Ex-Raver: «Für mich ist die Street Parade schon lange tot»

Sie tanzten einst zuvorderst mit. Mittlerweile meiden sie den Massen-Event. Weshalb, erklären Raver der ersten Stunde im Interview.

«Drogen gehörten einfach dazu»: Drei Raver inszenieren sich in den frühen 90er-Jahren. Symbolbild: Keystone / Michele Limina

«Drogen gehörten einfach dazu»: Drei Raver inszenieren sich in den frühen 90er-Jahren. Symbolbild: Keystone / Michele Limina

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Die Debatte um die zunehmende Kommerzialisierung der Street Parade flammt jedes Jahr von neuem auf. Bereits vor sieben Jahren beklagten alte Raver, die Seele der Street Parade sei gestorben. Aus aktuellem Anlass bringen wir an dieser Stelle nochmals ein Interview, das erstmals am 10. August 2011 im Tages-Anzeiger erschienen ist.

26 Jahre sind seit der ersten Street Parade vergangen, was ist von den Ursprüngen geblieben?
Philipp K. (Name geändert): So gut wie gar nichts. Die Techno-Szene und mit ihr die Street Parade war einst losgezogen, um die verkrusteten Strukturen der Rock- und Popmusik-Szene aufzubrechen. Das fing schon damit an, dass der Musiker, also der DJ, am Anfang eben nicht wie ein Star gehandelt wurde, sondern irgendwo in einem Keller seine Platten auflegte. Ziemlich bald schon wurden die DJs genauso auf eine Bühne gehievt und wie Superstars mit Groupies und Bodyguards und allem Drum und Dran verehrt. Die Gagen schossen in atemberaubende Höhen, also mussten Sponsoren her – all die Strukturen, die man einst niederreissen wollte, wurden reproduziert.

Sandra M. (Name geändert): Für mich ist die Street Parade schon lange tot, sie ist ein Anlass wie das Züri-Fäscht oder Ähnliches geworden. Wer sich an der Parade beteiligen will, sieht sich mit etlichen Vorschriften und Auflagen konfrontiert. Mit der einstigen Technobewegung und den von uns verlangten Werten «Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz» hat das nichts mehr zu tun.

Philipp K.: Die Parade hat sich zu einem riesigen Monsteranlass entwickelt. Wer mit einem Love-Mobile dabei sein möchte, muss zwischen 30'000 und 40'000 Franken bezahlen, darf sich selber aber nicht mit Sponsoren «querfinanzieren». Kein Wunder, können sich das kleinere Partybetreiber gar nicht mehr leisten. Von der Street Parade immer noch als Demonstration zu sprechen, ist ein Witz.


Video: Die Street Parade einst und heute

Im Zeitraffer: Die Street Parade von den 1990ern bis heute. Video: Lea Blum


Auch wenn sie ursprünglich als eine politische Demonstration galt, ging es doch auch damals vor allem ums Partymachen.
Sandra M.: Natürlich. Die politische Begründung war ja vor allem ein Vorwand, um überhaupt eine Bewilligung zu erhalten. Ich wage zu behaupten, dass es so gut wie allen nur um eins ging: eine gute Zeit haben, tanzen – und Drogen konsumieren.

Phillip K.: Es ging aber auch darum, das bestehende Tanzverbot aufzuheben. Zürich hatte damals noch eine unglaublich stiere Ausgehszene, das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Und dann kam plötzlich diese neue Musik und mit ihr eine neue Lebenskultur. Die Leute wollten zusammen Spass haben, zusammen feiern und sich mit Tanzen verwirklichen. Die ersten Street Parades waren der jährliche Anlass der Szene, wo man aus den Kellern und den illegalen Locations rauskam und dieses Lebensgefühl, die Freude am Sichausleben, dieses Freiheitsgefühl raustrug auf die Strasse, um die Freude mit allen anderen zu teilen. Wir kamen uns vor wie die Hippies der Neunziger. Die nächste Party, die Reise dorthin, illegale Festivals in den Bergen – das waren unsere Ziele. Wir waren glücklich und erlebten einige wenige wilde und schöne «Summers of Love».

Ex-Raver berichten ja oft und gern vom damals herrschenden Love-and-Peace-Feeling – war das tatsächlich so, oder wird im Nachhinein vieles verklärt?
Philipp K.: Nein, das war schon so. Wir waren eine Art Techno-Family. Die Szene war übersichtlich, man kannte sich, besuchte Raver in anderen Städten, organisierte gemeinsam Partys und Afterhours.


Bilder: Die Street Parade bei Nacht


Sandra M.: Das habe ich auch so in Erinnerung. Da war dieses unglaublich starke Gemeinschaftsgefühl. Man passte an den Partys aufeinander auf. Wenn jemand mal wegen einer Pille schlecht drauf kam, war stets jemand zur Stelle, man war füreinander da. Für einen Teenager wie mich war dieser Halt sehr kostbar. Klar, Ecstasy spielte sicherlich auch eine Rolle, man war ja durch die Droge voll kuschelig und lieb drauf, hatte alle gern. Diese Nähe damals hat uns verbunden. Viele Freundschaften von damals sind bis heute erhalten geblieben – so oberflächlich kann es also auch nicht gewesen sein.

