Du willst es doch auch

Wie gleichberechtigt ist Sex in Zeiten von #MeToo? Die Gesellschaft mit all ihren Erwartungen ist im Bett immer mit dabei.

Zwei Menschen begehren sich. Wie es weitergeht, läuft jeden Abend im Fernsehen – und auch in unseren Köpfen. Aber wollen wir das so? Oder glauben wir nur, es zu wollen?

Zwei Menschen begehren sich. Wie es weitergeht, läuft jeden Abend im Fernsehen – und auch in unseren Köpfen. Aber wollen wir das so? Oder glauben wir nur, es zu wollen? Bild: istock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von den Accessoires, die in der zwischenmenschlichen Erotik eine Rolle spielen, hat keines einen so armseligen Ruf wie der Socken. Gemeint ist hier natürlich nicht der Seidenstrumpf, sondern das profane und doch existenziell wichtige Fusswarmhaltetextil. Ein nackter Mensch mit Socken an den Füssen: Das finden die meisten Menschen lächerlich, wie eine Karikatur. Der Sockenmoment ist daher auch die zuverlässige Schwachstelle jeder gemeinsamen Entkleidungschoreografie. Wurstelt man sie mit der Hose unauffällig weg? Macht man ein gegenseitiges Fussenthüllungsritual daraus? Hauptsache, weg damit. Denn Sex mit Socken, das ist, so lehren es uns romantische Komödien seit Jahrzehnten, ungefähr so heiss wie Sex mit Trillerpfeife im Mund.

Wer Sex mit sich selbst hat, macht sich darüber andererseits keine Gedanken. Sieht ja keiner. Nackte Füsse kühlen, insbesondere in den Herbst- und Wintermonaten, in der Regel ab. Und abgekühlte Gliedmassen versetzen den Körper in einen für wohlig-aufregende Zuwendungen eher unempfänglichen Zustand. Möglicherweise könnte es also sein, dass Generationen von Frauen und Männern der nördlichen Hemisphäre aufgrund einer völlig albernen ästhetischen Konvention um ein wirklich erfülltes Schlafzimmerleben gebracht werden.

Das ist jedenfalls ein Gedanke, den die beiden Norwegerinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl in «Viva la Vagina!» Frauen mitgeben, ihrem Aufklärungsbuch für Erwachsene, das dieses Jahr in Deutschland erschienen ist. Es gehört zu einer Reihe von Erscheinungen, die das sexuelle Bewusstsein von heute infrage stellen. Darin empfehlen sie Frauen neben bestimmten Stellungen und «offenen Gesprächen» eben auch, die Socken anzulassen, wenn sie sich dabei wohler fühlen – so lassen sich Sorgen um Erkältungen vergessen. Wie sehr Bilder und Ideen – auch abseits der viel gescholtenen pornografischen Ideale – unser ganz konkretes Intimleben beeinflussen, sieht man auch an dem Sockenthema.

Tradition der Unterwerfung

Es ist in diesem Jahr so offen und erhitzt wie lange nicht mehr durch die ganze Gesellschaft diskutiert worden, was Menschen voneinander in Sachen Körperlichkeit eigentlich an Offenheit und Rücksichtnahme erwarten dürfen. Der Hashtag «MeToo» hat ein weltweites Gespräch darüber angestossen, warum Männer so oft dazu bereit sind, die körperlichen Grenzen anderer zu überschreiten, und was es bedeuten könnte, eine Sexualkultur der Einvernehmlichkeit zu etablieren.

Damit gerät eine Vorstellung ins Wanken, die sich seit einiger Zeit relativ fest etabliert hat: nämlich, dass Frauen und Männer zumindest im Westen der Welt grundsätzlich sexuell alle Möglichkeiten geniessen dürfen. In jeder zweiten Fernsehserie wedelt früher oder später irgendeine Protagonistin selbstbewusst mit ihrem Vibrator, und es ist noch nicht lange her, da feierte die Trivialroman-Serie «50 Shades of Grey» einen dreibändigen Tabubruch mit sensationellen Verkaufserfolgen. Damals mutmassten Beobachterinnen, Frauen fehle es in einer gleichberechtigten Gesellschaft möglicherweise an erotisch prickelnden Unterwerfungsszenarien.

