Ein Mann für alle Felle

Der Schweizer Anwalt Antoine F. Goetschel hat schon Fische, Hunde und eine Boa vor Gericht vertreten. Von einem, der für die spricht, die nicht sprechen können.

«Das Tier ist kein Randthema, sondern gehört in die Mitte der Gesellschaft»: Antoine F. Goetschel. Foto: Sophie Stieger

«Das Tier ist kein Randthema, sondern gehört in die Mitte der Gesellschaft»: Antoine F. Goetschel. Foto: Sophie Stieger

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Am Anfang war der Fisch. Und Antoine F. Goetschel sah, dass es nicht gut war. In der Zeitung hatte ein Angler geprahlt, dass er mit dem 116 Zentimeter langen und elf Kilo schweren Hecht am Haken einen «extremen Kampf» ausgefochten habe, zehn Minuten habe der Drill gedauert. Tierschützer zeigten ihn daraufhin an, und Goetschel stieg also in seinen Lancia Ypsilon und fuhr zum Bezirksgericht in Horgen bei Zürich, um das Tier zu vertreten. Drei Stunden dauerte der Prozess, am Ende sprach der Richter den Angler frei. Er teilte Goetschels Überzeugung nicht, dass der Hecht vor seinem Ableben ähnlich gelitten habe wie ein Stier beim Kampf.

Eine echte Klatsche für den Anwalt aus Zürich, der es gewohnt ist, bei Gericht Erfolg zu haben und danach von CBS und der «New York Times» interviewt zu werden. Aber muss das sein, der Hecht? Goetschel, 59, ist ein höflicher Mensch, er eilt vor, um Türen zu öffnen, beim Mahl den Stuhl unterzuschieben, doch nun wird er leicht unwillig. Ja, muss sein. Sieben Jahre her ist der Fall, aber in ihm steckt alles, was die paradoxe Beziehung zwischen Mensch und Tier und Goetschels Rolle dabei erklären kann.

«Unser Herz ist wählerisch: Der Fisch landet in der Pfanne, die Katze auf dem Schoss.»

Der Schweizer ist einer der bedeutendsten Juristen, die sich für Tiere und ihren Schutz einsetzen. Einige Jahre arbeitete er für den Kanton Zürich als «Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen», was weltweit einmalig ist – und auch kurios. Mehr als 700 Fälle landeten bei dem Tieranwalt. Da waren das Meerschweinchen und der Hamster, die in einem Bordell als Sexspielzeug dienten, das zu Tode gequälte Pony eines Militaryreiters. Da war eine entwichene Boa, ein Haufen bissiger Hunde, deren Halter sich weder um die Tiere noch um andere Menschen scherten. Und da war der Fisch. Der schwierigste Mandant.

Der Fischfall zeigt, wie paradox die Liebe des Menschen zum Tier ist. Katzenjäckchen, Vogelkäfige im Villenstil und Hundeyoga machen den Heimtiermarkt milliardenschwer, aber auf dem Tisch steht Billigfleisch von unglücklichen Schweinen. In wohltemperierten Teichen leben kleinwagenteure Koikarpfen, aber der Hecht vom Zürisee? Herrje, dann hat er halt ein wenig länger gezappelt. «Wir haben ein Herz für Tiere, aber dieses Herz ist wählerisch», sagt Goetschel. «Der Fisch landet in der Pfanne, die Katze auf dem Schoss.» Wenn die Menschen von ihrer Liebe zu einigen Tieren doch ein wenig für alle abzweigen könnten. Er seufzt nicht, er stellt fest. Tiere mögen ein emotionales Thema sein, aber Goetschel spricht betont kühl über sein Metier.

«Mit warmem Herzen, aber kühlem Kopf»

Der Anwalt ist eine interessante Spezies, der Begriff sei erlaubt. Er trägt Seidentuch, Oberhemd und Tweedsakko, das grau melierte Haar elegant frisiert. Er ist bestens vernetzt in der Bourgeoisie der Schweiz, und als er an diesem Tag das gehobene vegetarische Restaurant von Hiltl in der Sihlstrasse in Zürich betritt, nicken ihm ältere Herren und Damen respektvoll zu, das Zürcher Geschnetzelte aus Seitan mit Rösti und veganer Crème fraîche serviert der Kellner huldvoll, im Regal stehen Goetschels Bücher. Er zitiert in fünf Atemzügen Sokrates, Bohr, Dürrenmatt, Montesquieu und die Weisheiten von Salcia Landmann. Der russische Komponist Rachmaninow ist sein Urgrossonkel mütterlicherseits.

