Ein Besuch bei den Flacherdlern

Anhänger der Flat-Earth-Bewegung glauben an eine Welt als Scheibe. Ja, das ist Unsinn. Doch darin zeigt sich, wie wichtig die Frage nach dem Dasein ist.

Die Erde als fliegende Pizza? Diese Vorstellung lehnen viele Flat-Earther ab – für sie gibt es nur die flache Erde, kein All. Weniger bizarr macht das die Sache allerdings auch nicht. Foto: kevron2001/iStock

Die Erde als fliegende Pizza? Diese Vorstellung lehnen viele Flat-Earther ab – für sie gibt es nur die flache Erde, kein All. Weniger bizarr macht das die Sache allerdings auch nicht. Foto: kevron2001/iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mal angenommen, man geht auf eine beliebige Strasse und fragt zehn beliebige Personen, wie das eigentlich so funktioniert mit der runden Erde und ihrer Drehung. Warum werden Menschen nicht durch die Zentrifugalkraft ins All geschleudert? Warum drehen sich Luft und Wolken mit? Und warum fällt ein Ball, mit vollem Elan kerzengerade in die Luft geworfen, wieder zu seinem Ausgangspunkt, obwohl sich die Erde doch weiterdreht? Allerspätestens bei einer Frage nach der Corioliskraft würden wohl die meisten aufgeben: Weiss auch nicht. Ist halt so.

An einem Freitagabend Ende September steht auf einem Campingplatz in Amsterdam ein Grüppchen Männer und Frauen herum. Manche tragen bodenlange Ledermäntel und strengen Nackenzopf; andere sehen aus wie fröhliche Familienväter beim Feierabendbier. Die Campingplatz-Kneipe ist schon verrammelt, es regnet abwechselnd nieselnd und in Strömen; man steht und sitzt also unter grossen Schirmen ungemütlich im Dunkeln herum, aber die Stimmung ist ausgelassen. Aschenbecher füllen sich, Flaschen werden leerer.

In einem Kamin schwelt ein Feuerchen gegen die Kälte. Sie alle sind hier, weil ihnen die Antwort «Ist halt so» zu dünn ist. Lieber glauben sie an die Mutter aller Verschwörungstheorien: Die Erde ist eine Scheibe – willkommen auf der internationalen Flat-Earth-Konferenz. Die vergangenen 2500 Jahre Wissenschaftsgeschichte von den alten Griechen bis heute, von der Mondlandung bis zu Bildern aus dem All und ein paar ziemlich zackige Direktflüge von Neuseeland nach Südamerika: alles Irrtum und Täuschung.

Drei junge Männer sitzen an einem der Plastiktische und reden von der Mondlandung, wobei es eher ein Stichwortaustausch ist. «Die Fussabdrücke!», sagt einer. «Schon mal die Schuhe im Museum gesehen, zu denen die passen sollen?» Hahaha, Gelächter, Zustimmung von allen Seiten. Klar, weiss man doch, wenn man sich ein bisschen auf Youtube informiert, dass sich die Nasa da vertan hat, absolut lachhaft.

Sie sind stolz auf ihr kritisches Denken

Man könnte sich ärgern über diese bizarre Veranstaltung. Auch wenn es lustig zugeht, treten die Teilnehmer über Jahrhunderte gesammeltes und akribisch dokumentiertes Wissen in die Tonne, nur weil es ihrer Intuition widerspricht. Sie sind stolz auf ihr kritisches Denken, plappern aber den erstbesten Mist aus dem Internet nach – na toll.

Wenn man aber die Irritation über den offensichtlichen Unsinn herunterschluckt, kann man viel lernen über das, was es bedeutet, Mensch zu sein auf einer Erde, deren schnelle Drehung doch so einige überfordert. Man lernt freundliche Männer und Frauen kennen, die zweifeln, die verstehen wollen, die Dinge infrage stellen und ernsthaft versuchen, ihr Bild von der Welt mit ihrem Gefühl in Einklang zu bringen. Wie konnte es eigentlich passieren, dass sie auf diesem Weg so falsch abgebogen sind, dass es keinen Rückweg zu geben scheint? Und was sagt das aus über den Stand der Wissenschaft in der Gesellschaft?

Flat-Earthler kennen genug absurde Erklärungen, warum auch Containerschiffe und Hochhäuser für eine flache Erde sprechen.

Mitten in dieser Gruppe Zweifler steht Roxanne, schwarze Haare, Madonnengesicht. Sie betreibt einen ziemlich erfolgreichen Youtube-Kanal, er heisst «Roxanne, the Globalist Denier»; gemeint ist, klar, die Erde ist flach. Roxanne erzählt von ihrer Schulzeit, ihrer religiös geprägten Erziehung. Einen Globus habe man ihr nicht als Modell, sondern als Tatsache vorgestellt. «Warum soll ich das glauben?» Stimmt ja auch, man soll ruhig Dinge anzweifeln. So funktioniert Lernen, und Wissenschaft letztlich auch.

