«Ägypten ist reif für ein Tierschutzgesetz»

Die Schweizerin Esther Vogt rettete am Nil einen misshandelten Esel. Ihr Rettungseinsatz hat damit aber erst begonnen.

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Bei einem Ihrer letzten Besuche in Ägypten ist Ihnen ein misshandelter Esel aufgefallen. Was ist genau vorgefallen?
Im Rahmen eines Teambildungsseminars war ich mit einer Schweizer Gruppe in Sakkara, einer altägyptischen Totenstadt südlich von Kairo, und habe dort diesen unterernährten Esel gesehen, der zahlreiche offene Wunden hatte. Ich habe mit dem Halter des Tieres verhandelt und den Esel schliesslich für 300 Euro erwerben können. Nicht, damit er mir gehört, sondern damit er nicht mehr zum Halter zurück muss, gegen den ich auch Strafanzeige eingereicht habe. Der Esel, den ich Seraphina getauft habe, ist nun bei der Tierschutzorganisation Spare in der Nähe von Sakkara untergekommen.

Ist Ägypten stärker von Tierschutzproblemen betroffen als andere Länder?
Nein, das ist ein globales Thema. Die Schweiz hat diese Probleme ja auch; Stichwort «Quälhof Thurgau». Der Unterschied ist, dass wir in der Schweiz ein Gesetz haben und bei Missbrauchsfällen handeln können. Entscheidend ist, dass man dort beginnt, wo man etwas sieht. Ich bin ein Mensch, der handelt, wenn ein Tier in Not ist – egal wo. Und wenn man einen Fall wie den von Seraphina noch medienwirksam aufbereitet, führt das zu einer Signalwirkung im Land. Darauf können dann auch andere Staaten reagieren und etwas verändern.

Seraphina haben Sie gerettet. Nun machen Sie sich daran, alle Tiere Ägyptens retten zu wollen. Wie gehen Sie vor?
Ich treffe mich Anfang nächster Woche in Kairo mit Abgeordneten des ägyptischen Parlaments, mit Amina Abaza, der Präsidentin der Tierschutzorganisation Spare, und dem Anwalt Emad El Shalakany, um den Erlass eines griffigen Tierschutzgesetzes in Ägypten aufzugleisen. Es gibt zwar bereits Artikel im Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1937, doch diese sind quasi nutzlos, da die dort aufgeführten Gefängnisstrafen nur selten ausgesprochen werden. Der Täter kommt in der Regel mit einer Busse von 200 Ägyptischen Pfund, also umgerechnet 11 Schweizer Franken, davon.

«Ein Tierschutzgesetz gibt einem Volk ein anderes Niveau.»

Gab es in Ägypten bereits Bestrebungen auf politischer Ebene, ein Tierschutzgesetz einzuführen?
Ich habe mich lange mit den Anwälten in Ägypten darüber unterhalten. Ihnen sind keine Bestrebungen bekannt, die darauf abgezielt hätten. Einzig Amina Abaza hat mit Spare einen Artikel in der Verfassung verankern können. Dieser hat leider auch nicht viel gebracht, da er nicht angewendet wird.

Könnte das fehlende Tierschutzgesetz nicht darin gründen, dass Ägypten in den letzten Jahren mit dem Arabischen Frühling, terroristischen Anschlägen und der Flüchtlingskrise ganz andere Probleme hatte, als Tiere zu schützen?
Wenn ein Land kein Tierschutzgesetz hat, ist dies der Ausdruck einer gewissen Mentalität. Ein Tierschutzgesetz gibt einem Volk ein anderes Niveau, denn so wie ein Mensch ein Tier behandelt, so behandelt er alles andere um sich herum. Mit einem Tierschutzgesetz kann man eine Basis schaffen, damit in einem weiteren Schritt auch ganz andere Dinge verändert werden können.

In der Hochkultur, die Ägypten früher hatte, genossen Tiere einen hohen Stellenwert. Wieso ist dies heute nicht mehr der Fall?
Im Alten Ägypten lebten die Menschen viel bewusster als heute. Durch diese Grundhaltung hatten sie einen ganz anderen Zugang zu sich und anderen Lebewesen – man wusste, dass Tiere genau so empfinden wie wir Menschen. Deswegen hatten Tiere damals einen hohen Stellenwert und wurden dementsprechend behandelt.

«Das Ziel ist, dass ich vor dem ägyptischen Parlament sprechen kann.»

Profitieren Sie vielleicht von einem «Europäerbonus», oder wie kommt es, dass erst eine Schweizerin das Thema in Ägypten weiterbringen kann?
Ja, das kann schon sein. Allerdings liegt es nicht allein daran. Kürzlich hat die Slowenin Noemi Haszon mit einer Onlinepetition die Missstände im Tierschutz thematisiert – doch auch sie konnte keine entscheidenden Veränderungen herbeiführen. Wahrscheinlich waren ihre Forderungen zu aggressiv formuliert, um etwas bewegen zu können. Das Beispiel zeigt: Wenn man ein Thema krampfhaft durchzusetzen versucht und die Forderungen nicht diplomatisch vermittelt, verschliessen sich die Menschen, und die Sache, um die es eigentlich ginge, gerät in den Hintergrund. Dadurch, dass ich seit 15 Jahren nach Ägypten reise, kenne ich die Mentalität der Ägypter sehr gut. Wenn man wohlwollend auf sie zugeht und die Zusammenarbeit mit ihnen sucht, sind sie sehr kooperativ und engagiert.

Wie gehen Sie nun konkret vor, um Ägypten sein erstes Tierschutzgesetz zu geben?
In einem ersten Schritt möchte ich medienwirksam die Anzeige gegen den Halter, der Seraphina misshandelt hatte, bei den zuständigen Behörden einreichen. Zudem treffe ich mich Anfang nächster Woche in Kairo mit den verschiedenen Parteien. Im Rahmen dieses und weiterer Treffen werden wir zusammen die Ausarbeitung des Tierschutzgesetzes vorbereiten. Das Ziel ist, dass ich vor dem ägyptischen Parlament sprechen kann und schlussendlich ein griffiges Tierschutzgesetz erlassen wird.

Wie realistisch sind Ihre Vorstellungen?
Sie sind realistischer denn je. Dass ich Seraphina gekauft habe, hat in Ägypten zu einer gewissen Medienresonanz geführt, die einerseits die schweizerisch-ägyptische Kooperation ermöglichte, andererseits aber auch die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert. Ich denke, dass Ägypten endlich reif ist für ein Tierschutzgesetz.

Erstellt: 31.10.2017, 11:03 Uhr

Esther Vogt

Esther Vogt ist Präsidentin der SQB Quantenbewusstsein AG, in deren Rahmen sie Schulungen, Seminare und Kongresse im In- und Ausland organisiert und durchführt. Zweimal jährlich führt sie Teambildungsanlässe in Ägypten durch, wo sie den Teilnehmern die ägyptische Hochkultur näherbringt. (Bild: Urs Schärer)

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