«Einmal musste ich aus dem Bus flüchten, weil ich erkannt wurde»

Andreas Widmer ist bei der Stadtpolizei Zürich der Spezialist für Demonstrationen der Linksautonomen. Kurz vor der Pensionierung hat er ein Buch über seine Arbeit geschrieben.

«Am Anfang war ich wohl übermotiviert», sagt Polizist Andreas Widmer. Foto: Raisa Durandi

«Am Anfang war ich wohl übermotiviert», sagt Polizist Andreas Widmer. Foto: Raisa Durandi

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Seit 37 Jahren sind Sie Polizist, 24 Jahre davon als Spezialist für Linksautonome. Stehen Sie heute dieser Gruppierung ideologisch näher, oder ist das Gegenteil der Fall?
Sagen wir es so: Ich verstehe sie mittlerweile besser. Und auch ich bin im Privaten von den Auswüchsen des Kapitalismus betroffen, leide unter den immer höheren Mietpreisen für Wohnungen in der Stadt.

Also sind Sie nach all den Dienstjahren linker geworden?
Meine Bürokollegen witzeln, dass ich nach meiner Pensionierung Gefahr laufe, die Seite zu wechseln. So weit wird es ganz sicher nicht kommen. Mir ging es immer nur darum, die Menschen und ihre Beweggründe zu verstehen. Ich trainierte mir einen 360-Grad-Blick an, der ganzheitliches Denken fördert.

Es dürfte nicht wenige Menschen geben, die genau diese Fähigkeit einem Polizisten absprechen.
Natürlich gibt es bei uns die, sagen wir mal, Kleinkarierten. Die Polizei ist ein Spiegel der Gesellschaft, und sie ist nicht einheitlich. Schlussendlich sind wir auch nur Menschen . . .

. . . die Fehler machen. Welche haben Sie gemacht?
Einige. Leider. Vor allem zu Beginn meiner Laufbahn, als ich nach zwölf Jahren auf Streife 1996 zum unfriedlichen Ordnungsdienst wechselte.

Das heisst jene Einheiten, die den Demonstranten in Vollmontur gegenüberstehen.
Genau. Zu Beginn als Aufklärer in Zivil war ich wohl etwas übermotiviert, wollte meinen Auftrag unbedingt zur Zufriedenheit der Chefs erfüllen. Ich war sehr auf den Gegner fokussiert, habe überhaupt nicht hinterfragt, was die Demonstranten wollen, wofür sie auf die Strasse gehen. Wenn mir einer den Stinkefinger gezeigt hat, kam es schon mal vor, dass ich die Geste erwiderte. Ich habe diese Dinge zu nahe an mich rangelassen.

In Ihrem Buch «Scheiss Bullen» schreiben Sie, dass dies einem Polizisten nicht passieren darf. Er müsse durchaus etwas aushalten können.
Ja, ganz klar. Du durchläufst eine zweijährige Schulung und repräsentierst danach die Staatsmacht, dafür wirst du entlöhnt. Deine Affektschwelle muss also viel höher sein als jene eines Demonstranten, der als Privatperson wegen irgendetwas, meist etwas, das ihn zornig macht, auf die Strasse geht.

«Wenn es heisst, Feuer frei, dann schiesst du eben und achtest darauf, mit deinem Gummischrotgewehr nicht zu hoch zu zielen.»

Sie waren im Einsatz, als um die Jahrtausendwende die Demos gegen das World Economic Forum (WEF) besonders heftig waren. Kamen Sie da an Ihre Grenzen?
In den ersten Stunden hatte ich damals ein mulmiges Gefühl, vor allem wegen des Pyromaterials des Schwarzen Blocks. Raketen und Ähnliches sind einfach sehr unberechenbar. Du bist aber Teil einer Einheit, die auf Befehle hört und zu funktionieren hat. Wenn es heisst, Feuer frei, dann schiesst du eben und achtest darauf, mit deinem Gummischrotgewehr nicht zu hoch zu zielen.

Keine Skrupel gehabt, um abzudrücken?
Nein. Wir konnten aus Selbstversuchen in der Polizeischule die Wirkung der Geschosse ziemlich gut einschätzen.

Trotzdem kommt es immer wiederzu Unfällen. Vor Jahren verlor bei einer Berner Demo ein junger Mann dabei ein Auge.
Das ist sehr bedauerlich und zeigt nur, dass Gummischroteinsatz nur das allerletzte Mittel sein darf.

Den Vorwurf, dass die Polizei zu schnell zu solchen Mitteln greift, gibt es aber seit Jahren. Gerechtfertigt?
Ich kann dazu keine Pauschalantwort geben. In gewissen Momenten, wenn Vermummte randalierend durch die Strasse ziehen, kann die Polizei gar nicht anders, als zurückzuschiessen. Aber oberstes Gebot muss zuerst die Deeskalation sein. Immer.

Wie gelingt das?
Ganz wichtig ist zuerst einmal, die aktuelle Situation richtig einschätzen zu können. Dafür braucht es Informationen. Mit wem hat man es zu tun? Was wollen sie? Welche Gruppierungen sind sonst noch vor Ort? Und dann sucht man das Gespräch.

Sie reden dann also mit einem Vermummten, der gerade daran ist, einen Stein zu werfen?
Nein, natürlich nicht. Man muss sich da nichts vormachen. Militante Kreise sprechen nicht mit der Polizei. Für die sind wir Schergen des Unrechtsstaates. Aber es gibt durchaus auch andere, Gemässigtere. Einzelne kann man ansprechen. Und sei es nur, um eine wichtige Information der Polizei dem militanten Zirkel zukommen zu lassen.

Wie erfolgreich sind Ihre Bestrebungen zur Deeskalation?
Es gab viele Situationen, die wir entschärfen konnten, in denen ein würdiger Dialog möglich war. Aber das gibt natürlich keine Schlagzeilen. Manchmal ist auch einfach Rückzug die beste Lösung.

Wann?
Beim Frauentag im März 2018 zum Beispiel. Die wollten partout nicht reden mit uns. Und die gemässigteren Demonstrantinnen hatten an diesem Tag keinerlei Einfluss auf den Umzug. Das muss man dann akzeptieren. Pragmatische Lösungen sind auch bei illegalen Partys gefragt. Ab einer gewissen Grösse muss ein Abbruch mitten in der Nacht gut überlegt sein. Ich kann den Ärger bei den Jungen verstehen. Wer hat es schon gerne, wenn die Party plötzlich vorbei ist?

Die Klimajugend erobert die Strasse. Wie gehen Sie mit dieser neuen Bewegung um?
Ich habe grosses Verständnis für deren Anliegen. Als Junger wäre ich da wohl selbst mitgelaufen. Aus Polizeisicht muss ein solcher Umzug, der ja aus vielen Schülerinnen und Schülern besteht, ganz anders begleitet werden, zurückhaltender, denke ich. Deshalb war die Devise, sie laufen zu lassen, sicherlich ein guter Ratgeber.

Diffiziler gestaltet sich das Verhältnis mit Fussballfans. Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen normale Fans Polizeigewalt erleben. Warum lässt sich das nicht anders regeln?
(seufzt) Die Politik verlangt von uns, die Bösen zu eruieren. Also die gewaltbereiten Hooligans zu fassen. Aber oftmals ist das extrem schwierig, die Gruppierungen vermischen sich, reisen gemeinsam an. Darum kommen immer wieder mal die sogenannt normalen Fans unter die Räder.

Ich als Fan muss also damit rechnen, vor oder nach einem Spiel von Gummigeschossen getroffen zu werden? Oder stundenlang eingekesselt zu werden?
Sie sprechen die Einkesselung Hunderter FCZ-Fans auf dem Albisriederplatz an, dem 2014 sogar ein juristisches Nachspiel folgte. In diesem Fall ist meine Meinung: Das war nicht ideal. Mit dieser Aktion haben wir uns bei vielen Menschen einiges verspielt. Jemand, der das erleben musste, sieht den Polizisten das nächste Mal als Feind. Gewalt löst Gegengewalt aus. Das ist eine Spirale, die sehr schwierig wieder zu durchbrechen ist.

