Ein Kringel geht um die Welt

Ein französischer Zuckerbäcker lässt die New Yorker seit drei Monaten jeden Morgen stundenlang Schlange stehen. Seine Mischung aus Gipfeli und Donut wird nun weltweit kopiert – auch bei uns.

Erfolgreiche Mischung aus Croissant und Donut: Einblick in die Herstellung so genannter Cronuts.
Video: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erst war es Rosen-Vanille, dann Zitrone-Ahornsirup, gefolgt von Brombeere. Aktuell ist es Kokosnuss. Und ab nächster Woche wird es Feige-Mascarpone sein. Die Rede ist vom Cronut, einer Kreuzung aus Croissant und Donut. Ein Gebäck, das weltweit für Schlagzeilen sorgt, gibt es immer nur in einer Geschmacksrichtung pro Monat, immer am gleichen Ort – in der Dominique Ansel Bakery an der Spring Street in Soho, New York – und immer nur in limitierter Auflage von etwa 350 Stück à 5 Dollar. Man kann maximal 2 davon kaufen und muss dafür immer etwa zwei Stunden anstehen. Und zwar schon etwa um 6 Uhr morgens, weil das Geschäft um 8 Uhr öffnet.

Das geht seit dem 12. Mai so. Am 10. Mai wurde das Gebäck erstmals verkauft, tags zuvor hatte Grub S‌treet, das Gastroportal des «New York Magazin» über die Patisserie berichtet, «die sehr wohl Ihr Leben verändern könnte». Die erste Ladung war innert 35 Minuten ausverkauft, die zweite bereits nach 10 Minuten weg. Schon am dritten Tag warteten über 100 Menschen vor dem Laden. Seither sind die Cronuts rationiert.

Erfunden hat das Gebäck der Inhaber der Bäckerei, der ihr auch den Namen gibt: der Franzose Dominique Ansel. In der Welt amerikanischer Desserts ist er kein Unbekannter, er und sein Laden haben seit der Eröffnung 2011 diverse Preise und Nominationen eingeheimst. Gelernt hat er sein Handwerk unter anderem in der Luxuskonditorei Fauchon in Paris.

Cronut-Mania ebbt nicht ab

Die Idee zum Cronut tönt wenig spektakulär: Ansel wollte des Amerikaners liebstes Gebäck ins Angebot nehmen, den Donut. Weil der Franzose kein Rezept kannte, entwickelte er selbst eines. Er nahm einen Croissantteig als Basis und tüftelte daran herum, bis dieser sich perfekt frittieren liess. Dann wendete er den Kringel in Zucker, spritzte Creme in sein Inneres und bestrich ihn mit Glasur. Fertig war der Cronut. Laut Ansel dauert es drei Tage, den Teig herzustellen, weil er zwischen den einzelnen Verarbeitungsschritten ruhen muss. Ist der Cronut einmal fertig, muss man ihn innert sechs Stunden essen, sonst wird er labbrig.

Entgegen den ursprünglichen Prophezeiungen ist die Cronut-Mania nicht nach einigen Wochen wieder abgeebbt. Im Gegenteil. Die Schlangen vor der Bäckerei sind tendenziell eher länger geworden. Als ein Lokalmedium Anfang August den Stand überprüfte, stauten sich die Wartenden eine halbe Stunde vor Ladenöffnung auf knapp 200 Metern. Jeden Tag gehen Dutzende von Menschen leer aus – und müssen sich mit einer anderen Leckerei aus Ansels Laden begnügen. Angeheizt wird der Hype von immer neuen Medienberichten in den USA. Böse Zungen behaupten, dass die Fernsehstationen Ansel nur darum einladen, um selbst in den Genuss eines Cronuts zu kommen.

Der ganze Hype geht mittlerweile so weit, dass Randständige und Arbeitslose sich frühmorgens vor Ansels Bäckerei anstellen, um ihren Platz weiterzuverkaufen. Die in den amerikanischen Medien kolportierten Preise bewegen sich zwischen 20 und 100 Dollar – je nachdem, wie weit vorne in der Schlange jemand sich befindet. Auf Onlinemarktplätzen wie etwa Craigslist werden die Cronuts für 35 bis 50 Dollar pro Stück weiterverkauft.

647 Kalorien pro Stück

Ein findiger Jungunternehmer hat unter www.croissantdoughnut.com gar einen Lieferservice aufgebaut, bei dem man bis zu 20 Original-Cronuts auf einmal bestellen kann – und zwar pünktlich auf den nächsten Tag. Kostenpunkt: 100 Dollar pro Stück. Bei Bestellungen à 20 Stück steigt der Preis auf 3000 Dollar – also 150 Dollar pro Cronut. Wieso? «Weil das bei einem Limit von 2 Cronuts pro Person mehr Arbeit ist», heisst es auf der Website. Kein Wunder: Ansel hat auf professionelle Schlangesteher mittlerweile ein Kopfgeld ausgeschrieben. Und er warnt davor, Essen von Fremden zu kaufen. Das könne gefährlich (oder schlimmer: eklig) sein.

Der Franzose kämpft indes nicht nur gegen den Schwarzhandel, sondern auch gegen billige Kopien. Den Namen Cronut hat er als Marke schützen lassen – und zwar fast weltweit. Die ersten Raubkopierer hat er schon abgemahnt. Schlaumeier weichen bei der Namensgebung darum auf Varianten wie Dossant aus – quasi die umgekehrte Kombination aus Donut und Croissant.

Kopiert wird längst nicht mehr nur in den USA. Bäckereien in Kanada, den Philippinen, Japan, China, Hongkong, Taiwan, Südkorea, Malaysia, Indien, Singapur, Australien, Brasilien, den Niederlanden, Grossbritannien und Spanien bieten die süssen Kringel in vielen verschiedenen Varianten an. Und seit letzter Woche gibt es sie auch in der Schweiz. Allerdings sind es hierzulande nicht Edelbäcker wie Sprüngli, Honold, Péclard oder Vollenweider, die sich an der Kalorienbombe probieren, sondern die Migros. Apropos Kalorien: Beim Franzosen ist die in einem Cronut enthaltene Energie nicht in Erfahrung zu bringen. Freizügiger ist die Migros: Bei der Variante Nougat sind es 647 Kalorien.

Erstellt: 27.08.2013, 15:48 Uhr

Artikel zum Thema

Wieso die Migros nach New York flog

Zwei Geschäftsleitungsmitglieder der Migros-Bäckerei Jowa flogen extra nach New York, um den Original-Cronut zu testen. Danach tüftelte Bäcker Bojan Cepon drei Wochen lang ununterbrochen am Rezept. Mehr...

Video

Süsse Versuchung: New Yorker stehen Schlange für Cronuts.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Cronut-Weltkarte


Thrillist Maps: Cronuts Around the World auf einer größeren Karte anzeigen

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...