Die Hamburger Sozialpsychologin Sandra Konrad sieht das etwas anders. Laut ihrem Buch «Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will, was er will» (Piper) ist die jahrtausendelange Tradition der Unterdrückung weiblicher Sexualität durch Gewalt, frühe Heiraten und Beschämung noch längst nicht überwunden – sie hat nur ein freundlicheres Gesicht, zumindest in manchen Teilen der Erde. Doch auch in freien, gleichberechtigten Heterobeziehungen sieht Konrad einen Rest weiblicher Unterwerfung: Die «lange wirkende männliche Herrschaft ist in weibliche Selbstbeherrschung übergegangen», sagt sie. Die ideale Erotik einer Frau – monogam, aber immer in Stimmung, fortpflanzungsbereit, aber verantwortungsvoll, experimentierfreudig, aber nicht gierig – orientiert sich demnach vor allem daran, was Männer sich von Frauen erhoffen. Die Erwartung des anderen, nicht die eigene, definiert sie.

Auch Männer sind Gefangene von Rollenklischees

In real existierenden Betten sieht das dann oft so aus, dass der Orgasmus des Mannes nach wie vor Fluchtpunkt des Miteinanders ist; dass die Parameter für erotische Aufgeschlossenheit – was probieren wir miteinander aus, welche Praktiken «gehören dazu» – sehr häufig davon bestimmt werden, was er sich wünscht.

Männer, so hat es die amerikanische Psychologin Amy Muise beschrieben, tun sich schwer damit, das sexuelle Interesse ihres weiblichen Gegenübers richtig einzuschätzen. Bei neuen Bekanntschaften mit Frauen neigen sie zur Überbewertung, bei der langjährigen Partnerin zur Unterschätzung. Das hängt auch damit zusammen, dass die spontane Erregung – also etwa beim Anblick des anderen in sofortige Sexbereitschaft zu verfallen – kulturell als Normaleinstieg gilt, obwohl sie ein überwiegend männliches Phänomen ist. Sträflich unterschätzt wird dabei die Tatsache, dass Frauen oft eher «responsiv» erregt werden, also in Reaktion auf Stimmung, Blicke, Zuwendung, wie Brochmann und Støkken Dahl schreiben.

Konrad, die schon seit vielen Jahren als Therapeutin arbeitet, beobachtet die Überbewertung des männlichen Wollens insbesondere für die Anbahnungsphase einer Beziehung, in der sich zwei Menschen als möglichst attraktives Angebot präsentieren. Aber auch in fest etablierten Ehen sei das Selbstbild der Frau immer noch von den Erwartungen geprägt, die früh in sie hineinsozialisiert werden. Konrad hat mit 70 Frauen unterschiedlichen Alters über deren Sexualleben gesprochen, und ist, so erzählt sie es, immer wieder darüber erschrocken, «wie oft Frauen über ihre Grenzen gehen und sich auf sexuelle Kontakte oder Praktiken einlassen, die ihnen eigentlich widerstreben – und zwar nicht, um ihre eigene Lust zu erkunden, sondern um dem Partner zu gefallen und ihn zu befriedigen».

In der glücklichsten Langzeitbeziehung, bei den selbstbewusstesten Singles – immer ist die Gesellschaft mit ihren Erwartungen mit unter der Decke. «Auch heute wachsen Frauen noch immer in einer Welt auf, in der sie eher gefallen als bestimmen wollen und in der der männliche Blick wichtiger ist als der weibliche Wille», sagt Sandra Konrad. Das hat mit Sex auf den ersten Blick noch gar nichts zu tun: Es ist die Welt, in der der Chef sehr häufig immer noch ein Mann ist und mit Frauenkörpern für teure Produkte geworben wird. Die Welt von «Germany's Next Topmodel», in der eine Frau noch so klug, erfolgreich oder kreativ sein kann, aber trotzdem immer über ihr Aussehen oder ihre angeblich mangelnde Attraktivität zu demütigen ist. Diese Welt prägt, so Konrad, das Körperbewusstsein jeder Einzelnen ganz direkt. Denn sie verkauft kontrollierte Unterwürfigkeit als vollkommene Selbstbestimmtheit, auch und gerade im sexuellen Bereich.

Dafür verantwortlich sind laut Konrad nicht zuletzt Pornografie und Prostitution. Nirgends werde das Zerrbild des «Sie will, was er will» so ungebrochen reproduziert wie hier. Heterosexuelle Pornoszenarien übernehmen in aller Regel die männliche Perspektive und normalisieren Praktiken, die so grenzüberschreitend sind, dass man dafür sowohl gut vorbereitet als auch sehr einvernehmlich vorgehen müsste. Prostitution wiederum basiere noch mehr auf der Illusion, dass eine Frau mit Geld dazu gebracht werden kann, das zu wollen, was ihr Freier will. Die Existenz dieses Geschäftsmodells zeige, dass die eigene sexuelle Agenda einer Frau im Zweifel für die sexuelle Beziehung zwischen zwei Menschen letztrangig ist.

