«Krippenkinder sind eher im Vorteil»

Mindern Krippen den IQ von Kindern, wie die «Schutzinitiative» behauptet? Erziehungsforscherin Margrit Stamm kontert mit Fakten über die Vor- und Nachteile von Kitas.

Kampfzone Kinderkrippe: Über die Auswirkungen von Fremdbetreuung tobt seit Jahren eine Debatte.

Kampfzone Kinderkrippe: Über die Auswirkungen von Fremdbetreuung tobt seit Jahren eine Debatte. Bild: Keystone

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Laut Toni Bortoluzzi sind Krippen für Kinder schädlich. Der IQ nehme ab, die Resilienz auch. Was sagen Sie dazu?
Ich kenne weder die Studie noch den Psychiater, der in seiner Broschüre porträtiert wird. Will man dermassen umfassend und anklagende Aussagen machen, dann müsste es eine sehr renommierte, sehr lange, umfassende und vor allem auch repräsentative Studie sein, welche die Ergebnisse auch in einen Zusammenhang zu den bestehenden Forschungserkenntnissen stellt. Sonst ist es bloss eine fragwürdige Hypothese. Oder im besten Fall eine Einzelstudie, ein Ausreisser. So oder so ist es skandalös, daraus eine Kampagne zu machen und all das, was die Forschung in den letzten zwanzig Jahren zusammengetragen hat, ausser Acht zu lassen.

Wieso erfolgt der Angriff jetzt?
Das müsste man Herrn Bortoluzzi fragen. Basis bildet die Broschüre des Vereins Schutzinitiative, die meines Erachtens deutlich ideologisch geprägt ist. Diese Broschüre nutzt und schürt die ohnehin bestehenden Ängste vieler Eltern über Fremdbetreuung. Es versteht sich deshalb von selbst, dass sie ein grosses Echo auslöst, auch wenn sie inhaltlich nicht den Kenntnisstand der Forschung repräsentiert. Und noch bedenklicher ist der neue Mama-Mythos, dem sie huldigt: die Beschwörung der guten Mutter, die bei den Kindern bleibt und sich ganz in ihren Dienst stellt. Es ist mir ein Rätsel, wieso das Rad der Zeit dermassen zurückgedreht wird, zumal es überhaupt nicht der Statistik heutiger Familienmodelle entspricht: Lediglich 15 Prozent der Paare praktizieren das Modell mit Vollzeit erwerbstätigem Mann und nicht erwerbstätiger Frau. Das beliebteste Modell ist Vollzeit (Mann)-Teilzeit (Frau) mit fast 70 Prozent. Gut 60 Prozent dieser Paare lassen ihre Kinder in einer Kita betreuen. Diese Sakralisierung der Mutter steht im krassen Widerspruch zu den Forderungen von Politik und Wirtschaft.

Was sagt die Forschung über die psychischen Auswirkungen von Kinderkrippen?
Zur Frage, ob die Krippe tatsächlich schädlich ist, gibt es eine sehr grosse Anzahl an Untersuchungen, die insgesamt zwei Lagern zugerechnet werden können. Während beide Lager in Bezug auf die intellektuelle kindliche Entwicklung zum gleichen Schluss kommen – wonach sich fremdbetreute Kinder mindestens ebenso gut oder besser entwickeln als ausschliesslich zu Hause betreute Kinder –, unterscheiden sie sich im Hinblick auf das Sozialverhalten. Das eine Lager konstatiert, dass Krippenkinder in der Schule sozial kompetenter, selbstbewusster, kooperativer und durchsetzungsfähiger sind, sich weniger zaghaft verhalten und insgesamt kooperativer sind. Das andere Lager berichtet von tendenziellen Verhaltensschwierigkeiten und Bindungsstörungen. Demnach können Krippenkinder auch unhöflicher, ungestümer, gereizter und aggressiver werden.

Was denken Sie?
Die Vorteile von Krippen überwiegen. Selbst die eher kritische Forschung kommt zum Schluss, dass Fremdbetreuung vor allem dann schädlich sein kann, wenn Kinder sehr früh und sehr intensiv ausserfamiliär betreut werden, wenn die Betreuung qualitativ nicht gut ist, wenn die Chemie zwischen ihr und dem Kind nicht stimmt und vor allem: Wenn in der Familie Schwierigkeiten bestehen. Ein grosser Vorteil von Krippen ist ausserdem eine regulative Wirkung bei Kindern von meist bildungsnahen Eltern, die oft eine Tendenz zur Überbehütung haben.

Also alle Kinder in die Krippe?
Nein, eben nicht. Was an der Initiative weiter irritiert, ist der Absolutismus. Ich setze mich sehr dafür ein, dass es kein richtig oder falsch in der Betreuungsfrage geben darf. Eltern sollten sich für das Modell entscheiden, das zu ihnen, zu ihren Ambitionen und zu ihren beruflichen Bedingungen – und vor allem auch: zu ihren Kindern passt. Oft ist dies übrigens ein Mix aus Krippe, Elternbetreuung, Nanny oder Grosseltern.

Bortoluzzi lehnt Krippen per se ab. Es gibt aber auch renommierte Erziehungsforscher, die für Kleinkinder eine Krippenwarnung herausgeben: Erst zwischen zwei und drei Jahren sei die nötige Bindungssicherheit gegeben.
Tatsächlich gibt es Expertinnen und Experten, welche die Ansicht vertreten, eine Krippe sei in den ersten beiden Lebensjahren ungünstig. Ich erachte dies als zu normativ. Jedes Kind ist anders. Das Temperament des Kindes spielt eine Rolle, ob es zum Beispiel scheu ist oder eher proaktiv und seiner Umwelt zugewandt. Klar, wenn man ein Einjähriges fünf Tage pro Woche in die Kita steckt, hätte ich meine Bedenken. Aber die meisten gehen als Kleinkinder nur ein paar Stunden in die Kita.

Sie plädieren für den Common Sense?
Wichtiger als die Regel «die ersten beiden Jahre nicht in die Kita» ist, dass Väter und Mütter auf ihre Intuition hören. Es ist nämlich auch nicht so, dass ein Kleinkind, das scheinbar widerstandslos in die Krippe geht, zwangsläufig eine hohe Bindungssicherheit hat. Bindungssicherheit beinhaltet auch Trennungsangst – und die Fähigkeit, Trost empfangen zu können –, auch zum Beispiel von einer Erzieherin als sekundärer Betreuungsperson. Die Eltern kennen ihre Kinder am besten. Und sie sollten auch bereit sein, eine andere Lösung als die aktuelle zu suchen, wenn sie spüren, dass es dem Kind nicht besonders gut geht. Oft ist eine Tagesfamilie oder eine Nanny die bessere Lösung, weil sie gerade in den ersten beiden Lebensjahren eine eher dyadische Beziehung ermöglicht, das heisst, eine Zweierbeziehung zwischen Kind und Betreuungsperson.

Nur kann sich nicht jeder eine Nanny leisten. Die Nanny als Luxusvariante ist ein Klischee. Wer mehr als ein Kind hat, für den lohnt sich eine Nanny bald mal. Und Eltern können sich – was im Trend liegt – auch zusammentun und gemeinsam eine Nanny anstellen.

Erstellt: 14.12.2018, 10:57 Uhr

Margrit Stamm

Die Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Uni Freiburg ist auch Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education.

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