Einsamkeit macht die Jungen krank

Über ein Drittel der Schweizer fühlt sich einsam, bei den 15- bis 24-Jährigen ist der Anteil massiv höher. Die Folgen.

Einsamkeit macht krank: Kaum integrierte Junge leiden zu rund 48 Prozent an Depressionen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Einsamkeit macht krank: Kaum integrierte Junge leiden zu rund 48 Prozent an Depressionen. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Erinnern Sie sich, wie das war, als Teen im Schullager mit den anderen zusammenzusitzen und sich mutterseelenallein zu fühlen: an diesen bohrenden Schmerz? Daran, sich wie ein Alien vorzukommen? Kennen Sie die Furcht, irgendwo alt und krank zu versauern? Keiner kommt, raus geht man nicht: Die Einsamkeit drückt wie ein Mühlstein.

Phasenweise hat sie jeder mal durchlitten, und im sozialen Wesen, das der Mensch ist, heulen die Sirenen auf, wenn er abgeschnitten wird von der Gruppe. Ist dieser Zustand chronisch, macht er krank. Und da das Abgeschnittensein in modernen Gesellschaften zur Normalität geworden ist, hat es das Thema «Epidemie der Einsamkeit» in die Politik geschafft.

Fast die Hälfte der in der Schweiz wohnhaften 15- bis 24-Jährigen fühlt sich manchmal bis dauernd einsam. In der Gesamtbevölkerung sind es laut Schweizerischer Gesundheitsbefragung von 2017 gut 38 Prozent, Tendenz seit 2002 steigend. Bei Ausländern und im Ausland geborenen Schweizern sind es deutlich mehr, ebenso bei den Frauen.

Zur Erklärung wird auf gestiegene Zahlen verwiesen bei Geburtenrückgang und Kinderlosigkeit, Scheidung, Hochaltrigkeit sowie sozialer und geografischer Mobilität. Auch verschiebt sich die soziale Interaktion zusehends ins Netz und führen immer mehr Personen einen Singlehaushalt. Lebte 1970 über die Hälfte der hiesigen Bevölkerung in Haushalten von vier oder mehr Personen, waren es 2017 noch 37 Prozent. Der Anteil der Einpersonenhaushalte in der Schweiz betrug 2017 35,5 Prozent.

«Einpersonenhaushalt» bedeutet freilich nicht zwingend soziale Isolation und soziale Isolation nicht zwingend Einsamkeit. Das individuelle Bedürfnis nach Gemeinschaft variiert. Zudem stecken in den neuen Trends, von Digitalisierung bis Aufwertung der Freundschaft, auch Chancen. Trotzdem: Der Zusammenhang zwischen vermindertem direktem Kontakt, Singlewohnen, Isolation und Einsamkeitsgefühl ist belegt.

Neuronales Dauerfeuer

Das Gefühl sitzt laut US-Forscher John Cacioppo im Schmerzzentrum des Gehirns und löst einen Survival-Impuls aus. Das neuronale Dauerfeuer belastet Menschen – und Kassen. Der Stress pusht den Cortisolspiegel, senkt die Immunabwehr. Sterblichkeitsrate und Krankheitsrisiko steigen: etwa für Herzprobleme, hohen Blutdruck, Schlaganfall und Demenz; soziale Interaktion trägt zur Hirnfitness bei. Also ergreift der Staat die Initiative, gründete England ein Einsamkeitsministerium; Bund und Kantone publizieren Berichte.

Isolation bei Jugendlichen: Was tun?
Jugendliche geraten rasch in den Strudel von Gefühlen der Unzulänglichkeit und Unzugehörigkeit. «Einsamkeit ist ein grosses Thema», sagt Sibylle Brunner, Beauftragte des Kantons Zürich für Prävention und Gesundheitsförderung. Bei Kindern und Jugendlichen seien niederschwellige Anlaufstellen wie Jugendräume oder -häuser und das Angebot der Schulsozialarbeit zentral. Auch seien die Kinder- und Jugendhilfezentren (KJZ) beratend und in Notlagen helfend in den Gemeinden tätig. Der Kanton und die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz sind ausserdem Partner der Website von Okaj Zürich, dem kantonalen Dachverband der offenen, verbandlichen und kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit-. Ein weiterer Anker sind die Youtube-Clips, die Jugendliche in Nöten besser erreichen als manches andere Angebot. Sie wurden über eine Million Mal geklickt. Und statt rund 800 Beratungen wie 2017, im Jahr vor der Kampagne, fanden 2018 1600 Beratungen allein rund ums Thema Suizidalität statt. Diese Kampagne wurde von Kanton und SBB mitentwickelt.

