Ein Laserangriff auf die Tinte in meiner Haut

Unsere Autorin hat sich ein Tattoo wegmachen lassen – eine schmerzhafte und langwierige Prozedur.

Punkt für Punkt ans Ziel: Eine Tattoo-Laserentfernung ist ein langwieriger, kostspieliger und schmerzhafter Prozess. Bild: Damian Gretka (Getty Images)

Punkt für Punkt ans Ziel: Eine Tattoo-Laserentfernung ist ein langwieriger, kostspieliger und schmerzhafter Prozess. Bild: Damian Gretka (Getty Images)

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Einen elektrischen Weidezaun anfassen. Immer wieder. Peng! Peng! Peng! So in etwa fühlt sich eine Tattoo-Entfernung an. Die Dermatologin richtet den Laser auf die schwarze Linie, die sich über die Haut schlängelt, drückt den Auslöser, und das Gerät feuert eine Nanosekunde lang gebündelte elektromagnetische Wellen auf die Farbe meines Tattoos. Ein kleiner schwarzer Punkt verfärbt sich weisslich, dann setzt die Ärztin den Laser erneut an. Sie wiederholt den Vorgang so oft, bis die ganze Tätowierung behandelt ist.

Ich beobachte das Geschehen durch das orangefarbige Glas der Schutzbrille und male mir aus, wie stark der Schmerz wohl wäre ohne anästhesierende Creme, die ich eine Stunde vor dem Arzttermin auftragen musste. Small Talk mit der Ärztin liegt kaum drin, zu laut ist der Vorgang. «Die Farbpigmente werden nicht nur durch die Wärme des Lasers gesprengt, sondern auch fotoakustisch», erklärt Kristine Heidemeyer, Dermato­login am Berner Inselspital, den zischenden Knall.

Schnelle, neue Laser

Es ist eine Sitzung von vielen. Ein Tattoo ist schnell gestochen, eine Entfernung hingegen braucht viel Zeit, 10 bis 18 Behandlungen sind nötig. Neuartige Lasergeräte können die Behandlungsdauer immerhin um mehr als die Hälfte verkürzen. Und: Eine Entfernung kostet ein Vielfaches der Tätowierung – bis über 300 Franken pro Sitzung, je nach Grösse. Von den Schmerzen, die das Tätowieren dagegen als entspannte Hautmassage erscheinen lassen, gar nicht zu reden. Warum sich das also antun?

«Es gefällt mir nicht mehr, das Tattoo passt nicht zu meinem Job, ich bin zu alt dafür»: So fasst Heidemeyer die häufigsten Gründe zusammen, die ihre Patienten nennen. In meinem Fall hat ganz einfach der Zahn der Zeit seine Spuren am Tattoo hinterlassen: Der filigrane Fingerring, den ich als 18-Jährige stechen liess, ist verblasst. Nachstechen oder entfernen? Das war die Frage. Ich entschied mich für Letzteres.


Bildstrecke: Die Tattoos der Fussballer


Und hatte Glück: Das kleinflächige Tattoo reagiert schnell auf die Behandlungen, nach nur vier Sitzungen ist fast nichts mehr zu sehen. Hartnäckiger sind farbige Tätowierungen. Gerade Pink-, Weiss- oder Beigetöne reagieren schlecht auf den Laser, es kann sogar zu permanenten Farbveränderungen kommen. Darum testet Kristine Heidemeyer den Laser auf entsprechenden Farb­bereichen erst kleinflächig, um ein so­genanntes Darkening auszuschliessen. Sonst kann es sein, dass das rosa Herz auf einmal braun auf der Schulter prangt – und dieses Mal wirklich für immer.

«Wie genau die Farbe auf den Laser reagiert, können wir aber noch nicht hundertprozentig nachvollziehen.»Kristine Heidemeyer, Dermatologin

Neben Farbveränderungen kann eine Entfernung auch eine schwere allergische Reaktion auslösen. «Wer schon nach dem Stechen des Tattoos eine lokale allergische Reaktion hatte, sollte von einer Entfernung absehen», so Heidemeyer. Auslöser sind zum Beispiel Teile von Nickel, die sich in der Farbe befinden. Durch die Laserentfernung werden die Farbpigmente zersprengt – und so wird das Nickel im Körper frei­gesetzt. Dasselbe kann mit Giftstoffen geschehen, die im Tattoo enthalten sein können. Denn noch immer gibt es keine geregelte Prüfung der Farben. Bis anhin existiert jedoch keine Studie, die Vergiftungen, Tumorbildungen oder andere Erkrankungen durch Tattoofarbe nachgewiesen hätte.

