Ein Freund zum Mieten – für 20 Franken pro Stunde

Abendessen, Konzertbesuche, Kino: Da Alejandro einsam ist, bezahlt er für eine platonische Begleitung. Kann das gut gehen?

Mit jemandem zu essen und zu reden ist für Introvertierte keine Selbstverständlichkeit: Zwei Männer beim Mittagessen. Foto: iStock

Mit jemandem zu essen und zu reden ist für Introvertierte keine Selbstverständlichkeit: Zwei Männer beim Mittagessen. Foto: iStock

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Alejandro wartet im Restaurant auf seinen Freund, den er nicht kennt. Seine Finger tippen ins Handy, dass er ein rotes T-Shirt trägt. Mit festem Blick, fast schon kritisch schaut er seinen Gesprächspartner an, als der ankommt: «Schön, dich kennenzulernen», sagt Alejandro. Das ist genau die Idee dieses Abends: Er hat sich auf einer Internetplattform einen Menschen ausgesucht, um mit ihm Zeit zu verbringen – und bezahlt dafür. Kann das ein guter Abend werden, wenn dieses Treffen erkauft wird?

Gemäss dem Schweizerischen Bundesamt für Statistik fühlt sich jeder dritte Schweizer einsam. Das Start-up «Rent a Friend» will daraus ein Geschäft machen: Die Plattform vermittelt Kontakte an Menschen, die beispielsweise neu in eine Stadt gezogen sind.

Zwar können sich Zugezogene auch über lokale Facebook-Gruppen oder Webseiten wie Couchsurfing.de neue Bekannte suchen – und manche nutzen dafür auch Dating-Dienste. Rent a Friend grenzt sich dagegen ab, weil sich hier nur Leute listen lassen, die Geld wollen, wenn sie zu einem Treffen kommen, zum Beispiel 20 Franken für eine Stunde. Es sind platonische «Freunde» mit Preisschild, auch so eine Erfindung des Digital-Kapitalismus des 21. Jahrhunderts und der Gig Economy.

Die Plattform verbietet Körperkontakt

Wie auch bei Datingportalen verlangt Rent a Friend eine Grundgebühr. 25 Franken pro Monat kostet es, jemanden «mieten» zu können; der Stundenlohn wird dann individuell ausgehandelt. Die Regeln der Plattform verbieten jeglichen Körperkontakt zwischen den Nutzern – auch wenn es keine Möglichkeit gibt, das zu überwachen.

Die Seite wurde nach eigenen Angaben 2009 in New Jersey von Scott Rosenbaum gegründet, das Layout erinnert an das alte soziale Netzwerk Myspace. Bisher bieten sich nach Angaben der Seite weltweit mehr als 620'000 Menschen zum Mieten an. Wie viele zahlende Kunden die Seite hat, wie viel Umsatz und Gewinn sie macht? Unklar. In der Schweiz ist die Verbreitung laut Stichproben allerdings nicht sehr gross. In Zürich und Bern bieten sich nur um die 10 Menschen an.

Die Test-Verabredung mit Alejandro in einem Restaurant beginnt zäher als gedacht. Er hat nicht darauf geachtet, ob er und sein neuer «Freund» gemeinsame Interessen oder Hobbys haben, entsprechend läuft die Unterhaltung: «Und was machst du so beruflich?» Der junge Mann aus Südamerika wohnt schon ein paar Monate in der Stadt, hat aber fast keine privaten Kontakte. «Mir fällt es sehr schwer, hier Leute kennenzulernen, ich bin eine sehr introvertierte Person», sagt Alejandro. Er spricht kein Deutsch, das macht die Sache noch schwieriger.

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Es ist aber nicht allein die Einsamkeit, die Alejandro auf die Plattform gebracht hat. Ganz konkret sucht er nämlich neben ein bisschen Small Talk auch den Kontakt zu jemandem, der ihm etwas Marihuana verkaufen würde. Er macht daraus auch kein Geheimnis, schon vor dem Treffen fragt er per Whatsapp nach, ob sein «Freund» jemanden kenne.

Rent a Friend selbst gibt an, die Chatverläufe und Profile der Nutzer zu überprüfen, um Kriminalität vorzubeugen. Wenn sich «Freunde» per Whatsapp schreiben, kann die Plattform das allerdings nicht überprüfen. Alejandros «Freund» antwortet aber mit nein, Alejandro bucht das Treffen trotzdem.

Eines ist aber die ganze Zeit über klar: Der gekaufte Gesprächspartner ist ein Dienstleister. Der Kunde wählt das Lokal und das Essen aus, bei Alejandro ist es ein südamerikanisches Restaurant und es gibt gemischte Fleischplatte. Ob das dem «Freund» schmeckt, ist nicht so wichtig.

Eher introvertierte Menschen könnten ihre sozialen Fähigkeiten trainieren.

Auch für den «Käufer» ist diese Situation nicht immer angenehm. Wer einen Stundenlohn dafür bezahlt, dass er nicht alleine am Tisch sitzt, wirkt schnell verzweifelt.

Die Bilanz des Treffens fällt deshalb entsprechend bescheiden aus. Phillip Ozimek, der an der Ruhr Universität Bochum zu sozialen Medien und Freundschaft forscht, sieht aber auch potenzielle Vorteile für die Nutzer solcher Plattformen. «Es kann gut sein, dass Alejandro nach dem Treffen glücklich ins Bett gefallen ist», sagt Ozimek. Alejandro war eben an einem Sonntagmittag mit jemandem essen, wie viele andere Menschen auch, ist rausgegangen, hat etwas erlebt. Das kann einem das Gefühl geben, sozial integriert zu sein.

Ähnliches hat Ozimek bei Facebook-Nutzern beobachtet: Wer dort seine vielen «Freunde» sieht, fühlt sich besser. Eher introvertierte Menschen wie Alejandro könnten über solche Verabredungen zudem ihre sozialen Fähigkeiten trainieren, um mehr aus sich heraus zu kommen.

Mieter und Vermieter können sich gegenseitig nicht bewerten, dabei setzen viele andere Seiten auf solche Konzepte, um Missbrauch zu entdecken und zu erschweren. Ozimek fiele da noch eine Möglichkeit ein, die Seite zu nutzen, anders als von den Betreibern gedacht: Man könnte einen Deal mit einem Restaurant schliessen; wenn ein über die Plattform vermitteltes Treffen dort stattfindet, steckt einem der Wirt danach Geld zu. Davon könnte man einen echten Freund einladen.

Erstellt: 26.10.2018, 17:34 Uhr

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