«Ich möchte meine Söhne nicht verpassen»

Die Schweizer stimmen wohl über den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub ab. Vier Väter erzählen aus ihrem Alltag.

Nur wer Zeit hat, lernt das «Handling» des Kindes: Ein Vater mit seinem Baby. Foto: Getty Images

Nur wer Zeit hat, lernt das «Handling» des Kindes: Ein Vater mit seinem Baby. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Vater ist Vollzeit erwerbstätig und die Mutter Teilzeit: Das ist in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik das häufigste Familienmodell. Von Vätern wird aber immer stärker gefordert, sich an der Kinderbetreuung zu beteiligen. Aktuell steht in der Politik der Vaterschaftsurlaub zur Diskussion: Das Parlament hat zwei Wochen beschlossen, ein überparteiliches Komitee hat dagegen das Referendum ergriffen. Wie bringen Männer heute Beruf und Familie unter einen Hut? Vier Väter erzählen von ihrem Alltag.

«Das Beharren hat sich gelohnt.»Lorenz Gurtner

Arbeitet 70 Prozent und betreut seine Tochter häufiger als einen Tag pro Woche: Lorenz Gurtner. Foto: Adrian Moser

«Meine Vaterschaft hat bereits vor der Geburt meiner Tochter Momoka (5 Jahre) angefangen. Schon während der Schwangerschaft versuchte ich, viel Zeit mit meiner Partnerin zu verbringen und so auch an der Schwangerschaft teilzuhaben. Nach der Geburt erkämpfte ich mir zwei Wochen Vaterschaftsurlaub von meinem damaligen Arbeitgeber und nahm zusätzlich zwei Wochen Ferien. In dieser Zeit haben wir grossen Wert auf direkten Körperkontakt gelegt. Ich habe gelesen, dass das wichtig für die Bindung sei.

Die Betreuung teilen uns meine Partnerin und ich gleichmässig auf. Ich arbeite in einem 70-Prozent-Pensum als technischer Leiter an der HKB Theater und bin fix für einen Tag und für 3–4 Vormittage sowie an Wochenenden für Momoka zuständig. Häufig schauen Väter ja nur während eines Papi-Tags. Das hat meiner Meinung nach wenig mit ernsthafter Vaterschaft zu tun.

Mein eigener Vater war zeitweise alleinerziehend und hat den Grossteil der Familienarbeit geleistet. Er dient mir als Vorbild. Gleichzeitig setzte es mich auch unter Druck, ob ich meinen hohen Erwartungen genügen kann. Tatsächlich war es nicht immer einfach. Es gab etwa eine Phase, in der sich Momoka lieber von der Mutter ins Bett bringen liess. Ich wollte es mir aber nicht nehmen lassen. Es war dann für mich und auch meine Partnerin nicht einfach, Momoka weinen zu hören und genau zu wissen, wie man es beenden könnte. Doch das Beharren hat sich gelohnt. Nun ist Momoka manchmal sogar stärker auf mich fokussiert. Zugegeben, das macht mich schon ein wenig stolz.»

«Karriere scheint mir nun weniger wichtig»Jan Dutoit

Arbeitet 60 Prozent und ist zwei Tage fix für seine Tochter zuständig: Jan Dutoit. Foto: Christian Pfander

«Vor gut einem Jahr kam meine Tochter Genna zur Welt. Neben zwei Wochen Vaterschaftsurlaub bezog ich nach der Geburt zwei Wochen Ferien. Rückblickend betrachtet war das viel zu wenig. Gerade als Mann ist es enorm wichtig, von Anfang an präsent zu sein, um eine enge Beziehung zum Kind aufzubauen. Ich war zu Beginn jedenfalls viel unsicherer im ‹Handling› des Kindes als meine Partnerin. Ich wusste etwa nicht, wie ich es halten soll, und war schnell verunsichert, wenn es beim Wickeln weinte. Manchmal träumte ich sogar davon, dass ich mit ihr die Treppe runterfalle.

Mittlerweile bin ich pro Woche zwei Tage fix für Genna zuständig und arbeite in einem 60-Prozent-Pensum als wissenschaftlicher Bibliothekar in der Uni-Bibliothek. Meine Partnerin schaut während eines Tages und arbeitet in einem 75-Prozent-Pensum. An den Wochenenden kümmern wir uns gemeinsam um sie.

Ich geniesse die Zeit, in der ich mit Genna alleine bin. Es entsteht so ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ganz besonders, wenn man einige Tage und Nächte am Stück nur zu zweit ist. Durch Genna hat sich auch mein Blick auf die Welt verändert. Karriere und Beruf scheinen mir nun weniger wichtig. Mir ist auch bewusst geworden, dass ich früher selbst bei Hausarbeiten ein gewisses Leistungsdenken an den Tag legte. Mit dem Kind habe ich immer das Gefühl, kaum etwas zu machen, und bin dann trotzdem erschöpft. Ich bin auch anderen Menschen gegenüber toleranter geworden. Schliesslich verhält sich Genna auch nicht immer so, wie ich es mir wünsche.»

«Es war ein bewusster Entscheid»Christian Staub

Hat eine Vollzeitstelle und sieht seinen Sohn abends: Christian Staub. Foto: Barbara Héritier

«Unser Sohn braucht zum Glück nicht so viel Schlaf. Er ist abends recht lange wach, und so haben wir Zeit, in der ich mich um ihn kümmern kann. Und natürlich sind wir am Wochenende und in den Ferien zusammen. Ich habe eine 100-Prozent-Stelle als Qualitätsmanager. Meine Partnerin arbeitet 40 Prozent, Laurin wird während zweier Tage in der Kita und von den Grosseltern betreut. Es ist die Lösung, die sich für uns ergeben hat, und sie stimmt für uns.

Ich habe nach der Geburt den Job gewechselt und wieder eine Vollzeitstelle angenommen, es war also ein bewusster Entscheid für dieses Modell. Teilzeit zu arbeiten, wäre bei dieser Funktion kaum möglich, und ich möchte mich im Beruf einsetzen und Leistung erbringen. Meine Partnerin übernimmt den Hauptteil von Laurins Betreuung, und mir war klar, dass sie damit seine Hauptbezugsperson sein würde. Es gab zum Beispiel eine Zeit, in der Laurin nur von ihr zu Bett gebracht werden wollte, aber das ging vorbei.

Bei der Geburt habe ich Ferien genommen. Für die Vaterschaft bekam ich einen Tag frei, so ist es im Gesamtarbeitsvertrag des Karosseriegewerbes geregelt. Ein Tag ist nichts, ich finde, es braucht ein gesetzliches Minimum. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub scheinen mir als Kompromiss vernünftig, was darüber hinausgeht, sollen Arbeitgeber selber regeln können. Wir wohnen in Ufhusen (LU). Vor Laurins Geburt habe ich auch zu Hause Dinge fürs Geschäft erledigt, heute bemühe ich mich, Arbeit und Familie konsequenter zu trennen. Den Arbeitsweg nutze ich als Zeit für mich, und wenn ich zu Hause bin, versuche ich, für die Familie da zu sein.»

«Zum Glück wurde ich sofort einbezogen»Patric Eigenmann

Arbeitet 80 Prozent und ist an einem Tag pro Woche für seine Kinder da: Patric Eigenmann. Foto: Nicole Philipp

«Unser zweiter Sohn Fabrice kam vor gut drei Monaten auf die Welt. Im Moment konzentriere ich mich vor allem auf den zweieinhalbjährigen Luca, und meine Partnerin kümmert sich um das Neugeborene, scherzend reden wir manchmal von ‹meinem Kind› und ‹deinem Kind›. Weil ich viel Zeit mit Luca verbringe, kommt es mir vor, als würde ich Fabrice erst langsam so richtig wahrnehmen. Bei der ersten Geburt war das anders. Zum Glück wurde ich im Spital sofort in die Betreuung einbezogen. Es war auch wichtig, dass ich bei den Besuchen der Hebamme da war und Fragen stellen konnte.

Man ist ja schon sehr nervös am Anfang. Beim zweiten Kind weiss ich nun, dass es irgendwie geht. Nach der Geburt von Fabrice habe ich eine Woche Vaterschaftsurlaub bezogen und dann einige Zeit von 80 auf 60 Prozent reduziert. Wir wohnen in Bern. Meine Partnerin wird wieder 40 Prozent arbeiten, und Luca besucht die Kita. Ich arbeite als Kundenberater bei einer Bank, und eigentlich erwarten Kunden, dass man jeden Tag erreichbar ist. Es gibt aber die Regel, dass bei uns jede Funktion auch mit 80 Prozent besetzt werden kann.

Eine Leitungsfunktion würde ich mir trotzdem gut überlegen, ich möchte meine Söhne nicht verpassen, zumal man von älteren Vätern manchmal hört, dass sie eigentlich gerne mehr Zeit mit den Kindern verbracht hätten. Vielleicht liegt ein beruflicher Aufstieg auch mit 40 noch drin, ich bin da pragmatisch. Aber es ist schon an der Zeit, dass für Mütter und Väter Kinder und Karriere möglich sein sollten. Wenn es uns nicht jetzt gelingt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, wann dann?»

Erstellt: 22.01.2020, 16:14 Uhr

Artikel zum Thema

«Väter wollen nicht wie Praktikanten behandelt werden»

Interview Remo Ryser ist der erste Väterberater in der Schweiz. Im Interview spricht er über den Spagat zwischen Ernährer und engagiertem Papi. Mehr...

90 Tage Papizeit: Jetzt buhlen Firmen um Väter

So viel Vaterschaftsurlaub gibts bei Schweizer Firmen – die Rangliste. Mehr...

Ist der Vaterschaftsurlaub Chance oder Zumutung?

Pro & Kontra Sind zwei Wochen Papizeit ein längst überfälliger Schritt für mehr Gleichstellung oder ungerecht, weil Kinder Privatsache sind? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...