Unsichtbare Lesben

Schwule machen sich stark für oder gegen die Abstimmung am 9. Februar. Doch wo bleibt die Stimme der Frauen, die Frauen lieben?

Viele Frauen, die Frauen lieben, wollen sich nicht zusätzlich mit einem Outing exponieren. Foto: iStockPhoto

Viele Frauen, die Frauen lieben, wollen sich nicht zusätzlich mit einem Outing exponieren. Foto: iStockPhoto

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Die Debatte ist bis jetzt harmlos verlaufen: Dass die Schweiz am 9. Februar darüber abstimmt, ob die Antirassismus-Strafnorm auch Homosexuelle vor Diskriminierung schützen soll, hat bloss deshalb ein wenig für Wirbel gesorgt, weil ausgerechnet ein paar Schwule erklärten, die Vorlage abzulehnen.

Die Homosexuellen, scheint es, sind längst angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Beim Mittagessen wird mittlerweile auch über andere Formen der sexuellen Ausrichtung gesprochen, über Transmenschen und Non-Binäre genauso wie über A-, Bi-, Pan- und Transsexuelle. Eigentlich wird über alle erdenklichen Variationen der Liebe geredet – nur nicht über die Liebe zwischen zwei Frauen.

Die Lesben sind in der Öffentlichkeit nahezu unsichtbar. So unsichtbar, dass schwul häufig als Synonym für homosexuell verwendet wird. Wie dann, wenn die ­Pride als «Schwulen-Parade» bezeichnet wird. Oder die «Ehe für alle» als «Schwulen-Ehe». Und selbst die NZZ in der Berichterstattung über die Vorlage vom 9. Februar titelt: «Die Schwulen sind die Attacken leid» – und die Lesben ganz einfach vergisst.

Die Schwulen sind lauter und präsenter

Dass letztes Jahr ein Buch erschienen ist mit dem Titel «Lesben raus!» – ein Aufruf, sich mutiger zu zeigen –, verwundert daher nicht. Die Unsichtbarkeit der frauen­liebenden Frauen ist den frauen­liebenden Frauen sehr wohl bekannt. «Das ewige Problem», seufzt Anna Rosenwasser, Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS). «Die grosse Frage der grossen Fragen», grummelt Historikerin Corinne Rufli, die zur Schweizer Lesbengeschichte forscht. «Eine Tatsache, die mich seit jeher umtreibt», ärgert sich Nadja Herz, Rechtsanwältin, Vorstandsmitglied der LOS und dort seit Jahren engagiert.

Die Schwulen sind lauter und präsenter, die Liste der bekannten und bekennenden homosexuellen Männer ist lang, nur schon hierzulande: Da wären Walter Andreas Müller, Erich Vock, Leonard und Michael von der Heide. Moderator Marco Fritsche. Dessen Kollegen bei SRF: Kurt Aeschbacher. Dani Fohrler. Sven Epiney. Olivier Borer. Mario Grossniklaus. Reto Lipp. Davor Patrick Rohr und Charles Clerc. In der Politik, unabhängig von der Ideologie: Martin Naef und Claude Janiak von der SP sowie Hans-Ueli Vogt und Thomas Fuchs von der SVP.

Am Arbeitsplatz stärker Kritik und Beobachtung ausgesetzt

Dann, natürlich: Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit und Deutschlands Ex-Aussenminister Guido Westerwelle. Der amtierende Premier Irlands, Leo Varadkar. Und der höchstbezahlte Fernsehschauspieler der USA, Jim Parsons, der den genial-nerdigen Dr. Dr. Sheldon Cooper in der Hit-Serie «The Big Bang Theory» spielt.

Die bekannten und bekennenden homosexuellen Frauen hingegen lassen sich an zwei Händen abzählen: Richtig, die Stadt Zürich hat mit Corine Mauch eine lesbische Stadtpräsidentin. Ansonsten sind da nur noch Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht. Und Ellen DeGeneres, Cynthia ­Nixon, Kristen Stewart und Jodie Foster. Wo also sind sie, die lesbischen Frauen?

Verstecken würden sie sich nicht, sagt Anwältin Nadja Herz, die damals das Partnerschafts­gesetz massgeblich mitgestaltet hat. Aber sie teilt den Eindruck, dass deutlich mehr homosexuelle Männer als Frauen geoutet sind: «Lesben überlegen sich sehr genau, wem gegenüber und wo sie das tun.»

Belästigungen sind stets sexuell konnotiert

Nicht nur in der Öffentlichkeit. Gerade am Arbeitsplatz sei es ­heikel: Lesbische Frauen verdienen zwar mitunter mehr als hetero­sexuelle Frauen – weil sie seltener eine Familie gründen und stärker auf den Beruf setzen –, sind aber wie alle Frauen stärkerer Beobachtung und Kritik ausgesetzt. Sie wollten sich mit einem Outing nicht zusätzlich exponieren. Sie wisse von homosexuellen Lehrerinnen, sagt Historikerin Corinne Rufli, die heute zurückhaltender seien in Bezug auf ihr Privatleben als noch vor ein paar Jahren: Seitdem sich so viele Eltern einmischten und fordernd aufträten, wollten sie sich nicht angreifbarer machen. Denn die Attacken unter der Gürtellinie, die folgen garantiert. Alle homosexuellen Frauen haben sich mit ihrer Partnerin in gewissen Momenten und in gewissen Gegenden schon vorsichtshalber nicht als Paar zu erkennen gegeben, sie haben bedrohliche Situationen erlebt oder sind in Lokalen oder in aller Öffentlichkeit beleidigt worden.