Drogen waren ein wichtiger Bestandteil der Technobewegung.
Sandra M.: Absolut. Jeder, der etwas anderes behauptet, hat Techno nur am Rande miterlebt. Ich war 15, als es bei mir so um 1991 mit dem Partymachen losging. In meiner Clique waren wir alle experimentierfreudig und haben regelmässig Ecstasy und auch LSD konsumiert. Es gab wirklich nur ganz, ganz wenige, die an den Partys nicht zugedröhnt waren. Die Afterhours waren ja auch vor allem da, weil man noch von den Drogen runterkommen musste. Ich kann mich an einen deutschen Dealer erinnern, der jedes Wochenende nach Zürich gefahren ist, um zu feiern und Pillen zu verkaufen. Vor den Clubs stellte er sein Auto auf den Parkplatz, öffnete den Kofferraum, wo er das Zeug sackweise verstaut hatte. Schon komisch, dass die Polizei nie Drogenrazzien gemacht hat. Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie manchmal an illegalen Partys aufkreuzte und uns aufforderte, die Musik auszuschalten, und die Party beendete. Aber Drogenrazzien gabs nie.

Wie viel wurde denn konsumiert?
Sandra M.: Zu meiner «Raverzeit» konsumierte ich regelmässig, jedes Wochenende, ein bis zwei Pillen pro Nacht oder Party. Meistens warf ich die zweite Pille morgens ein, wenn die Wirkung langsam nachliess und ich weitermachen wollte. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass man bewusster konsumierte als heute. Man schaute, wie die Pille wirkte, trank viel Wasser dazu, ass Früchte. Praktisch an jeder Party gab es einen Chill-out-Raum, wo man «sein System» ein bisschen runterfahren konnte. Alkohol wurde am Anfang fast nicht konsumiert, denn wir wussten, dass es im Zusammenhang mit Ecstasy gefährlich werden konnte. Natürlich gab es auch solche, die vier oder fünf oder mehr Pillen nahmen, manchmal zwei gleichzeitig spickten oder «auf den Ewigen kamen», also auch Tage nach der Einnahme noch high waren. Richtig «ausgeartet» ist es aber eigentlich vor allem, als der Alkoholkonsum dazukam. Aber da war alles schon viel kommerzieller, man wollte Geld verdienen, und das geht nun nur mit dem Barumsatz. Da fingen die Leute dann auch an zu kollabieren und solche Sachen.

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Ist Ihnen die Street Parade zu kommerziell?




Phillip K.: Am Anfang war alles neu, und man hatte auch noch grossen Respekt vor diesen Drogen. Man wusste zu wenig darüber, also war man vorsichtig. Ich weiss noch, dass an den ersten Partys die Pillen aus Zürich stammten, hergestellt von Chemiestudenten und einigen jungen Chemielaboranten. Das war dann noch praktisch reines MDMA und nicht irgendwelche Amphetamine oder so Zeugs. Heute würde ich mich nicht mehr getrauen, ein Ecstasy zu nehmen.

Wie habt ihr diesen Drogenkonsum finanziert?
Sandra M.: Mein Lehrlingslohn reichte natürlich nicht aus, denn eine Pille kostete damals so um die dreissig, vierzig Franken. Wir haben dann bei einem Dealer Massenbestellungen gemacht und somit einen Discount erhalten. An den Partys haben wir die Pillen dann weiterverkauft und so unsere eigenen Kosten gedeckt.

Wann habt ihr euch von der Szene abgewendet?
Philipp K.: Als es zu kommerziell wurde, so um 1996. Die Technobewegung und mit ihr die Street Parade hatte sich zu einem gut laufenden Unternehmen entwickelt, jeder wollte irgendwie daran mitverdienen, es drehte sich letztlich nur noch ums Geld. Mit der ursprünglichen, kleinen, feinen Partycommunity hatte das nichts mehr zu tun.

Sandra M.: Irgendwann war halt einfach die Faszination erloschen. Mir wurden die Partys irgendwann auch zu gross, das fuhr mir schräg ein. Ich habe dann auch nicht mehr an der Parade mitgetanzt, sondern war nur noch an einer der kleinen Partys im Niederdorf. Aber die haben sie ja anscheinend inzwischen auch verboten. Ein Freund von mir aus Wien, mit dem ich früher an die Parade ging, wird mich dieses Jahr zur Street Parade besuchen. Unser Plan ist, am Freitag an eine Party zu gehen und am Samstag zu Hause abzuhängen und die Parade am TV zu schauen – man wird halt auch nicht jünger.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2018, 16:00 Uhr

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