Ein Gymi mit Idealen

Selina Gfeller zog aus einem Dorf im Kanton Solothurn nach New Mexico. Dort besuchte sie das United World College – das Gymnasium der Zukunft.

Im Sommer 2015 wechselte sie ans United World College (UWC) in New Mexico, USA. Dort schloss sie zwei Jahre später ihre Matura ab. Foto: Privat

Im Sommer 2015 wechselte sie ans United World College (UWC) in New Mexico, USA. Dort schloss sie zwei Jahre später ihre Matura ab. Foto: Privat

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Nachts um zwei Uhr sah ich das beleuchtete Schloss zum ersten Mal. Am Rande der Rocky Mountains stand es auf einem Hügel. Hier würde ich nun für zwei Jahre wohnen: auf dem Campus des United World College (UWC).

Weltweit existieren siebzehn UWC-Internate, die Jugendliche aus mehr als hundertfünfundfünfzig Ländern und allen Gesellschaftsschichten ausbilden. Es spielt keine Rolle, woher jemand kommt, was er glaubt oder wie viel Geld sie besitzt. Alle leben und lernen zusammen. Wichtig ist nur, dass alle ihren eigenen Weg gehen. Am Ende soll man eine bunte Mischung aus Menschen, Geschichten, Idealen und Lebensweisen kennen gelernt haben. Man schliesst das UWC mit einem International Baccalaureate ab, einer internationalen Matura.

Mit sechzehn las ich in einem Magazin vom UWC. Ich war fasziniert von der Philosophie der Schule. Neben dem interkulturellen Verständnis stehen Nachhaltigkeit und Frieden im Zentrum. Alle drei Begriffe zogen mich fast magisch an. Knapp ein Jahr später, im Sommer 2015, sollte ich Teil dieses besonderen Mikrokosmos werden.

Eine Schule, die junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenbringt: Die UWC stellt sich vor. Video: Youtube

Am UWC bilden alle, die Lehrenden und Lernenden, eine grosse Familie. Dieser Geist ist sofort zu spüren: Kaum hatten wir Neuankömmlinge den Bus verlassen, umarmten uns die Älteren. Trotzdem fühlte ich mich dort erst ein Jahr später richtig wohl. Lange war ich unausgeglichen, weil ich mich plötzlich allein mit Alltagsproblemen herumschlagen musste. Auf dem Campus spricht man nur Englisch. Anfangs konnte ich mich nicht ausdrücken, das frustrierte mich. Natürlich hatte ich in meinem alten Gymnasium in Münchenstein in Baselland auch Englisch, aber ich hatte mich nie getraut, es zu sprechen.

Durch die Nähe verlor das College die Hierarchie, die ich aus Sek und Gymi kannte.

Erst mit Beginn des zweiten Jahres ging mir auf, dass das meine zweite Familie ist. Ich sass mit meiner Zimmergenossin auf unserer Fensterbank, wir schauten hinaus in die Sterne und hörten den vielen Stimmen zu, die durchs offene Fenster hereinwehten. Ich war frisch aus der Sommerpause in der Schweiz zurück und fühlte mich in diesem Moment erstmals hier zu Hause.

Ich freundete mich auch mit meiner Mathelehrerin und ihrem Mann an. Oft kochten wir zusammen in ihrem Haus. Durch diese Nähe verlor das College die Hierarchie, die ich aus Sek und Gymi kannte. Schule und Privates vermischten sich. Das verwirrte mich anfangs. Aber es lockerte den Umgang in der Schule – und dadurch auch mich. Vom ersten Tag an meldete ich mich im Unterricht, trotz meines Englischs. In der Schweiz hatte ich jedes Mal mit mir gekämpft, wenn ich vor einer Gruppe sprechen musste – vor einer Präsentation zitterte ich sogar mehr als vor meinem Wechsel nach New Mexico.

Nun lerne ich, mehr auf mein Herz als auf meinen Kopf zu hören.

Oft war es herausfordernd. Meine Zimmergenossin aus Pakistan etwa sagte nie direkt, was sie fühlte. Sie war es nicht gewohnt, offen zu sprechen. Ob es ihr Wesen war oder die Mentalität ihres Landes, konnte ich nur schwer entschlüsseln. Es dauerte lange, bis ich ihre nonverbale Kommunikation verstehen lernte.

Der soziale Reichtum gab mir unglaublich viel. Dank meiner Zimmergenossin begann in mir ein Lernprozess, der nie aufhört: Wie gehe ich mit dem Privileg der Schweizer Herkunft um? Ich stamme aus einer Familie, die mich bei allem unterstützt und der nichts fehlt. Daraus folgt eine Verantwortung: Wie danke ich dafür? Wie teile ich das?

Nun lerne ich, mehr auf mein Herz als auf meinen Kopf zu hören. Mein Kopf mahnt mich, dass ich Dinge für andere tun soll. Freiwilligenarbeit etwa. Aber daraus entsteht nur etwas, wenn ich mich nicht verausgabe. Das weiss mein Herz, der Kopf nicht.

Dieser Lernprozess setzt sich nun in meinem Studentinnenleben fort – ich studiere Psychologie in Leiden in den Niederlanden.

Erstellt: 19.04.2019, 11:28 Uhr

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