Seit mehr als 30 Jahren kämpft Goetschel für die Rechte von Tieren, aber es ist schwer vorstellbar, dass er nachts Tiere aus dem Schlachthof befreien, Damen im Pelz mit Farbbeuteln bewerfen oder überhaupt auf eine Demo gehen würde. Goetschel sagt, dass jeder auf seine Weise versuche, sein Ziel zu erreichen. Er übe seinen Beruf mit «warmem Herzen, aber kühlem Kopf» aus, was ihn unterscheide von denen, die das Thema überhitzt angingen. Er spricht mit ruhiger, warmer Stimme, kein böses Wort über irgendwen, Jäger sind keine Gegner, sondern «Mitspieler» auf der Suche nach Mehrheiten für tierfreundlichere Gesetze, er redet mit den Betreibern von Schlachthöfen, mit den Chefs der Pharmafirmen, die Tierversuche durchführen.

Goetschels Stimme ist mild, die Manieren sind formvollendet. Seine Kritiker macht das rasend.

Ist das nicht alles ein wenig arg lieb? Goetschel lächelt fein. Ein Fehler, ihn zu unterschätzen. Im Auftreten ist er sehr kultiviert, in seinen Ansichten durchaus radikal. In der Schweiz gilt das strengste Tierschutzgesetz der Welt, und Goetschel war daran beteiligt, es noch zu verschärfen. Er, der seit 30 Jahren weder Fisch noch Fleisch isst und oft vegan, hat daran mitgewirkt, dass die Würde der Kreatur 1992 in die Schweizer Verfassung aufgenommen wurde. Auf ihn ist zurückzuführen, dass Tiere im Scheidungsrecht nicht mehr als Sachen behandelt werden, sondern Kindern nicht unähnlich. Er hat dazu beigetragen, dass soziale Tiere wie Wellensittiche in der Schweiz nicht mehr allein gehalten werden dürfen, sondern nur noch mit Artgenossen. Er hat bewirkt, dass Hunde Anspruch auf Sozialkontakt und Auslauf haben. Er hat das Deutsche Tierschutzgesetz kommentiert, ist Redner auf Podien in den USA, in Grossbritannien, Südkorea, Deutschland.

Manche hassen ihn dafür. Als er gegen Delfinarien argumentierte, musste der Zirkus Knie seines in Rapperswil schliessen und die Polizei Goetschels Auto nach Bomben absuchen. Es gab Drohungen. In der Hechtsache kündigte ein Angler an, ihn am Haken durch den Zürichsee zu ziehen. Schlagerfans beschimpften ihn wüst, als er die Schweizer Sängerin Vreni Margreiter kritisierte, weil sie mit ihrem sechs Monate alten Hund Ben beim Grand Prix der Volksmusik auftreten wollte. Das sei ein «Blossstellen des jungen Bernhardiners», befand Goetschel. Vreni sang, mit Hund. Goetschel wurde belächelt. Aber er hatte die grössere Presse, was ihm nicht unwichtig ist.

Würde der Kreatur in der Schweizer Verfassung: Antoine F. Goetschel. Foto: Adrian Moser

Er spricht mit milder Stimme, und wahrscheinlich ist es genau die Art, die seine Kritiker in Rage bringt. Mit einem schreienden Aktivisten können sie umgehen, aber mit einem, der ihnen doch sehr ähnlich ist, klappt das mit dem alten Feindbild nicht mehr. Auch, weil Goetschel sehr gerecht seine Kritik verteilt. Er mokiert sich genauso über Friseure, die ihre Hunde den ganzen Tag ins Schaufenster legten. Würde man bei den Coiffeuren nachfragen, sie verstünden sich sicher als Tierfreunde. Goetschel hat keinen Hund, keine Katze, keinen Fisch. Er lebt mit seinem 17-jährigen Sohn in einer Zweizimmerwohnung, aber das sei nicht der Grund. «Ich plädiere dafür, dass man Tiere auch gern haben kann, indem man keine Tiere hat.» Aus Liebe zum Hund könne man auch einfach keinen haben.

Der Jurist hat vor einer Weile das Global Animal Law Project GAL gegründet. 60 Professoren und Anwälte für Tierschutzrecht arbeiten in dem weltweiten Netzwerk, der bekannte Bioethiker Peter Singer von der Princeton University gehört dazu, Steven M. Wise, der Tierrecht in Harvard und an der Tufts University lehrt. Goetschel hat eine halbe Million Franken seines Vermögens in das Projekt eingebracht, zudem wirbt er Spenden ein. «Einzelne Tiere vor Gericht zu verteidigen, einzelnen Tierquälern das Handwerk zu legen, ist eine wichtige Aufgabe», sagt er. Aber am Fundament zu arbeiten, an der rechtlichen Besserstellung von Tieren weltweit, bewirke schlussendlich mehr. «Als Schlüssel zur Reduktion des Tierleides sehe ich das Recht, nicht die Ethik.» Nicht Einsicht also schützt das Tier vor dem Menschen, sondern das Gesetz.

Gerade regelt Goetschel auch noch den Nachlass Rachmaninows. Der ist sein Urgrossonkel.