Männer fühlen sich davon offenbar besonders herausgefordert. Vor allem, wenn sie im Rudel auftreten. Herz, 55, und Rufli, 40, sagen, sie seien in ihrem Alter nicht mehr so gefährdet, da sie weniger ins Visier solcher Gruppen gerieten. Rosenwasser, 30, hingegen erlebt immer wieder verbale Übergriffe: Es reicht dafür, Hand in Hand mit ihrer Freundin am Fussgängerstreifen zu stehen, um aus fahrenden Autos heraus, mitten in Zürich, beschimpft zu werden. Die Pöbler sind keineswegs immer alt. Manchmal sehen sie sogar sehr hip aus. Und klar: Die Belästigungen sind stets sexuell konnotiert.

Lesben provozieren. «Schwule», sagt Anna Rosenwasser von der LOS, «kämpfen gegen das Stigma, ekelhaft und abstossend zu sein. Lesben kämpfen gegen die Fetischisierung, weil sie in der Pornografie als Männerfantasie dargestellt werden.» Überhaupt könnten sich immer noch viele eine rein weib­liche Sexualität kaum vorstellen. Bis heute wird sie denn auch belächelt, oft als «Phase» abgetan, die ganz von selbst ende, wenn nur der richtige Mann des Weges käme und die Frau entsprechend beglücke. Wobei die Lesben das meist deutlich gröber zu hören bekommen.

Vergewaltigung von Lesben als Disziplinierungsmassnahme

Indem sie den Männern nicht gefallen wollen, verweigern sich homosexuelle Frauen den herrschenden Weiblichkeitsnormen radikal. Bekommen sie als Paar dann noch ein Kind – degradieren damit den Mann zum blossen Samenspender –, ist das der Gipfel weiblicher Anmassung in den Augen all jener, die sich ohnehin die alte Ordnung zwischen den Geschlechtern zurückwünschen.

Im schlimmsten Fall weckt die Unabhängigkeit so heftige Aggressionen, dass diese in dem münden, was in patriarchalisch geprägten Ländern als «corrective rape» bezeichnet wird: die Vergewaltigung lesbischer Frauen mit der irren Begründung, sie damit zu heilen. Der Begriff kam Anfang des Jahres 2000 in Südafrika auf, nachdem Hilfsorganisationen einen Anstieg an schweren sexuellen Übergriffen auf Lesben festgestellt hatten. Ein Verbrechen als Disziplinierungsmassnahme für Frauen, die keine Männer lieben.

Lesben erfahren im Unterschied zu Schwulen eine doppelte Diskriminierung: als Homosexuelle und als Frau. Das ist der Grund, weshalb sie historisch kaum existieren. Corinne Rufli forscht über Lesben, was nur schon oft am Quellenmaterial scheitert: Der Begriff «lesbisch» wird nirgendwo erwähnt. In den Akten steht stattdessen etwa «liederlich» oder «unsittlich». Rufli untersucht, ob in der Schweiz ebenfalls Frauen wegen ihrer Homosexualität «administrativ versorgt» wurden oder – wie in Deutschland von einigen Fällen bekannt – Müttern früher nach der Scheidung deswegen das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen worden war.

«So, wie die Männer stellvertretend für die Allgemeinheit stehen, stehen die Schwulen stellvertretend für die LGBT-Community.»Nadja Herz

«Sie waren auch oft unbequem», sagt Corinne Rufli, und unbequeme Frauen mochte die Gesellschaft nie. Lesben waren sehr aktiv in der Frauenbewegung, setzten sich für die Gleichberechtigung ein und kritisierten das Patriarchat, als noch kaum eine den Mut dazu hatte. Es sei daher, sagt Nadja Herz, umso absurder, dass die Lesben bis heute so marginalisiert würden, da sie stets politisch engagierter gewesen seien als die Schwulen. Aber eben: «So, wie die Männer stellvertretend für die Allgemeinheit stehen, stehen die Schwulen stellvertretend für die LGBT-Community.»

Dennoch: Im Dezember zeigte eine Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern, dass die Zustimmung zur Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm 69 Prozent beträgt. Ist die Bevölkerung womöglich aufgeschlossener, als ihr das die Community zutraut? Könnten sich die Lesben vermehrt aus der Deckung wagen? Nadja Herz traut der Sache nicht. Sie nimmt, genauso wie Rufli und Rosenwasser, im Alltag einen Rückschritt wahr, eine zunehmende Intoleranz: Übergriffe häuften sich, im Ausland noch mehr als hierzulande, auch mit Toten.

Talk über homosexuelle Liebe («Zwischen Doppelleben und Selbstbestimmung»), u. a. mit Corinne Rufli, Kaufleuten, Zürich, morgen, 13. 1., 20 Uhr



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Erstellt: 12.01.2020, 20:01 Uhr

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