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Ein unheiliges Geschäft

Als hätte es Luther und die Reformation nicht gegeben, bindet der Papst Barmherzigkeit an fromme Werke und den Ablass.

Ein heiliges Jahr für den Ablasshandel. Franziskus gestern auf dem Petersplatz. Foto: Tony Gentile (Reuters)
Ein heiliges Jahr für den Ablasshandel. Franziskus gestern auf dem Petersplatz. Foto: Tony Gentile (Reuters)

Die beiden grossen Konfessionen feiern grosse Jubiläen: Die evangelische Kirche bereitet mit beträchtlichem Aufwand für 2017 das 500-Jahr-Gedenken der Reformation vor. Papst Franziskus ist den reformatorischen Kirchen zuvorgekommen und hat am Dienstag mit der Öffnung der Heiligen Pforte das katholische Heilige Jahr 2016 eingeweiht. Die Jubiläen spiegeln alte Gegensätze, die heute freilich keine Religionskriege mehr auslösen, ja kaum wahrgenommen werden.

Franziskus stellt die Barmherzigkeit in den Vordergrund, das Programmwort seiner Amtszeit. Mörder, Diebe, Abtreibungswillige oder Wiederverheiratete, alle, die im katholischen Sinne Sünder sind, dürfen mit der göttlichen Barmherzigkeit rechnen. Was soll daran falsch sein? Dass der Papst Barmherzigkeit an die Bedingung des Ablasses knüpft, den er übrigens ganz traditionell versteht: Ablass als Nachlass der Sündenstrafen für Lebende und Verstorbene. Durch Busse und fromme Werke im Diesseits können die Lebenden die zeitlichen Sündenstrafen im jenseitigen Fegefeuer verkürzen.

Damals erpressten Papst und Bischöfe die Sünder, sich mit Geld von Strafe freizukaufen, um den Petersdom zu erbauen: «Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt.»

Genau diese Kirchenpraxis hatte vor 500 Jahren die Reformation ausgelöst. Das Luther-Jubiläum erinnert an das Jahr 1517, als der Reformator seine 95 Thesen an das Tor der Wittenberger Schlosskirche nagelte, die meisten gegen den Ablass gerichtet. Für ihn war «der Ablass der Papstkirche ein lästerlicher Betrug». Der Ablass soll den Schuldbeladenen die Angst vor Sündenstrafen nehmen. Damals erpressten Papst und Bischöfe die Sünder, sich mit Geld von Strafe freizukaufen, um den Petersdom zu erbauen: «Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt.»

Die Anmassung des Papstes

Doch nicht so sehr die Kommerzialisierung des Ablasswesens irritierte Luther, sondern die Anmassung des Papstes, den «Gnadenschatz» Christi nach Belieben zu verwalten und zu verteilen. Demgegenüber betonten die Reformatoren, dass allein Gottes Versöhnungshandeln den Sündern Vergebung gewährt. Luther lehnte die katholische «Werkgerechtigkeit» ab, wonach man, wenn nicht mit Geld, so doch mit frommen Werken Gottes Gnade verdienen kann.

Papst Franziskus aber baut genau auf diese Art Gerechtigkeit, wenn er den Gläubigen ans Herz legt, im Jubiläumsjahr leibliche und geistliche Werke der Barmherzigkeit zu tun. «Jedes Mal, wenn die Gläubigen eines oder mehrere dieser Werke selbst tun, werden sie sicherlich den Jubiläumsablass erlangen», schrieb Franziskus. Werke der leiblichen Barmherzigkeit sind: Hungrigen zu essen geben oder Obdachlose aufnehmen. Trauende trösten oder Sünder zurechtweisen dagegen sind Werke geistlicher Barmherzigkeit. Um den Ablass zu erlangen, sind die Gläubigen zudem vom Papst aufgerufen, «als Zeichen der tiefen Sehnsucht nach wahrer Umkehr einen kurzen Pilgergang zur Heiligen Pforte zurückzulegen». Wobei diese nicht nur im Petersdom, sondern in den Kathedralen aller Bistümer und in Wallfahrtskirchen offen steht.

Aus Rücksicht auf Frieden

Aus Rücksicht auf den zwischenkonfessionellen Frieden erinnern auch Theologen kaum daran, dass Luther einen Buchhalter-Gott ablehnte, der auf Geheiss des Stellvertreters seine Gnade an gewisse Kirchen, Zeiten und Werke bindet. Die Medien ihrerseits lassen sich nicht davon abbringen, dass Franziskus im Jubiläumsjahr allein Barmherzigkeit verkündet, und dies auf ganz neue Weise. Dabei stellt er sich in die Tradition der Kirche und ihrer Heiligen Jahre. Selbst die von ihm verfügte Vollmacht für alle Priester, im Jubeljahr auch im Fall von Abtreibungen die Absolution zu erteilen, ist nicht neu. Auch Johannes Paul II. hatte sie im Jubiläumsjahr 2000 gewährt. Und die Schweizer Bischofskonferenz hatte damals entschieden, diesen Gnaden­erlass inkraft zu lassen.

Doch so genau will man es nicht wissen. Jubiläen will man feiern und nicht theologisch hinterfragen. Natürlich würde man, danach gefragt, Luther zustimmen, dass der Ablass des freien Gottes und des freien Christenmenschen spottet. Doch der Pilger und Tourist in Rom wird nicht an das Thesen-Tor der Schlosskirche in Wittenberg denken, wenn er die Heilige Pforte des Petersdoms durchschreitet.

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