Du sollst nicht fliegen

Es ist fast egal, wie man lebt: Ob man Abfall trennt, Bäume streichelt, bio isst. Was zählt, ist vor allem der Verzicht auf ein Transportmittel: Das Flugzeug.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir können die Diskussion abschliessen. All das Gewäsch über Fussabdruck und Nachhaltigkeit können wir uns sparen. Wir brauchen keine Rechtfertigung mehr vor der Arglist des Konsums. Es ist nicht länger nötig, über das Abfalltrennen zu sinnieren. Weder der Zivilpanzer noch das Zweitauto sind ein Problem. Dass wir die Häuser so vorbildlich isolieren, spielt keine Rolle. Um die Zersiedelung und ihre Kosten müssen wir uns nicht kümmern. 2000 Watt? Brav, aber wirkungslos. Zusammenfassend: Alle unsere wohlmeinenden Anstrengungen, die Erde zu retten, sind lächerlich.

Warum? Weil wir fliegen. Alle. An einem Wochenende sind es in Zürich-Kloten, was nur ein Flughafen auf dieser Erde ist, 270'000 Passagiere. Es ist nicht nötig, hier einmal mehr darauf hinzuweisen, wie viel Energie und sonstige Ressourcen nötig sind, diese Volksmenge durch die Lüfte zu bewegen. Das Resultat ist beklemmend. Das Fliegen ist der Trieb- und der Treibstoff der Erdzerstörung, die Fliegerei ist die Leitindustrie des Klimawandels. Das schlechte Gewissen beruhigen wir mit Ablass­handel. Wir kaufen brav CO2-Zertifikate und hoffen, dass niemand unseren Lebensstil genauer überprüft.

Erdretter. Und Normale

Wer das Fliegen rechtfertigen will, unterscheidet zwischen Pflicht und Lust. Wer beruflich fliegt, erfüllt seine Arbeitspflicht, wer es zum Vergnügen tut, frönt der Reiselust. Wie sich das auf die 270'000 Passagiere von Zürich verteilt, ist unbekannt. Klimaschädlich und erdzerstörend sind sie beide. Wer also einen Beitrag zur Erdrettung leisten will, hats einfach: Du sollst nicht fliegen.

Umfrage

Denken Sie beim Fliegen an die Umwelt?




Weder der grasgrüne Bewegte noch die lindengrüne Gymnasiallehrerin, auch der rot-grüne Sozialdemokrat nicht, ebenso wenig die grünliberalen Sparapostel, nicht einmal die Naturverehrerinnen und die Bergfreunde – kurz, wer immer von Nachhaltigkeit und Klimawandel redet und was dafür oder dagegen zu unternehmen sei, sie alle die Besorgten und die Umweltbewussten seien an das erste Gebot der ökologischen Vernunft erinnert: Du sollst nicht fliegen. Erst wenn sie auf das Fliegen verzichten, sind die Erdretter glaubwürdig. Solange sie noch fliegen, predigen sie Wasser und trinken Schnaps.

Sie müssten ihr Leben ändern, genauer: ihren Lebensstil.

So viel zu den Erdrettern. Der Rest des Schweizervolks, die versammelten Vielflieger, Meilensammler, Wochenendhüpfer, Feriendüser, Freizeitpassagiere – kurz, Normalmenschen – machen an der Erdzerstörung eifrig mit, was sie aber nicht im Geringsten stört. Doch im Bauch ahnen sie dumpf, was die Nachhaltigkeit von ihnen verlangt: Sie müssten ihr Leben ändern, genauer: ihren Lebensstil. Da wäre es als erster Schritt ein Leichtes, beim Fliegen zu beginnen. Die Lustflüge sind kein Menschenrecht. Nur gerade 5Prozent der Menschheit fliegen. Was geschähe, wenn es alle täten, will sich niemand ausmalen.

Wahr aber ist: Nichtflieger können selbst im Erfolgsmodell Schweiz ein ganz normales Leben führen, ihr Alltag nimmt den gewohnten und gewöhnlichen Lauf. Es gibt ein Leben ohne Lustflug.

Lustflug? Qualveranstaltung. Erst wird man von Hilfspolizisten halb nackt ausgezogen, dann wie Schlachtvieh in Gatter eingesperrt, darauf in eine Angströhre gepackt. Ohne Ellbogenfreiheit auf dem Sitz festgezurrt, muss man stundenlang ruhig sitzen. Was daran soll lustvoll sein? Einzig der Zeitgewinn entschädigt uns für das Flug­leiden. Man reist nicht, man wird versetzt. Das erspart auch die böse Frage: Muss ich da hin?

Ende der Debatte

Wir können die Diskussion beenden. Nachhaltigkeit? Ein leeres Wort, ob grün angemalt oder wirtschaftsfreundlich angeschwärzt, in unserem Leben spielt sie keine ernsthafte Rolle. Es gibt nur ein Gebot, das sie in unser Leben verankern würde: Du sollst nicht fliegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2016, 19:34 Uhr

Artikel zum Thema

«Über Nachhaltigkeit wird plakativ und ohne Inhalt diskutiert»

Interview Bio-Suisse-Geschäftsführer Daniel Bärtschi nimmt im Interview Stellung, wie die Knospe gegen neue Herausforderer in Sachen Nachhaltigkeit positioniert werden soll. Mehr...

Energiepolitik als Gesellschaftsprojekt

Gastbeitrag Zur Nachhaltigkeit der Energiestrategie gehört auch der Verzicht auf fixe Abschalttermine. Mehr...

Über die neue Art des Reisens

Blog Mag Die Osterinsel ist der Inbegriff von Mystik. Der «Nabel der Welt» ist aber auch ein Lehrstück fehlender Nachhaltigkeit. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...