Der Bericht des Kantons Zürich titelte 2016: «Soziale Beziehungen und Gesundheit». Letzte Woche legte sein Verfasser, Oliver Hämmig vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich, eine neue Arbeit dazu vor. Sie fusst auf der akribischen Auswertung gesamtschweizerischer Daten wie jener des Bundesamts für Statistik zum Einsamkeitsgefühl von 2012 und fokussiert auf die verschiedenen Lebensalter. Besonders die Ergebnisse zu den Jungen sind besorgniserregend.

Hämmig zeigt eine enge Beziehung zwischen Isolation und Muskel- und Skeletterkrankungen, Depression, selbst wahrgenommenem schlechtem Gesundheitszustand sowie ungünstigen Verhaltensweisen auf. Dazu zählen Bewegungsmangel, schlechte Ernährung und eine erhöhte Psychopharmaka-Einnahme. 2016 hatte er festgestellt: Starke Rücken-, Nacken- oder Schulterschmerzen kommen bei hochgradig sozial Isolierten fast dreimal häufiger vor als bei sozial gut Integrierten. Das Risiko für starke Schlafstörungen ist viermal höher, das für mittelschwere bis schwere Depression achtmal. Die Zahl ambulanter Arztbesuche verdoppelt sich.

Und bei sozial isolierten, einkommensschwachen Personen explodieren kumulierte Gesundheitsprobleme gegenüber der Bevölkerung allgemein ums Fünffache. Kurz: Arm und allein sein ist mit extremen gesundheitlichen Belastungen assoziiert. Ausserdem nimmt auch nach der neuen Studie Isolation im Alter klar zu und korreliert mit schlechten Gesundheitsdaten. Immerhin: Manche Untersuchungen lassen vermuten, dass später geborene Jahrgänge mit dem Alter besser zurechtkommen und es positiver sehen können als frühere Generationen.

Die Einsamkeit wächst im Alter moderat: Während über ein Drittel der Gruppe 65+ kaum oder nur partiell sozial integriert ist, fühlen sich bloss 31 Prozent manchmal oder ständig einsam. Bei den 15- bis 24-Jährigen dagegen gelten 17 Prozent als wenig oder teilintegriert, Einsamkeit kennen jedoch über 44 Prozent. Und: Die mit der Isolation einhergehenden Gesundheitsrisiken sind bei ihnen am grössten.

«Man weiss zwar um das Phänomen der Einsamkeit in dieser Altersgruppe, unterschätzt aber wohl das eigentliche Problem: nämlich die gesundheitlichen Folgen, etwa das stark erhöhte Depressionsrisiko oder das ungünstige Gesundheitsverhalten», erklärt Hämmig.

Kaum integrierte Junge leiden zu rund 48 Prozent an Depressionen (65+: 12 Prozent). Rechnet man die teilintegrierten dazu, steigt die Rate gar auf 67 Prozent. Sehr gut integrierte Junge hingegen sind zu 5 Prozent betroffen (65+: 1 Prozent). Drei oder mehr Gesundheitsprobleme quälen 14 Prozent der sehr isolierten Jugendlichen: gleich viele wie bei den sehr isolierten 65+. Aber nur 2 Prozent der top integrierten Jungen schlagen sich damit herum. Bewegungsarm verhalten sich 23 Prozent der wenig und teilintegrierten Jugendlichen, bei den sehr gut Integrierten nur 4 Prozent. Ungesund ernähren sich 53 Prozent der (Teil-)Isolierten versus 13 Prozent der sehr gut Integrierten. Ein frühes Auffangnetz wäre entscheidend.

