Schatz, was schauen wir heute?

Seit Netflix und die Streamingkultur Einzug gehalten haben, müssen sich Paare einer allabendlichen Belastungsprobe stellen.

Am Schluss schläft einer ein – so war es früher, und so enden Fernsehabende auch heute manchmal. Foto: Alamy Stock Photo

Am Schluss schläft einer ein – so war es früher, und so enden Fernsehabende auch heute manchmal. Foto: Alamy Stock Photo

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Früher war nicht alles besser, nur anders. Fernsehen zum Beispiel. Man machte den Apparat an, und es kam etwas, vor das sich Mann und Frau setzen konnten, bis es vorbei war. Fernsehprogramm war damals wie Wetter – fremdbestimmt und unabänderlich.

Das gilt nicht mehr, seit die Streamingkultur in Wohnzimmer und Fernseher gezogen ist. Seitdem gibt es immer und für jeden etwas Grossartiges zu sehen. Aber dieses Programm rieselt nicht einfach ins Zimmer, nein, der ganze Content muss jeden Abend neu erobert werden. Oft von zwei eher müden Menschen, die gemeinsam vor einem Gebirge aus Serien, Filmpaketen oder Hunderten von wertvollen Dokumentationen liegen. Und die sich angesichts dieser Mega-Videothek die Frage stellen: Was sollen wir heute schauen?

Neue Kommunikationsebene

Ist das Netflix-Abo noch neu, erscheint alles aufregend und verlockend, endlich lässt sich all das nachholen, wovon andere Paare schwärmen. Unerwartet bald tritt allerdings eine Art Plateauphase ein, egal, wie viele zusätzliche Abos man abschliesst und egal, wie viele neue Inhalte die Streamingsender jeden Monat produzieren. Die Aufregung ist weg. Man hat sich in dieses Schlaraffenland hineingefressen, der erste Seh-Hunger ist gestillt, die wichtigen, grossen Serien sind abgehakt.

Nach diesem Punkt gemeinsam weiterzugucken ist mühsam, um nicht zu sagen: echte Beziehungsarbeit. Denn das allabendliche Sichten und Einigen stellt eine anspruchsvolle, neue Kommunikationsebene unter Liebenden dar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Teilnehmer meist durch Erwerbs- oder Erziehungsarbeit geschwächt oder durch zwei Gläser Wein diskussionsfreudig geworden sind. Das gilt auch, wenn man seinen Partner sehr gut kennt.

Klar, die intern festgelegte Schnittmenge jener Filme und Serien, die nicht zur Debatte stehen, schränkt die Auswahl ein. Und fürchterlich ist die Vorstellung, mit einem frischen Partner erst wieder einen Konsens über Jason-Statham-Filme, italienische B-Komödien oder mässige Fantasyserien herstellen zu müssen. Aber auch unter lange zugewandten Menschen mit ähnlichem Geschmack lauern Untiefen bei der Programmplanung. Sicher, man hat gemeinsam schon Sensationsfunde gemacht. Es wird nur jeden Abend schwerer, das zu wiederholen.

Jeden Abend frische Ware

Der klassische «Netflix & Chill»-Pärchenabend beginnt so: Einer ergattert die Steuerung und scrollt durch die Sektion «Neuzugänge». Deren Bestand hat sich seit gestern kaum verändert. Trotzdem, und das ist der erste Zeitkiller, sichtet man alle Einträge und gibt dabei cineastisches Halbwissen von sich. Für den anderen besteht die Aufgabe in dieser ersten Phase darin, mehrfach zu rufen: «Stopp, was ist damit?» Woraufhin der betreffende Titel kurz erörtert wird: «Da spielt aber der Dings mit, den du nicht magst», «Der ist von 1997, das tut in den Augen weh» und so weiter. Besonders unangenehm sind die Urteile: «Haben wir schon mal angefangen.» Oder gar: «Haben wir schon gesehen.» Derlei macht klar, wie viel Paarzeit man den Streamingdiensten schon geopfert hat, und das bessert die Atmosphäre nicht. Der Druck, was wirklich Gutes zu finden, wächst.

Nach dem fruchtlosen Sichten der Neuzugänge arbeitet man sich zu kleineren Grundsatzkontroversen vor. Zum Beispiel darüber, ob man eine der circa 16 pausierten Serien wiederaufnehmen sollte und, wenn ja, welche. Eine solche Serie erneut anzugehen, fühlt sich aber immer irgendwie matt an. Man ist vom verfügbaren Überangebot so ­verwöhnt, man will jeden Abend frische Ware.

Sodann wird die Fernbedienung dem anderen überlassen. Es folgt: zähes Forschen nach Filmtiteln, die nicht verfügbar sind, oder nach Schauspielern, deren Namen man nicht genau kennt. Es häufen sich die Rückschläge, die Uhr tickt, und man bleibt dauernd bei den gleichen blöden Filmen hängen (immer: «The Commuter» mit Liam Neeson). Jeder hat zu diesem Zeitpunkt eigene Favoriten ins Rennen gebracht, die vom anderen durch stures Weiterschalten oder Schweigen blockiert werden. Das Vetorecht des Partners kommt einem in dieser Phase sehr hinderlich vor. Aber schliesslich war die Grundidee ja, dass man etwas zusammen macht. Immerhin, man spricht miteinander, das ist ein Vorteil der Netflix-­Diskurse – man hat daheim jetzt immer so eine kleine, private Feuilletonschlacht.

Ein Programmheft muss her

Der stete Zank zeigt aber auch das grundlegende Problem: Es fehlen Bewertungskriterien, um das Programm mündig diskutieren und kuratieren zu können. Es wird so viel produziert, dass man sich nicht zu allem mit Informationen versorgen kann. Auch Menschen, die noch halbwegs an der Popkultur teilnehmen, stehen ratlos vor den neuesten hauseigenen Produktionen, die alle so ähnlich heissen wie «Osiander & Kyle», «The Renovator» oder «Das wunderbare Talent des mittellosen Mr. Gilbert». Woher soll man wissen, ob sich dahinter die Pralinen­packung des Abends verbirgt? Die vierzeiligen Inhaltsangaben und Bewertungen der Streamingdienste sind ein Witz. Was soll man aus «79 Prozent Übereinstimmung» ableiten?

Was fehlt, ist eine Netflix-Programmzeitung mit sauberen Rezensionen, Charts und Starinterviews. Die Veröffentlichung der Ferienbücherliste von Barack Obama war ja auch deswegen ein weltweit erwartetes Ereignis, weil da ein sympathischer Mensch eine klare Richtung für literarischen Nachschub vorgab. So was wäre viel hilfreicher als die IMDB-Note oder die selt­same Art, nach der die Plattformen selbst ihre Inhalte einteilen. Wer sagt denn: «Liebling, steht dir der Sinn heute nach etwas aus dem Bereich ‹Anzügliche Stand-up-Comedy› oder eher ‹Bewegende europäische Serien›?» «Ach nein, Schatz, wir wollen lieber im Bereich ‹Schreckensvisionen der Zukunft› wühlen.» Bitte, es müssen brauchbare Kategorien her, zum Beispiel: «Wes Andersons Lieblingsfilme für ein ödes ­Wochenende» oder «Nur lustig, wenn man betrunken ist».

Panik macht sich breit

Im fortgeschrittenen Findungsprozess jedenfalls stolpert man über nichtssagende Serien und Eigenproduktionen und beschuldigt sich gegenseitig der Ahnungslosigkeit. Der Schwung des Abends ist dahin. Die Zeit auch, ein ganzer Film liegt nicht mehr drin. Jetzt steht die Panik im Raum, den ganzen Abend mit Scrollen und Nörgeln verbracht zu haben. Kamikazeartige Überzeugungsversuche wechseln sich deshalb mit dem verzweifelten Anspielen von Trailern ab oder pseudo-fröhlichem: «Schauen wir halt mal rein.»

Das häppchenweise Vorkosten scheint der einzige Ausweg, leider ist es sehr zeitintensiv. An schlechten Abenden fängt man auf diese Weise vier Sachen an, bei denen nach zehn Minuten einer von beiden abwinkt, zum Smartphone greift oder einschläft. Letzteres ist immerhin das Signal an den Partner, allein manövrieren zu können. Das geht zwar viel einfacher, macht aber nur halb so viel Spass.

Erstellt: 25.04.2019, 20:49 Uhr

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