Doch woher wollen wir überhaupt wissen, was unsere eigene sexuelle Agenda ist – wie viel von innen kommt und wie viel von aussen?

Die grosse Sprachlosigkeit

Der Autor Christian Seidel sagt: «Männer haben oft überhaupt kein Bewusstsein für ihre eigene Sexualität.» Sie seien genau wie Frauen in Rollenklischees gefangen. Dem will er mit seinem Buch «Ich komme. Was Mann beim Sex fühlt» (Heyne) beikommen, indem er mit einer Akribie das ganze Kaleidoskop seines Begehrens beschreibt, die die Leserin an die Grenze des Voyeurismus führt. Die Offenheit ist bei Seidel Programm: Er diagnostiziert bei Männern eine lähmende Sprachlosigkeit in allen sinnlichen Angelegenheiten. Auch das hänge wiederum mit den Rollenklischees zusammen, die Männer zu stumpfen, wortkargen Immer-Wollern degradieren, in denen Sex als Leistung, die man «bringt», verstanden wird, und die den männlichen Körper als verletzungsresistent karikieren.

So werde männliche Lust nur über Witzeleien oder im schlimmsten Fall über die Abwertung von Frauen kommuniziert. «Es ist absolut unmöglich, mit Männern ernsthaft über Sex zu reden», sagt Seidel. Das Gebiet des männlichen Erlebens sei eine «sprachliche Trockenwüste», in der nichts ausser Erektion und Samenerguss und den jeweiligen obszönen Umgangssprachlichkeiten existiere. Seidel fordert deshalb eine Art sexueller Sprachrevolution, eine neue radikale Offenheit im Umgang mit dem Begehren: «Warum sollte es kontroverser sein, beim Mittagessen mit Kollegen zu erwähnen, dass man gerade Lust hat, als über das Saufgelage vom Wochenende zu berichten?»

Die eine will frei davon sein, sich die sexuellen Fantasien ihrer Kollegen anzuhören, der andere möchte frei sein, sich auszudrücken. Ganz sicher gilt für die allermeisten, dass sie frei von Ansprüchen sein wollen, die nicht zu ihren eigenen Wünschen passen. Freiheit kann man positiv oder negativ definieren – bin ich frei, mich so zu verhalten, wie ich es will? Bin ich frei von Unterdrückung? In der Sexualität treffen diese beiden Fragen ungebremst aufeinander, und es zeigt sich immer wieder, dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Zumal die Frage «Was will ich überhaupt für meinen Körper?» eine ist, die Menschen im Lauf eines Lebens immer wieder neu stellen und dann auch anders beantworten dürfen.

Allein die Freiheit, dies zu tun, und zwar auf Augenhöhe, ist ein Geschenk. Das kann anfangen mit einer ehrlichen Selbstbefragung, und beinhaltet offene Gespräche – als Paar oder auch unter Freunden. Oder halt einfach mit einem freundlich klaren «Finger weg von meinen Socken».

Erstellt: 18.10.2018, 10:04 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein leiser Druck des Partners, und die Frau hat Sex, den sie nicht will»

Interview Neue Zahlen zeigen: Jede zweite Frau hat Sex, der nicht ihrem Bedürfnis entspricht. Das Rezept dagegen? Reden. Mehr...

Die Sache mit dem Sex

Was die Forschung über die Lust in langjährigen Beziehungen weiss. Mehr...

Die Lust geht nicht in Rente

Senioren sind nicht nur rüstig – sie wollen auch Sex. Doch wie befriedigend ist Erotik ab 70? Mehr...

Buch: «Viva la Vagina!»


Ellen Støkken Dahl und Nina Brochmann: «Viva la Vagina!» (Übersetzung: Nora Pröfrock und Ina Kronenberger). S. Fischer, Frankfurt 2018. 400 S., ab 26.90.-

Buch: «Das beherrschte Geschlecht»


Sandra Konrad: «Das beherrschte Geschlecht. Warum sie will was er will». Piper, München 2017. 384 S., ab 37.90.-

Buch: «Ich komme»


Christian Seidel: «Ich komme. Was Mann beim Sex fühlt – Eine Grenzüberschreitung». Heyne, München 2018. 320 S.,ab 22.90.-

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...