Doch was geschieht mit den zersprengten Farbpartikeln genau? «Sie werden über die Lymphbahnen abtransportiert und sammeln sich in den Lymphdrüsen», erklärt Heidemeyer. Aufgrund der Erfahrung könne man ­allerdings davon ausgehen, dass die Partikel keinen Schaden im Körper anrichten. «Wie genau die Farbe auf den Laser reagiert, können wir aber noch nicht hundertprozentig nachvollziehen. Sobald die Wissenschaft mehr Erkenntnisse hat, kann auch der Entfernungsprozess weiter optimiert werden.»

Bereuen? Ach was!

Auf der Haut ist das Ergebnis einer Sitzung nicht sogleich erkennbar. Direkt nach der Behandlung schimmert das Sujet weisslich, und die tätowierte Stelle fühlt sich wund an – einem Sonnenbrand ähnlich. Auch Schwellungen und Bläschen sind möglich. «Bilden sich richtige Blasen, muss ein Arzt aufgesucht werden», sagt Heidemeyer. Eine Kältekompresse lindert den Schmerz, der in meinem Fall nach wenigen Stunden abklingt. Bis zur nächsten Sitzung müssen mindestens zwei Monate verstreichen, direktes Sonnenlicht gilt es in einer ersten Phase zu meiden – weshalb bei exponierten Hautstellen eine Entfernung während der kälteren Monate sinnvoll ist. Zwischen zwei Behandlungen verblasst die Tätowierung etwas, bei manchen Stellen mehr, bei anderen reagiert die Farbe weniger ausgeprägt.


Video: Tätowierte Audiospur

Sound-Tattoos liegen in den USA derzeit voll im Trend. Video: AFP/Tamedia


«Jetzt bereust du es also doch!» Ein Spruch, mit dem jeder unweigerlich konfrontiert wird, der sich eine Täto­wierung entfernen lässt. Auf manche mag das zutreffen. Auf mich nicht. Ich bereue keine Tätowierung, es kommen immer noch weitere hinzu. Meine Haut ist wie ein Tagebuch, wichtige Ereignisse werden mit einem Tattoo verewigt. Und wie bei einem papierenen Tagebuch wird einmal hier und dort ergänzt, mal wird etwas überschrieben – und manchmal eben auch eine Seite herausgerissen.

Erstellt: 17.06.2018, 23:58 Uhr

Hautärztin Kristine Heidemeyer behandelt die Autorin. Bild: Nicole Philipp

Tipps

So werden Sie Ihr Tattoo wieder los

Sich eine Tätowierung stechen zu lassen, ist einfach. Weniger einfach – und bedeutend teurer – ist es, sie wieder zu entfernen. Diese Punkte gilt es dabei zu beachten:


  • Für eine Entfernung kommen alle Hauttypen und Tattoo-Grössen infrage.



  • Wem das Tattoo nicht gefällt, der sollte schnell handeln. Innerhalb der ersten zwei Wochen lässt sich die Farbe besonders gut entfernen. Ebenfalls schneller voran geht der Prozess bei älteren, bereits verbleichten Tattoos.



  • Schwierig zu entfernen sind besonders Pink-, Beige- und Weisstöne. Im schlimmsten Fall kann es durch die Laserbehandlung zu Farbveränderungen kommen (sogenanntes Darkening).



  • Wer bereits nach dem Tätowieren eine allergische Reaktion hatte, sollte auf eine Entfernung verzichten.



  • Nach einer Laserbehandlung muss das Sonnenlicht gemieden und die Haut am besten mit einer Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 geschützt werden. Sonst können unschöne Flecken entstehen (Hyperpigmentierung)



  • Zwischen den einzelnen Behandlungen müssen zwei Monate liegen.



  • Bildet die Haut nach einer Laserbehandlung Blasen, muss umgehend ein Hautarzt aufgesucht werden.



  • 10 bis 18 Laserbehandlungen sind für eine vollständige Entfernung nötig, mit neuen Picosekundenlasern sind es noch 4 bis 8 Sitzungen.



  • Bei unsachgemässer Bedienung des Lasergeräts kann es auf der Haut zu Flecken, Verbrennungen und Narben kommen. Daher sollte unbedingt ein seriöser Anbieter aufgesucht werden.



  • Eine gute Anlaufstelle sind Hautärzte, Hautkliniken, aber auch Spitäler mit dermatologischen Abteilungen.



  • Die Kosten für Tattoo-Entfernungen müssen selbst bezahlt werden.

(stc)


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