Dann hinterfragt man die Theorie von der runden Erde eben, warum nicht. Ein einfach zu bedienendes Messwerkzeug ist das Auge, man könnte also zum Beispiel ans Meer fahren – das ist von Amsterdam aus nicht zu viel verlangt – und Schiffe beobachten. Warum ist immer zuerst der obere Teil der Ozeanriesen zu sehen? Warum ist auf Fotos von Toronto, die von der anderen Seite des Lake Ontario aufgenommen wurden, der untere Teil der Hochhäuser von Wasser verdeckt? Weil der Horizont, das kann man einfach ausrechnen, bei einer Sichthöhe von knapp zwei Metern nur ein paar Kilometer entfernt ist. Eins zu null für die Erde als Kugel, sollte man meinen.

Flat-Earther wie Roxanne aber lassen sich von solchen Überlegungen nicht aus der Ruhe bringen, sie kennen genug absurde Erklärungen, warum auch Containerschiffe und Hochhäuser für eine flache Erde sprechen.

Youtube ist ein guter Ort, um mit den einfachen unter den Verschwörungstheorien zu starten.

Am nächsten Morgen sitzt am Ausgang des Campingplatzes Grant aus Südafrika und wartet auf den Shuttlebus, der die Konferenzteilnehmer in die Stadt bringt. Grant, leicht ergraute, kurze Haare, gefällt es hier, so unter Gleichgesinnten. Für ihn war, wie wohl für die meisten Konferenzteilnehmer, ein Youtube-Film der Anfang.

Youtube ist ja stets ein guter Ort, um mit den einfachen unter den unzähligen Verschwörungstheorien zu starten, schwups hinein, in den Sog des Zweifels: «Es hat mich nachdenklich gemacht.»

Also noch mehr Youtube, immer tiefer hinab in die dunkle Welt der Verschwörung, dazu das vage Gefühl, dass man doch merken müsste, wenn die Erde sich mit einer Bahngeschwindigkeit von – am Äquator – 1670 Kilometern pro Stunde um sich selbst dreht. Und schliesslich war er überzeugt: Die Wissenschaft verbreitet nichts als Lügen. «Echte Wissenschaft ist eine tolle Sache», sagt Grant. Gegenfrage: Was ist echte Wissenschaft? «Beobachtbar, überprüfbar», sagt er.

Da würden alle seriösen Forscher zustimmen. Seit der wissenschaftlichen Revolution im 16. und 17. Jahrhundert arbeiten Naturwissenschaftler mit systematischen Experimenten und Hypothesen, die zu überprüfen sind. Es war ein fundamentaler Wandel, weg von der Arbeit ihrer Vorgänger, die jahrtausendelang viele theoretische Betrachtungen darüber anstellten, wie die Welt sein sollte – statt nüchtern zu erfassen, wie sie ist. Dieser dramatische Umbruch, angestossen von Wissenschaftlern wie Nikolaus Kopernikus und Francis Bacon, hat der modernen Naturwissenschaft den Weg geebnet.

Vom Saal aus könnte man wunderbar den Horizont betrachten

Für die Leute hier in Amsterdam heisst «beobachtbar, überprüfbar» aber nicht, dass Experimente nur dann einen Wert bekommen, wenn sie reproduzierbar sind. Sie meinen damit vielmehr: Ich kann es sehen, in meinem Vorgarten, ohne weitere Vorkenntnisse. Und dass ihre Messungen der Erdkrümmung mit selbstgebastelten Instrumenten und irgendwelchen Lasern wenig zuverlässige Ergebnisse produzieren, ist zweitrangig – Hauptsache, die Daten kommen aus erster Hand, immerhin ist da nichts getrickst oder gefälscht.

Historisch betrachtet ist diese Form der Garagenforschung ein schrecklicher Rückschritt, und zwar in doppelter Hinsicht: Erstens macht sie die systematische Erforschung der Natur unmöglich, die ein weiteres Grundprinzip evidenzbasierter Wissenschaft ist: Die Arbeit des einen baut auf jener vieler anderer auf.

Und zweitens sollte man seinen Eindrücken – wie dem Gefühl, dass sich da nichts bewegt und nichts krümmt – nicht allzu blind vertrauen. Oder noch schlimmer, sie zu einer Pseudowissenschaft überhöhen, von der Flat-Earth-Gemeinde oft «Zetetizismus» genannt.

Die Sprecher an diesem Abend betreiben alle Youtube-Kanäle – mit denen man viel Geld verdienen kann.

Das schwarze Taxi hält vor der Oba-Bibliothek, einem imposanten Gebäude am Wasser. In den Tagen zuvor beschwerten sich Bürger, dass die grösste öffentliche Bibliothek der Niederlande ihren Konferenzraum für ein solches Treffen vermietet. Irgendwie verständlich, andererseits auch kein Beitrag zur Versöhnung der Flat-Earth-Anhänger mit dem Rest der Welt.

