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«Eine Geburt ist nicht planbar»

Augusta Theler hat in Katastrophengebieten gelernt, wieder dem klassischen Hebammenhandwerk zu vertrauen. Sie sagt, werdende Eltern sollten sich informieren – aber nicht übermässig.

«In Eritrea habe ich begonnen, alle meine Sinne zu gebrauchen», sagt Augusta Theler. Foto: Manu Friedrich
«In Eritrea habe ich begonnen, alle meine Sinne zu gebrauchen», sagt Augusta Theler. Foto: Manu Friedrich

Sie sind seit siebzehn Jahren Hebamme. Wissen Sie noch, bei wie vielen Geburten Sie dabei waren?

Diese Frage kann ich kaum beantworten. Was heisst «bei Geburten dabei sein»? Als ich nach dem Erdbeben in Haiti vor sieben Jahren bei meinem Einsatzort ankam, gab es in der ersten Nacht gleich zehn Geburten im Zelt. Ich hatte eigentlich die Verantwortung für alle Hebammen und musste aber bereits am Tag der Ankunft assistieren, ohne die direkte Verantwortung für die Geburtsgeschehen zu haben. Kann man diese Geburten als «meine Geburten» betrachten? Wohl kaum. Aber alles in allem trug ich bisher bei einer mittleren dreistelligen Anzahl von Geburten die Hauptverantwortung.

Was sind die schönsten Momente bei einer Geburt?

Der schönste Moment ist bei allen Geburten derselbe: Es ist der Moment, wenn einen das Neugeborene zum ersten Mal anblickt.

Spielt es eine Rolle, ob ein Kind natürlich oder per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist?

Das spielt absolut keine Rolle. Die Erleichterung der Eltern bei einer gelungenen Geburt ist in beiden Fällen gleich gross.

Viele Leute sagen, wer nicht natürlich gebären wolle, bringe sich um eine wichtige Erfahrung.

Ich selber habe ja auch nie geboren. Das ist kein Nachteil. Jede Geburt ist etwas Einmaliges – auch für die Hebamme.

Jedes dritte Kind in der Schweiz wird per Kaiserschnitt geboren. Ist das für Sie ein Anlass zur Beunruhigung?

Ich wünschte mir einfach, dass wir die werdenden Eltern möglichst früh begleiten könnten, um alternative Schmerztherapien aufzuzeigen. Damit kann am ehesten vermieden werden, dass Frauen sich aus Angst vor Schmerzen für einen Kaiserschnitt entscheiden.

Sie befürworten also die natürliche Geburt?

An meinem Arbeitsort im Spital Thun streben wir eine möglichst natürliche Geburt an. Aber es geht primär darum, für jedes Paar die passende Lösung zu finden.

Nimmt die Anzahl der Wunschkaiserschnitte zu?

Ja. Ich frage mich aber oft, was eigentlich dahintersteckt. Meistens ist es die Angst vor Schmerzen. In den Geburtsvorbereitungskursen ist das jedenfalls ein grosses Thema.

Bei einer Steisslage rät man den Frauen heute zu einem Kaiserschnitt. Das war bis vor zwanzig Jahren anders. Ist Kaiserschnitt bei einer Steisslage wirklich nötig?

Das ist nicht generell so. Bei optimalen Bedingungen wie zum Beispiel einer reinen Beckenendlage und einem nicht allzu grossen Gewicht des Kindes ist eine Spontangeburt auch bei Steisslage möglich.

«Ich habe von denHebammen dort mehr gelernt als sie von mir.»

Streben Ärzte in solchen Fällen nicht Kaiserschnitte an, um mehr Geld verdienen zu können?

Ich strebe bei einer reinen Beckenendlage unter den erwähnten Bedingungen eine Spontangeburt an. In der Schweiz entscheiden am Schluss aber die Ärzte.

Was hat es mit der weitverbreiteten Annahme auf sich, dass Hebammen natürliche Geburten favorisieren, die Ärzte aber Kaiserschnitte vornehmen wollen?

Das kann man nicht auf diese Weise verallgemeinern. Ich selber fange gerne mit alternativer Unterstützung für eine Spontangeburt an.