Rückzug ins Bett mit Chips und Laptop. Foto: Getty Images/iStockphoto

Aber: «Jugendliche aus der sozialen Isolation und Einsamkeit herauszuholen, ist wohl noch schwieriger als bei Älteren», so Hämmig. Auch sei das Problem der Einsamkeit bei den häufig allein lebenden Älteren viel greifbarer als bei den meist in Mehrpersonenhaushalten wohnenden Jugendlichen, die sich ausserdem in Schul- oder Ausbildungskontexten bewegten. «Hinzu kommt, dass Einsamkeit im Alter längst kein Tabu mehr ist, in der Jugend hingegen schon. Umso schwieriger ist es, an die Betroffenen heranzukommen.» Auch dies erschwere, Massnahmen zu ergreifen.

Aber für alle Altersgruppen gilt: Chronische Einsamkeit ist, anders als gelegentliche, schädlich. Wichtig sei «die Botschaft», pointiert Hämmig, «dass soziale Isolation und Einsamkeit auch gesundheitliche Konsequenzen und Kostenfolgen haben, sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft».

Isolation bei Älteren: Was tun?
Bei der Website suizidprävention-zh.ch, die sich altersungebunden an Suizidgefährdete und ihr Umfeld richtet, stiegen die Aufrufszahlen seit der Einführung 2015 von 3200 Aufrufen auf 112'000 (2018). Überdurchschnittlich hoch sei die Suizidrate bei verwitweten Männern über 65, sagt Claudia Schweizer, Leitende Psychologin bei den Universitären Psychiatrischen Diensten der Berner Universitätsklinik für Alterspsychiatrie. «Die Pensionierung ist ein kritisches Ereignis, weil spontane Kontakte wegfallen. Verwitwung, das Wegsterben von Freunden und Geschwistern oder die heute häufigere späte Scheidung: Das lässt die sozialen Netzwerke schrumpfen und birgt die Gefahr der Isolation.» Sie empfiehlt bei Einsamkeit dringend auch für Ältere «Psychotherapie als wirksame Behandlung, in der Gedankenmuster hinterfragt und bearbeitet werden». Je länger die Einsamkeit dauere, desto schwerer werde es, sie zu durchbrechen, «weil sich chronisch Einsame gar keinen Kontakt mehr zutrauen und in einem Teufelskreis gefangen sind. Einsamkeit hat mit negativer Selbstbewertung und auch mit sozialen Ängsten zu tun.»

Oliver Huxhold und Heribert Engstler vom Deutschen Zentrum für Altersfragen resümieren in einem Aufsatz, Isolation sei im hohen Alter am häufigsten. Zwischen 40 und 60 seien Männer zwar öfter einsam als Frauen. Danach nehme der Geschlechterunterschied ab, drehe sich allmählich um: «Mit 90 haben Frauen ein Risiko von 14 Prozent, einsam zu sein. Bei Männern beträgt es da 9 Prozent.» Allerdings sei das Einsamkeitsrisiko bei den später geborenen Jahrgängen weniger mit dem Altwerden verknüpft: Hier würden wohl die heutzutage neue Relevanz von Freunden helfen wie auch die positive Neudefinition des Alters und der veränderte Kontaktbedarf im Alter. Dennoch fordert die Studie niederschwellige Teilhabeangebote im Nahraum der Älteren als breitflächige Gesundheitsvorsorge, gerade für geistig und körperlich weniger Mobile.

Claudia Schweizer rät ausserdem zu Mehrgenerationenprojekten: Sie würden oft als bereichernd und sinnhaft erlebt. Zudem biete Pro Senectute soziale Aktivitäten wie Wanderungen. Sibylle Brunner schätzt gleichfalls die soziale Komponente der Bewegungsangebote für Ältere, so beim Zürcher Pilotprojekt Zämegolaufe, entwickelt von der Uni Zürich. Manche Gemeinden würden auch von regionalen Suchtpräventionsstellen dabei unterstützt, die soziale Ressourcen Älterer zu stärken.

Erstellt: 21.07.2019, 19:59 Uhr

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