Die wirklichen Al Bundys

Die Online-Bewegung «Men Going Their Own Way» will Männer von der angeblichen feministischen Unterdrückung befreien.

Bier und Fernsehen waren dann öfters doch wichtiger: Al Bundy in der Serie «Eine schrecklich nette Familie».

Bier und Fernsehen waren dann öfters doch wichtiger: Al Bundy in der Serie «Eine schrecklich nette Familie».

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Der ledige Mann ist ein frei galoppierender Hengst, der Mann in der Beziehung hingegen ist ein trauriges Kutschenpferd. So in etwa sehen die Mitglieder von MGTOW die Welt. MGTOW steht für «Men Going Their Own Way». Frei übersetzt bedeutet dies: «Männer ziehens alleine durch».

MGTOW ist eine Onlinebewegung, die sich in den vergangenen zehn Jahren vor allem im angelsächsischen Raum ausgebreitet hat. Die Ursprünge liegen im Dunkeln. Zwei Amerikaner sollen MGTOW Mitte der 2000er gegründet haben. Heute hat die Facebook-Page mehr als 17'000 Likes. Gut 15'000 Leser verfolgen, was im betreffenden Forum auf der Social-Media-Site Reddit gepostet wird. Seit einiger Zeit hat die Bewegung auch Anhänger in Deutschland.

(Quelle: Facebook-Gruppe MGTOW – Men Going Their Own Way)

Das Ziel von MGTOW: absolute Freiheit für den Mann von jeglichen gesellschaftlichen Einengungen. Oder wie es auf der Website MGTOW.com heisst: «Es ist ein Statement für den Selbstbesitz, in welchem der moderne Mann seine Souveränität über allem bewahrt und beschützt.»

Nimm die rote Pille

Für die Mitglieder bedeutet das vor allem: Hände weg von Frauen. Die MGTOW-Bewegung sieht Männer als Opfer des Feminismus. Mehr noch: Frauen sind in ihren Augen kalkulierende Männersaboteurinnen. Sie benutzen Sex, um das männliche Geschlecht zu manipulieren; sie lassen sich schwängern, um an Geld zu kommen. Retten kann sich nur jener Mann, der sich vom weiblichen Geschlecht abnabelt.

Die Mitglieder der Bewegung berufen sich in ihrer Rhetorik gerne auf die Populärkultur. Immer wieder entdeckt man die Begriffe «blaue Pille» und «rote Pille» aus dem Film «Matrix». Wie der Protagonist Neo im Film durch die Einnahme der «roten Pille» die Wahrheit über die Matrix entdeckt, sollen Männer durch MGTOW die Wahrheit über das dominierende System des Feminismus erfahren.

Doch dies soll erst der Anfang sein, wie das Stufensystem zeigt, welches die Community eingeführt hat:

  • Level 0: Bewusstsein. Der Mann ist sich bewusst, dass Geschlechtergleichheit nur Lüge und Propaganda ist.
  • Level 1: Ablehnung von Beziehungen. Der Mann lehnt Partnerschaften mit Frauen kategorisch ab, geht aber noch sexuelle Beziehungen ein.
  • Level 2: Ablehnung sämtlicher Beziehungsformen. Der Mann lässt sich auch sexuell nicht mehr auf Frauen ein.
  • Level 3: Ökonomische Abkoppelung: Der Mann verdient nur noch so viel Geld, wie er zum Überleben braucht. Er sieht die Regierung als tyrannisches System, dem er aktiv finanzielle Mittel vorenthalten will.
  • Level 4: Totale Loslösung. In der höchsten Stufe des MGTOW verweigert der Mann jegliche Kontakte mit der Gesellschaft.

Die Regierung hackt den Sex-Bot

Besonders Level 3 und Level 4 machen stutzig: Ist das hier wirklich einfach eine Bewegung von Antifeministen? Ein Blick in die Tiefen der Foren und Facebook-Posts legt vor allem einen konfusen Mix aus Beziehungsfrustration, libertärem Gedankengut und Verschwörungstheorien offen: Frauen täuschen Orgasmen vor, um Männer unterwürfig zu machen. Die EU ist eine bürokratische Tyrannei. Popsongs sind feministische Propaganda. Die Regierung wird in der Zukunft Sex-Bots hacken.

Umso interessanter ist dann auch, dass schon einige Forumsmitglieder dafür einstanden, Al Bundy zur Galionsfigur der MGTOW-Bewegung zu erheben. Der Charakter aus der US-Sitcom «Eine schrecklich nette Familie» gründet zusammen mit Freunden No Ma’Am, zu Deutsch die Nationale Organisation der Männer gegen die Amazonen-Machtausübung. Bundys Ziel, die Machtergreifung der Frauen zu bekämpfen, wird dann aber immer mal wieder zurückgestuft. Etwa hinter den Protest gegen die Absetzung einer TV-Serie. Hinter wichtigere Ziele halt. Ja, vielleicht wär Al Bundy tatsächlich eine passende Galionsfigur für MGTOW. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2016, 17:10 Uhr

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