In seiner Kanzlei am Zürichsee duftet es nach Ölen, das gereichte Wasser ist mit Lavendel und Bergamotte versetzt, ein Buddha steht im Büro, vor fünf Jahren hat sich Goetschel dem Buddhismus zugewandt. Er beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Fragen der Ethik und des Rechts beim Tier, aber selten hatte er bereitwilligere Zuhörer als heute. Längst gehört das Tier im Recht in Harvard, Yale und Columbia zum Lehrplan. Die Zahl der Vegetarier und Veganer nimmt zu, auch hat der Buchmarkt ein eigenes Genre erfunden, das des Tierseelenlesers: Der Brite Charles Foster hat einen Bestseller dazu geschrieben, wie er auszog, als Dachs oder Otter zu leben, sein Landsmann Thomas Thwaites steckte sich Prothesen an die Beine und graste mit Ziegen, um sich in ihre Seele einzufinden.

Antoine F. Goetschel lächelt wieder. Das seien schöne Experimente, sagt er, aber es gehe ihm nicht darum, ein Aussenseiter zu sein, auch dürfe man den Tierschutz nicht allein den Aktivisten überlassen. «Das Tier ist kein Randthema, sondern gehört in die Mitte der Gesellschaft.» Er wolle Dinge bewirken, die Rechte für Tiere verbessern. Darum müsse er Mehrheiten versammeln, als Exot gehe das nicht. «Den Schutz der Tiere allein dem organisierten Tierschutz zu überlassen, ist nicht meine Idee.» Und er zitiert Montesquieu, nachdem Gesetze immer ein derzeitiger Ausdruck des Willens der Gesellschaft seien. Die aber ändere gerade gewaltig ihre Einstellung zum Tierschutz, weltweit. Ein wenig zumindest.

Traum eines Internationalen Gerichtshofs für Tiere

Sein Augenmerk lege er auf das Machbare, aber natürlich habe er Visionen. Vielleicht werde in 50, 80 oder 150 Jahren die Utopie wahr, dass Tiere und Menschen in Freundschaft leben und es keine Tiernutzung mehr gibt, weder aus wirtschaftlichen Gründen, noch aus emotionalen. Ein Internationaler Gerichtshof für Tiere bei den Vereinten Nationen, das wärs. Aber er sei Realist, müsse es sein in einer Welt, in der ein Drittel der Staaten Tierquälerei nicht untersage, in denen viele Länder kein Tierschutzgesetz hätten, darunter Frankreich und Italien.

Er hat mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben, Kompendien zur Tierethik, zur Rechtslage, über seine Zeit als Tieranwalt, und bald kommt «Animal Spa» heraus, eine Fabel. In der Wellnessoase «Resis Kuhrrehsort», die von einem Rind geführt wird, finden sich die Protagonisten aus seiner Zeit als Tieranwalt wieder, die von Tierquälern bedient werden. Das Meerschwein namens Freud und der Hamster Leid, die im Bordell rektal einem reichen Herrn eingeführt worden waren und dabei verstarben. Der Hecht taucht auch auf, Brutus heisst er im Buch.

Hund, Katze, Pferd: Da fühlen die Leute mit. Aber ein Hecht ist halt nicht charismatisch.

Fast 20 Jahre lang gab es im Kanton Zürich das Amt des Tieranwalts. 2010 wurde es wieder abgeschafft, nach einer Volksabstimmung darüber, ob es landesweit Tieranwälte geben solle. Der Prozess um den Hecht fand kurz vorher statt, mit weltweiter Resonanz, sodass viele Schweizer sich fragten, ob es das Amt ernsthaft braucht. Ein Erfolg, wie beim gedrillten Pony, das wäre es gewesen. «Bei Hunden, Katzen und Pferde hat man die halbe Menschheit hinter sich», sagt Goetschel. Ein Hecht aber sei nicht sehr charismatisch. Der Fisch war der Anfang vom Ende seines Amtes. Goetschels Aufgabe übernahm das Veterinäramt, er widmete sich wieder den Grundlagen zum Tier in Recht und Ethik. Um Geld sei es ihm nie gegangen, das verdiene er anders, als Nachlassverwalter zum Beispiel.

Derzeit vertritt er die Verwandtschaft. Er ist bestellt worden, einen Käufer für Rachmaninows Villa am Vierwaldstättersee zu finden. Der letzte Erbe hatte bei seinem Tode verfügt, dass sie ein öffentlicher Kulturort werden soll. Allein die Immobilie mit den Parkanlagen wird auf mehr als 18 Millionen Franken geschätzt, dazu kommt das Mobiliar wie der Steinway-Flügel, auf dem Rachmaninow seine Paganini-Variationen komponierte. Sogar der russische Präsident Putin hatte Interesse geäussert.

Er wolle nicht vermessen erscheinen, sagt Goetschel, aber Rachmaninow bestimme den Grundton seines Lebens. In Originalaufnahmen sei zu hören, dass er seine Kompositionen nie so üppig gespielt habe, wie es heute oft geschehe, sondern bescheiden und unprätentiös, um Zuhörer mit dem reinen Spiel für sich einzunehmen. Mit ruhigen Tönen Konsens zu schaffen, nicht mit Wucht, das sei auch sein Weg. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 22.10.2017, 12:58 Uhr

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