Mehr und mehr Frauen wollen heute in ­Geburtshäusern gebären. Sie arbeiten in einem Spital. Spüren Sie die Konkurrenz?

Geburtshäuser sind keine Konkurrenz, sondern eine Alternative zur Spitalgeburt für die Paare.

Wie beurteilen Sie aber den Trend zur hebammengeleiteten Geburt?

Jede Geburt ist hebammengeleitet. Ich persönlich schätze es aber sehr, bei Komplikationen auf ärztliche Unterstützung zurückgreifen zu können.

Sie waren in Eritrea, Kamerun, Haiti und Nepal. Haben diese Einsätze Ihren Blick auf Ihre Arbeit in der Schweiz verändert?

Die Verhältnisse in diesen Ländern sind natürlich völlig anders als in der Schweiz. In Eritrea zum Beispiel wollen die Frauen natürlich gebären, damit sie eine Stunde später für ihre Grossfamilie kochen können. Die Frauen kamen zu uns zum Gebären, wischten den Stuhl ab, nahmen das Kind und gingen wieder nach Hause. Einmal kam eine Geburt ins Stocken, und ich habe der Gebärenden gesagt, dass nun ein Kaiserschnitt nötig sein werde. Da hat die Frau das Kind mit aller Kraft «rausgedrückt».

Sie gingen nach Eritrea, um den Menschen dort etwas zu geben. Was haben Sie selber dabei gelernt?

Ich habe von den lokalen Hebammen mehr gelernt als sie von mir. Ich habe in Eritrea gelernt, wieder meine Sinne zu gebrauchen. Ich habe gelernt, wieder das klassische Hebammenhandwerk anzuwenden: beobachten, hören, riechen, die Hände gebrauchen. Das hat meine Arbeit auch in der Schweiz verändert.

Mit welchem Gefühl kommen Sie jeweils von diesen Einsätzen wieder nach Hause? Wie gehen Sie mit dem Kulturschock um?

Das Gebären in einem Katastrophengebiet wie Haiti ist oft ein Gemeinschaftserlebnis. Es wird im Zelt oder unter anderen einfachsten Umständen geboren. Angehörige und Mitarbeitende sowie zufällig vorbeigehende Patienten nehmen daran teil. Die oftmals laut bekundete Anteilnahme dieser Menschen wird mit den Gebärenden und den Hebammen geteilt. Dieses Gemeinschaftserlebnis fehlt mir manchmal bei den hiesigen, auf die Zweierbeziehung fixierten Geburten.

Und wie gehen Sie mit dem Armutsgefälle um?

Die Ungleichheit zwischen der technischen Aufrüstung in unseren Breitengraden und der oft fehlenden medizinischen Grundausstattung in den meisten Ländern dieser Welt macht mir jeweils ziemlich zu schaffen. Ich muss da extrem Sorge zu mir tragen, um dieses Wechselbad der Gefühle unbeschadet zu überstehen.

Wurde Ihnen der Wert der medizinischen Infrastruktur erst in den Ländern des Südens bewusst?

Ja. Es ist ein Segen, dass wir in der Schweiz über eine derart ausgebaute medizinische Infrastruktur verfügen. Bisweilen führt sie aber auch dazu, dass Frauen den Bezug zu ihrem Körper verlieren. Manchmal frage ich eine werdende Mutter, wie es ihrem Kind gehe. Zur Antwort referiert sie mir die Aussagen des Gynäkologen.

Was für pränatale Tests soll man Ihrer Meinung nach machen?

Das lässt sich so allgemein nicht beantworten. Wichtig ist, dass die Frauen und Paare gut informiert werden – vor allem auch betreffend der möglichen Resultate. Wenn man eine Untersuchung macht, sollte man bereits im Voraus wissen, was ein Testresultat für Folgen haben kann, und ob man die Schwangerschaft allenfalls unterbrechen möchte oder nicht. Und häufig sind die Resultate der Tests auch nicht eindeutig.

Die Tests entspringen aber einem Bedürfnis. Zudem werden die Gebärenden immer älter, und das Risiko von Fehlgeburten steigt dementsprechend an.

In diesen Fällen ist nichts gegen Tests einzuwenden. Viele Tests lösen bei den Paaren aber das Gefühl aus, dass die Geburt nun einfach klappen müsse. Daher entscheiden sie sich dann für einen Kaiserschnitt.

Was halten Sie von In-vitro-Fertilisationen, vom «Gebärtourismus» im Ausland oder von Leihmutterschaften?

Persönlich habe ich Mühe damit. Es gibt nun einmal Paare, die keine Kinder kriegen können.

Im Buch über Ihr Leben wird ein Unglücksfall im Spital Thun ausführlich beschrieben. Aber in den südlichen Ländern haben Sie doch viele solcher Katastrophen erlebt?

Mich hatte der Fall sehr mitgenommen, weil die Frau in einem desolaten Zustand ins Spital kam. Das geschieht im Süden oft, aber beim hohen Standard der Medizin hierzulande sollte so etwas nicht passieren. Aber es ist schon so: In unserer Gesellschaft darf einfach nichts mehr passieren. Kein Kind darf sterben bei der Geburt, ganz zu schweigen von einem möglichen Tod der Gebärenden. Der Vorfall hat mir gezeigt, dass auch hierzulande eine Situation blitzschnell wieder ändern kann.

Ist die Situation in Eritrea vergleichbar mit derjenigen in der Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Ihre Grossmutter im Walliser Dorf Ausserberg als Hebamme gewirkt hatte?

Es gibt Parallelen. Bei meinem Auslandseinsatz in Kamerun hatten wir häufig zu wenig Wasser und Stoff, um die Kinder nach der Geburt zu waschen. Das war bei meiner Grossmutter ähnlich, wie mir meine Mutter erzählt hat. Leider starb aber meine Grossmutter, als ich erst fünfzehn Jahre alt war. Daher habe ich mit ihr nur selten über den Hebammen­beruf gesprochen.

Was wissen Sie über die Arbeitsbedingungen Ihrer Grossmutter?

Was ich von ihr weiss, haben mir meine Mutter und ihre Schwestern erzählt. Neben der Landwirtschaft und ihren zehn Kindern hatte meine Grossmutter keine freie Minute für sich selber. Sie war meistens zu Fuss und bei jedem Wetter zu den Gebärenden in den umliegenden Dörfern unterwegs und trug nicht selten selber noch ein zu stillendes Kind mit sich. Die Gebärenden wollten auch bei Komplikationen oft nicht das Spital aufsuchen. Meine Grossmutter war bei solchen Entscheidungen in den meisten Fällen alleine und hatte wenig Ansprechpersonen, mit denen sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen teilen konnte.

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Hausgeburten die Regel. Ihre Grossmutter war selbstständig und besuchte die Leute zu Hause. Nun finden Geburten meist in Spitälern statt. Dort haben Ärzte das Sagen. Wurden die Hebammen domestiziert?

Nein, das ist keine Domestizierung. Wir Hebammen wünschen uns eine optimale Zusammenarbeit mit den Ärzten, um die Paare bereits in der Schwangerschaft unterstützen zu können.

Informieren Ärzte die Patientinnen zu wenig gut?

Das würde ich so nicht sagen. Vielleicht nehmen sie sich manchmal zu wenig Zeit, um über Alternativen aufzuklären. Letztlich müssen aber die werdenden Eltern entscheiden. Und wenn sie einen geplanten Kaiserschnitt wollen, dann unterstütze ich sie. Generell habe ich das Gefühl, dass sich die Paare besser informieren als früher. Das ist grundsätzlich zu begrüssen. Aber ein zu viel an Informationen kann auch verunsichern. Eine Geburt kann man nicht bis zum Letzten planen.

Heute sind die Väter im Gebärsaal oft mit dabei. Wollen sie da nicht auch mitbestimmen?

Das kann man so nicht generell sagen. Ich finde es gut, wenn die Männer im Gebärsaal mit dabei sind. Wenn sie sich integrieren und mit anpacken, ist es sogar hilfreich für uns. Wichtig sind auch hier die Beratung der Paare und die Aufklärung der Väter über ihre Rolle im Gebärsaal.

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