Drinnen könnte man aus den grossen Fenstern im obersten Stock wunderbar den Horizont betrachten, wenn man denn wollte. Aber man kann dahinter natürlich auch einen riesigen Ozean vermuten, der von dem hohen Eiswall der Antarktis eingefasst ist; über all dem eine Kuppel und eine Sonne, die mal den einen, mal den anderen Teil der Erde beleuchtet.

Es sind ziemlich viele Zuhörer gekommen, das Auditorium ist fast voll. Die Sprecher an diesem Abend betreiben alle Youtube-Kanäle – mit denen man übrigens viel Geld verdienen kann – und verweisen gerne respektvoll auf «die Arbeit» ihrer Kollegen einen Klick weiter. Es ist wie in einer Parallelwelt, sie alle hier haben jeden gesellschaftlichen Konsens über plausible Fakten weit hinter sich gelassen.

Manche Vorträge sind erstaunlich technisch

Eine Hausfrau und Mutter aus den USA, Karen B., referiert über die üblen Auswirkungen von Impfungen; Mark, ein Radio-DJ aus Grossbritannien, spricht über Gedankenkontrolle durch elektronische Musik. Youtuber Paul on the Plane distanziert sich verächtlich von den Modellen, die manche in der sogenannten «Flat Earth Society» propagieren. Aus seiner Sicht ist diese ganze Institution «kontrollierte Opposition», also Teil der Weltverschwörung. Selbstverständlich etwa fliege die Erde nicht als Scheibe durchs All. Schon gar nicht mit konstanter Beschleunigung – eine Idee, die die Vertreter der Flat-Earth-Society als alternative Gravitationstheorie vorstellen.

Als Beobachter könnte man meinen: Das ist dann auch schon egal. Aber viele hier halten solche Modelle für absurde Erfindungen, die nur dazu da sind, die Flat-Earth-Gemeinde zu diskreditieren.

Andere Vorträge sind erstaunlich technisch. Zack etwa, ein spanischer Projektmanager, erklärt absolut korrekt, wie schon die alten Griechen anhand von Sonnenständen den Erdradius berechneten. Ein ähnlich perfektes Modell für die flache Erde stehe leider noch aus, räumt er ein.

In den Pausen zwischen den Vorträgen stehen alle im Vorraum herum und quatschen. Zwischen den Youtube-Persönlichkeiten mit ihrer Internet-Aura wuselt eine junge Frau herum. Sie nennt sich Didi Vanh, was wohl nicht ihr ganz echter Alltagsname ist. Sie wohnt in Belgien und ist eine der beiden Organisatoren dieses Treffens. Vanh ist anders als viele hier. Sie macht sich Gedanken, die nicht direkt von Youtube kommen. Sie missioniert nicht; es ist ihr nicht so wichtig, ob andere Leute an die flache Erde glauben oder nicht.

Didi Vanh stellt Fragen, die Menschen schon immer beschäftigt haben

Seit vier Jahren ist sie dabei. Anfangs war es schwierig, «ich habe ein paar Freunde verloren», sagt sie. Inzwischen hält sie sich zurück: «Wenn das Thema aufkommt, dann sage ich etwas, aber ich dränge es nicht auf.» Stattdessen ist sie bei «Fecore» aktiv, einer Bewegung, die etwa Laser über Seen schickt, um zu beweisen, dass die Wasseroberfläche flach ist, und eben nicht gekrümmt. Leider sind solche Experimente dafür vollkommen ungeeignet. Denn kein einfacher Laser kann seinen Strahl über mehr als ein Dutzend Kilometer bündeln – stattdessen entsteht ein Kegel, sodass die Quelle auch noch zu sehen sein kann, wenn die Strahlmitte wegen der Erdkrümmung weit über dem Beobachter ankommt.

Ausserdem gibt es auf der Erde nun mal keine Seen im Vakuum. Die Brechung des Lichtes durch wärmere oder kältere Luftschichten macht jede vernünftige Messung unmöglich.

Aber trotz alledem, trotz den irren Theorien und der Arroganz, mit der hier Wissenschaft verhöhnt wird, stellt sich auch Didi Vanh Fragen, die Menschen schon immer beschäftigt haben – und es immer noch tun. «Wer sind wir? Woher kommen wir? Und was tun wir hier?»

Erstellt: 16.11.2019, 21:10 Uhr

Artikel zum Thema

Jeden Tag kommen 230'000 Menschen hinzu

Infografik Im Jahr 2100 werden 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Sie alle wollen essen, wohnen und ein gutes Leben führen. Wie soll das gehen? Mehr...

Wo in der Schweiz die Erde am häufigsten bebt

Das Wallis wird derzeit von aussergewöhnlich vielen Erdbeben erschüttert. Auch andere Regionen sind besonders gefährdet. Mehr...

Das Geheimtreffen der Mächtigen in der Schweiz

Verschwörung? Kaum. Aber was läuft an der Bilderberg-Konferenz 2019? Ein Schweizer Manager spricht über das Treffen mit Mike Pompeo, Tidjane Thiam und Ueli Maurer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...