden Listen sind nun aber Makulatur. Konzertveranstaltungen und Einladungen bei Freunden? Abgesagt. Die gebuchten Ferien? Annulliert. Die Balkonbegrünung, für die wir jetzt doch Zeit hätten? Sistiert: Das Gartencenter ist geschlossen.

Dass sich seine Pläne in Luft auflösen, wird den modernen Menschen treffen wie kaum etwas anderes. Denn seine Existenz ist randvoll mit Dingen, die Kieran Setiya, Philosophieprofessor am MIT in Boston, als «telisch» bezeichnet: Tätigkeiten, die auf ein Ziel (griechisch «telos») gerichtet sind und damit auf einen Endpunkt zustreben, an dem sie ausgeführt und abgeschlossen sind.

Nach Hause zu fahren, ist beispielsweise telisch: Kommen wir zu Hause an, ist die Tätigkeit erledigt. Die Weiterbildung ist telisch: Wir streben eine berufliche Neuorientierung an. Auf einen Marathon trainieren ist telisch: Als Finisher haben wir unser Ziel erreicht. Anders atelische Tätigkeiten: Sie streben nicht auf ein Endziel zu, sondern wir vollführen sie um ihrer selbst willen. Spazieren gehen. Mit dem Partner ein Glas Wein trinken. Karten spielen. Ein warmes Bad nehmen.

Wir werden lernen müssen, den Wert weniger zielgerichteter Tätigkeiten neu zu schätzen.

Wie Kieran Setiya in seinem Buch «Midlife-Crisis» ausführt, haben viele Lebenskrisen ihren Ursprung darin, dass wir eine Sucht nach allem Zielorientierten entwickelt haben: Kaum ist ein Vorhaben erledigt, hecken wir das nächste Projekt aus, das wir umsetzen wollen.

Haben wir es umgesetzt, ist das Wohlgefühl aber nur von kurzer Dauer. Zielversessen, wie wir sind, suchen wir nach einem neuen Punkt auf der Liste, den wir abhaken können. Oder wie Wilhelm Busch sagte: «Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.»

Corona wird uns diese Marotte zwangsläufig austreiben. Denn viele unserer Ziele sind aufgeschoben oder gar aufgehoben. Sich neue Ziele zu setzen, ist schwierig. Wer weiss schon, was die kommende Woche, was der nächste Monat bringt?

Wir werden lernen müssen, den Wert weniger zielgerichteter Tätigkeiten neu zu schätzen: Geige spielen nicht wegen der Orchesterprobe, sondern aus Lust am Spiel. Ein Buch lesen nicht wegen der Prüfung zum Thema, sondern weil wir lesen wollen. Die Wohnung putzen, nicht weil Besuch kommt, sondern weil im Schrubben selbst etwas Reinigendes liegt.

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