Die Undankbaren

Sie sind der Albtraum aller Standortförderer: Linke Stadtbewohnerinnen und -bewohner, die sich gegen die Aufwertung ihrer Umgebung wehren.

Die Rosengartenstrasse in Wipkingen soll unter den Boden. Anwohner wehren sich dagegen. Foto: Patrick Gutenberg (LAB)

Die Rosengartenstrasse in Wipkingen soll unter den Boden. Anwohner wehren sich dagegen. Foto: Patrick Gutenberg (LAB)

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Was ist nur mit diesen Städten los? Tolle Geschenke macht man ihnen, Geschenke, die alle wollen. Doch sie lehnen ab. Schnöde, undankbar.

Zum Beispiel New York. Über 200 amerikanische Orte versuchten, das neue Amazon-Hauptquartier (genannt HQ2) zu sich zu locken. Dazu überboten sich die Bürgermeister mit Steuergeschenken und riesigen Umzonungen, geht es doch um bis zu 50'000 Arbeitsplätze. Das Rennen machte New York (zusammen mit Virginia). Doch bald setzte in Queens, wo die Büros entstehen sollten, heftiger Widerstand ein gegen den neuen Nachbarn. Amazon sagte wieder ab.

Oder Berlin. Google wollte einen Forschungscampus in Kreuzberg aufbauen. Auch hier wehrten sich Anwohner. Der Milliardenkonzern verzichtete auf sein Vorhaben.

Oder Zürich: Der bürgerliche Kanton möchte 1,1 Milliarden Franken ausgeben (eine halbe Milliarde mehr, als das Polizei- und Justizzentrum kostet), um den linksgrünen Stadtteil Wipkingen mit einem Tunnel vom Lärm der Rosengartenstrasse zu befreien. Statt zu jubeln, sagen viele Stadtzürcher Linke: Behaltet doch euren Tunnel.

Trotz Unterschieden verbindet eine Gemeinsamkeit die drei Geschichten. Sie alle widersprechen der weit verbreiteten Logik der Standort­förderung. Diese besagt: Städte sollen möglichst viele Unternehmen ­anlocken und möglichst wohnlich gestaltet werden. Unvernünftig sei es, gegen mehr Arbeitsplätze zu sein oder gegen stille Strassen. Denn davon profitierten alle, arm und reich.

Immobilienbesitzer freuen sich über Aufwertungsschübe

Als Amazon bekannt gab, dass es nach Long Island City in Queens ziehen will, überdrehte der dortige Immobilienmarkt. Wohnungen, die bis anhin niemand wollte, wurden zu Traumpreisen verkauft. Von einem «Goldrausch» schrieben Zeitungen. In Berlin fürchteten die Google-Gegner die gleiche Auswirkung. In Zürich können sich die Feinde des Rosen­gartentunnels auf ein anschauliches, abschreckendes Beispiel berufen: die Weststrasse. Nach dem Beschluss, die Wiediker Stadtautobahn zur Tempo-30-Zone zu zähmen, startete rundherum das grosse Häuserhandeln. Immobilienbesitzer können sich über solche Aufwertungsschübe freuen. Mieterinnen und Mieter weniger. Sie müssen damit rechnen, durch die Raketenpreise aus ihrer Wohnung gedrängt zu werden. Rund um die Westrasse ist das vielen passiert. Daraus erklärt sich der Widerstand gegen neue Prestige-Firmensitze oder Umfahrungs-Tunnel.

Auch unter Linken ist diese Abwehrhaltung umstritten. Manche halten es für zynisch, offensichtliche Verbesserungen zu bekämpfen. Andere sagen: Zynisch sei es, ein Quartier zu fördern und gleichzeitig einen Teil der Bevölkerung davon auszuschliessen. Betroffene fragen: Was bringen mir mehr Jobs und eine Flanierstrasse, wenn ich weit weg ziehen muss?

Solche Debatten können sich nur in jenen Städten entwickeln, die in den USA The-Winner-Takes-It-All-Cities heissen, Städten also, wo alle hinwollen, Unternehmen wie Menschen. In solchen Orten gibt es meist zu viele teure und zu wenig bezahlbare Wohnungen. Dieses Ungleichgewicht schürt die Aufwertungs-Angst. Darum bringt es nicht viel, sich über die angebliche Sattheit und Wirtschaftsfeindlichkeit linker Gewinnerstädte zu beklagen. Klüger wäre es, dabei mitzuhelfen, dass dort mehr günstige Wohnungen entstehen. Danach werden Geschenke wieder willkommen sein.

Erstellt: 24.02.2019, 21:21 Uhr

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