An gewissen Demonstrationen hat man aber das Gefühl, dass es eigentlich gerade darum geht: Gewalt, Randale. Polizei und Gegenseite bekämpfen sich beinahe lustvoll.
Ja, manchmal ist es wirklich wie Räuber und Poli. Für die anderen steht die Polizei dann für alles Böse, die man anspucken, beschimpfen kann.

Wie hält man das aus?
Da muss man abstrahieren können. Wir sind Blitzableiter. Aber eine dicke Haut brauchst du schon. Sonst gehst du kaputt. Ausgleich ist ganz wichtig.

Wie gleichen Sie aus?
Ich geh in die Natur, treibe Sport, ich male. Da kann ich gut abschalten.

Es gab aber Zeiten, in denen das kaum gelingen konnte. Sie gerieten ins Visier von Linksextremisten.
Ja, das war nicht einfach, vor allem, als meine beiden Kinder noch klein waren. Mein PC wurde mehrmals gehackt, ich bekam wüste SMS. Einmal musste ich sogar aus dem Bus flüchten, weil ich erkannt wurde.

Zweifelten Sie in diesen Momenten an Ihrer Jobwahl?
Natürlich. Aber ich bin in einfachen Verhältnissen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Eine gewisse Robustheit wurde mir in die Wiege gelegt. Und ich selbst hatte ja nie jemanden körperlich angegriffen und nach meinem Dafürhalten keine eklatanten Entgleisungen begangen. Ich ging einfach davon aus, dass mir das angerechnet wurde. Und ich hatte für den äussersten Fall dieses Mandala an meine Hausfassade gemalt. Ein Feng-Shui-Zeichen zur Abwehr böser Kräfte.

Sie glauben an solche Dinge?
Na ja, passiert ist jedenfalls nichts.

In den letzten Jahren nahm Gewalt gegen Polizisten im Einsatz zu. Selbst Sanitäter werden zuweilen angegriffen. Ist Ihre Arbeit gefährlicher geworden?
Blaulichtorganisationen sind für gewisse Personen ein Feindbild, ja. Im Zusammenspiel mit übermässigem Alkoholkonsum kann es speziell in der Nacht für uns gefährlich werden. In solchen Situationen ist Deeskalation gefragt. Eine einzelne Geste, ein Satz kann das Ganze in eine Richtung kippen lassen. Wenn ich angepöbelt, als Scheissbulle bezeichnet werde, hilft mir oft die direkte Anrede. «Schau mir ins Gesicht!» So werde ich von einem anonymen Polizisten zum Menschen.

Aber nicht zum Kumpel.
Ja. Man muss da schon aufpassen, dass das nicht anbiedernd rüberkommt. Ich habe schon mehrere Leute vor Gericht gebracht. So schliesst man keine Freundschaften, das ist klar. Aber immerhin habe ich gezeigt, dass ich keinen Seich erzähle, nichts dazufanta­siere. Glaubwürdigkeit ist für jemanden in meiner Funktion zentral.

Sie lassen sich im Frühling mit 60 Jahren frühpensionieren. Die diesjährige Ausgabe des WEF wird Ihre letzte sein. Werden Sie die Action vermissen?
Am Samstag gehts ja in Bern mit einer Demo der WEF-Gegner los. Es stehen spannende Tage an. Aber danach ist dann gut. Ich bin in meinem Leben genügend angeprangert worden. Es ist Zeit, das Bild zu drehen.

Erstellt: 18.01.2020, 20:31 Uhr

Polizist, Maler und Versteher der Linksautonomen

Der Bauernsohn und gelernte Maler trat 1982 in den Polizeidienst ein. Nach zwölf Jahren auf Streife wechselte er zum Spezialdienst (Ex-Geheimdienst KK3) der Stadtpolizei Zürich. Heute ist Widmer in Bezug auf die linksautonome Szene der Spezialist, zudem Aufklärer an Demos. Vor kurzem hat der zweifache Vater das Buch «Scheiss Bullen» (Giger) herausgebracht. Im Frühling geht er mit 60 Jahren in Frühpension. (cix)

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