Zum Hauptinhalt springen

Eine Ohrfeige für die «gifle»

85 Prozent von Frankreichs Eltern ohrfeigen ihre Kinder, so die Schätzungen einer Stiftung. Mit einem aufwühlenden Werbeclip kämpft diese nun gegen die «gifle». Und sorgt für eine landesweite Debatte.

Die Ohrfeige der Mutter folgt nach der zweiten Aufforderung, er solle endlich still sein. Nun verlangsamt sich die Szene: In Zeitlupe verzerrt sich das Gesicht des blonden Jungen. Die Wucht des Schlages lässt seine Haare wild um den Kopf wirbeln.

Dieser Moment beschäftigt derzeit ganz Frankreich. Er entstammt der aktuellen Kampagne der «Stiftung für Kinder» gegen Ohrfeigen. Unter dem Titel «Es gibt keine kleine Ohrfeige» läuft der Clip diese Woche im Internet und auf Frankreichs Fernsehsendern an. Der Arzt Gilles Lazimi erklärt gegenüber der Zeitung «Le Figaro»: «So etwas wie eine kleine Ohrfeige, einen kleinen Schlag, gibt es nicht. Jegliche Gewalt gegenüber Kindern kann physische und psychische Schäden zur Folge haben.»

Ohrfeige in der Kindheit, Alkoholsucht später

Die Stiftung für Kinder kämpft gegen etwas, das bei Frankreichs Eltern offenbar zum festen Bestandteil der Erziehung gehört. Laut Erhebungen der Stiftung haben 85 Prozent der Franzosen die «gifle», wie die Ohrfeige genannt wird, schon eingesetzt. Über 50 Prozent der befragten Eltern gaben zu, selbst Kinder unter zwei Jahren schon einmal geohrfeigt zu haben. 32 Länder haben die Ohrfeige bisher gesetzlich verboten. Der letzte Versuch, ein solches Gesetz in Frankreich einzuführen, scheiterte 2010.

Dabei wäre der Handlungsbedarf enorm. Eine kanadische Studie aus dem Jahr 2012 etwa kam zum Schluss, dass Kinder, die geschlagen wurden, im Erwachsenenalter stärker zu psychischen, Alkohol- und Drogenproblemen neigen.

Notwendige Abmahnung?

Die Ohrfeige sei jedoch auch aus ethischer Sicht inakzeptabel, sagt Emmanuelle Piet, die Mitinitiantin der Kampagne der Stiftung für Kinder. «Gewalt zwischen Erwachsenen gilt als Delikt. Weshalb ist das nicht der Fall, wenn Kinder die Zielscheiben sind?»

Die Psychologin Hélène Romano doppelt im Interview mit «Le Figaro» nach: «Eine Ohrfeige kann aus zwei Gründen prägend für ein Kind sein. Erstens wird sie oft von psychischer Gewalt, etwa von herabwürdigenden Worten, begleitet. Zweitens kommt dem Kind das Vertrauen in die Eltern als Beschützer abhanden.»

Anders sehen dies offenbar viele Franzosen. In einer Umfrage der Zeitung «Le Parisien» stimmten 77,3 Prozent der Teilnehmer gegen ein Verbot der Ohrfeige. Eine Abmahnung, so der eine oder andere Leserbrief, sei von Zeit zu Zeit eben notwendig.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch