Ein geschützter Raum für Kinderschänder

Die asexuelle Priesterkaste ist für Männer attraktiv, die mit ihrer Sexualität nicht zurechtkommen. Und die katholische Kirche ahndet Übergriffe nicht.

Eine Entschuldigung sei angemessen: Papst Franziskus zeigte bei seinem Besuch im Januar Mitgefühl mit chilenischen Missbrauchsopfern. Sein Berater wies den Klerus an, mit der chilenischen Justiz zu kooperieren. (Video: Tamedia/AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Kindsmissbrauch durch Kleriker nimmt langsam epidemisches Ausmass an. Gerade mussten zahlreiche chilenische Bischöfe wegen Vertuschung zurücktreten. Grosse Missbrauchsskandale erschüttern seit Jahren die Ortskirchen: 2002 die Diözese Boston, 2007 die Erzdiözese Los Angeles, 2009 die irische Kirche, 2010 die Bistümer München-Freising und Berlin, 2017 die Diözesen Australiens.

Der am Dienstag veröffentlichte 848 Seiten dicke Bericht im US-Staat-Pennsylvania stellt punkto akribischer Aufarbeitung alle bisherigen Skandale in den Schatten. 300 Priester haben in den letzten 70 Jahren über tausend Kinder belästigt, missbraucht, vergewaltigt und gedemütigt.

Video – Vatikan äussert sich zu den Missbräuchen in den USA:

Traurig und beschämend: Der Vatikan äusserte sich zu den Vorwürfen gegen katholische Priester in Pennsylvania.

«Der Missbrauch war masslos und weit verbreitet», so der Generalstaatsanwalt Josh Shaphiro. Kaum zu glauben, dass die Täter nicht belangt wurden. Die Taten sind verjährt, ein Drittel der Priester ist verstorben. Bischöfe und Würdenträger haben den Missbrauch systematisch vertuscht und die Täter gedeckt.

Sie haben die Kinder und ihre Familien zum Schweigen gebracht, um Schadensersatzklagen und Negativschlagzeilen abzuwenden. Als prominentester Vertuscher wird Kardinal Donald Wuerl genannt, Alt-Bischof von Pittsburgh und seit 2006 Erzbischof von Washington. Gerade hat Papst Franziskus dessen Vorgänger in Washington, Theodore McCarrick, aus dem Kardinalstand entlassen – natürlich wegen Missbrauchsgeschichten.

Die römische Kirche ist für Kinderschänder offenbar ein geschützter Raum, weil sie den Schutz der Institution über das Leid der Opfer stellt. Bisher wenigstens. Neuerdings verschärft sie ihr Vorgehen gegen fehlbare Kleriker und will sogar Bischöfe und Kardinäle nicht länger schonen. Besser aber, man überlässt die Aufarbeitung von Missbrauchs­fällen nicht der Kirche allein, sondern schaltet wie in Pennsylvania den Staat ein. Die von ihm bestellte Grand Jury hat den Skandal vorbildlich aufgearbeitet.

Ist die asexuelle Priesterkaste für Männer attraktiv, die mit ihrer Sexualität nicht zurechtkommen?

Doch solange die Kirche nicht bereit ist, ihre neurotisierenden Strukturen zu hinterfragen, werden Priester weiterhin Kinder missbrauchen. Die Debatte, ob die rigide katholische Sexualmoral und der Zölibat den Missbrauch durch Kleriker fördern, wird bestenfalls an der Basis geführt, auf Bischofsebene leider abgeblockt. Gewiss: Der Zölibat macht nicht pädophil. Doch ist die asexuelle Priesterkaste für Männer attraktiv, die mit ihrer Sexualität nicht zurechtkommen.

Wer das Vorbild der Heiligen Familie mit einer Jungfrau als Mutter und einem asexuellen Vater verinnerlicht hat, muss seine Sexualität abspalten, statt sie zu integrieren. Das Elternpaar der Mutter Kirche und des Heiligen Vaters infantilisiert seine Kinder, hält das Kirchenpersonal emotional und sexuell unreif. Dies sei vor allem den Würdenträgern gesagt, die behaupten, Pädophilie trete in der Kirche nicht häufiger auf als in der übrigen Gesellschaft.

Patriarchal strukturierte Religionsgemeinschaften sind am meisten gefährdet, Unmündige kraft göttlicher Autorität auszubeuten. Dass zusehends Licht fällt auf das schiere Massenphänomen des klerikalen Kindsmissbrauchs, macht erst die emanzipierte Gesellschaft möglich, die autoritäre Strukturen infrage stellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2018, 22:44 Uhr

Artikel zum Thema

158 Katholiken wegen sexuellen Missbrauchs im Visier der Justiz

Video Die chilenische Staatsanwaltschaft untersucht Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs, die bis ins Jahr 1960 zurückreichen. Mehr...

Katholische Kirche schaltet bei Übergriffen die Justiz oft nicht ein

SonntagsZeitung Viele Missbrauchsfälle werden in der Schweiz nur kirchenintern untersucht – aus Rücksicht auf die Opfer. Strafverfolger fordern eine Änderung. Mehr...

Katholische Kirche deckte pädophilen Priester

22 Kinder hatte ein Kapuzinerpriester sexuell missbraucht. Orden und Bistum schauten jahrelang weg, wie nun eine Untersuchung zeigt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...