Ein Ja ist ein Ja ist ein Ja

Die Beteiligten, vor allem die Frauen, sollen vor dem Sex ihre Zustimmung erklären. Es gibt kein gutes Argument dagegen.

Und was passiert nach dem heissen Flirt auf der Tanzfläche? Amnesty International will klare Regeln. Foto: Nick Hannes (Dukas)

Und was passiert nach dem heissen Flirt auf der Tanzfläche? Amnesty International will klare Regeln. Foto: Nick Hannes (Dukas)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tun und Wissen sind manchmal unterschiedliche Dinge. Niemand sollte das besser wissen als ein Psychologe. «Sex braucht die Zustimmung aller Beteiligten. Implizit oder explizit, aber unmissverständlich. Alles andere ist Vergewaltigung und gehört bestraft. Das wissen alle, sogar Vergewaltiger», schrieb gestern der Wirtschaftspsychologe Christian Fichter in seiner «Tages-Anzeiger»-Kolumne. Mit diesem Argument erklärte er die Kampagne von Amnesty International gegen sexuelle Gewalt für überflüssig und gar gefährlich für den gesellschaftlichen Frieden.

Doch sein Argument ist kurzsichtig. Man soll nicht betrunken Auto fahren. Man soll keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr haben. Rauchen ist schädlich. Das wissen alle, trotzdem passiert es regelmässig. Fichter blendet aus, dass Menschen sehr oft unvernünftig handeln. Genau deshalb legt man in der Schweiz viel Wert auf Prävention.

Viele Junge haben keine realistische Vorstellung von Sex

Nun gibt es also auch eine Kampagne zum Thema sexuelle Gewalt. Sie richtet sich an Jugendliche, die für diese Fragen sensibilisiert werden sollen. Dafür sind die vier Videoclips der Kampagne bestens geeignet: Wir sehen das Gesicht einer jungen Frau, die während knapp zehn Sekunden laut stöhnt. Dann schaut sie in die Kamera und sagt: «Ja.» Darauf wird die Botschaft eingeblendet: «Zuerst ja, dann aah – Sex braucht die Zustimmung von beiden.» Auch wer nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat und durch den Instagram-Feed von Amnesty scrollt, wird die Aussage verstehen. Sie ist klar und einfach.

Heute wachsen Jugendliche in einer Welt auf, in der Kinder gemäss Umfragen schon im Primarschulalter pornografische Inhalte sehen. Pornos sind nur einen Klick entfernt. Wer so jung ständig mit pornografischem Sex konfrontiert ist, hat wohl kaum eine realistische Vorstellung davon, wie Sex im richtigen Leben funktioniert. Und kann nicht oft genug daran erinnert werden: «Sex braucht die Zustimmung von beiden.»

Die Kampagne von Amnesty International zielt auf eine Anpassung des Sexualstrafrechts.

Gedreht hat die Clips die Winterthurer Juristin und Regisseurin Barbara Miller, die Autorin des Erfolgsfilms «Female Pleasure». Sie schafft es, die spezifischen Bedürfnisse junger Frauen anzusprechen. Die Kurzfilme passen auch perfekt zu einem neuen Feminismus, der der weiblichen Sexualität positiv gegenübersteht – obschon Frauen, die ihre Sexualität geniessen, gesellschaftlich nach wie vor als anstössig empfunden werden.

Viele weibliche Teenager wollen sich heute die Freude an der Sexualität nicht verderben lassen. Sie tragen T-Shirts mit «Feminist»-Aufschrift und setzen sich für Sex Positivity ein. Die Clips mit jungen Frauen, die ihre Sexualität geniessen, vermitteln, dass Sex allen Beteiligten Spass machen soll und sexuelle Handlungen bei explizit geäusserter Ablehnung falsch sind.

Die Kampagne von Amnesty International zielt auf eine Anpassung des Sexualstrafrechts. Nach aktuell gültiger Rechtslage haben wir eine Opt-out-Situation. Das heisst, die Frau muss sich körperlich zur Wehr setzen oder mindestens explizit ihre Ablehnung ausdrücken, wenn sie keine sexuellen Handlungen eingehen will. Die bessere – und von Amnesty mit einer Petition geforderte – Variante ist aber Opt-in, die Beteiligten sollen explizit ihre Zustimmung zum Sex geben. Dann wissen alle, woran sie sind, und es kann nicht mehr heissen: «Warum hast du nicht Nein gesagt?»

Erstellt: 03.09.2019, 23:27 Uhr

Artikel zum Thema

Erst ja, dann ahh? Die Amnesty-Kampagne zielt daneben

Kolumne Für Sex brauche es die Zustimmung der Beteiligten: Die Plakate stellen die Bevölkerung unter Generalverdacht. Mehr...

Bundesrat stellt sich gegen Revision des Sexualstrafrechts

Sex ohne Einwilligung wird weiterhin nicht als Vergewaltigung bestraft. In mehreren Ländern ist dies jedoch bereits Realität. Mehr...

Sex ohne Einverständnis soll härter bestraft werden

Zwei Strafrechtlerinnen fordern das Parlament auf, das Schweizer Sexualstrafrecht zu modernisieren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...