Einst verhasst, heute begehrt

Nicht Hochhäuser schaffen die dichtesten Städte, es sind die Blockrandüberbauungen aus dem 19. Jahrhundert.

Hier leben am meisten Zürcher pro Quadratkilometer: Das Werd-Quartier im Kreis 4. Foto: Urs Jaudas

Hier leben am meisten Zürcher pro Quadratkilometer: Das Werd-Quartier im Kreis 4. Foto: Urs Jaudas

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Dichte hat ein Geburtsdatum: 1850 bis 1914.

Während dieser sechs Jahrzehnte entstanden in fast allen europäischen Städten jene Quartiere, wo die Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Dies hat der englische Urbanistikprofessor Alasdair Rae herausgefunden.

Rae suchte jeweils den dichtesten Quadratkilometer in allen europäischen Ländern. Dabei stellte er fest: Diese liegen stets in Gründerzeit-Quartieren. Einzig Athen baute den dichtesten Stadtteil nach dem zweiten Weltkrieg.

An der Spitze steht Barcelona, in dessen L’Hospitalet de Llobegrat sich 53'000 Menschen in einen Quadratkilometer quetschen, knapp gefolgt von Goutte D’Or in Paris, das auf einem Quadratkilometer 52'000 Menschen beherbergt. Das ist Dichte für Profis. Dahinter kommen, deutlich abgeschlagen, Städte wie Amsterdam, Stockholm, Berlin oder Kopenhagen mit Werten zwischen 20'000 und 30'000.

Die Gleichzeitigkeit der europäischen Verdichtung hat zwei Gründe: Ab 1850 erfasste die Industrialisierung den Kontinent, die Bevölkerung wuchs und strömte in die Städte, an deren Ränder man eilig neue Quartiere hochzog. Der technologische Fortschritt, angefacht durch die Industrialisierung, machte es zweitens viel einfacher, günstig und hoch zu bauen.

Das gilt auch für Zürich, obwohl die Stadt im europäischen Dichteranking eine der hinteren Ränge einnimmt. Am meisten Menschen pro Quadratkilometer leben hier im Werd-Quartier (15'190 Menschen), es folgen Gewerbschule (13'200) und Sihlfeld (12'750). Auch diese Viertel in den Kreisen 3, 4 und 5 entstanden zu einem grossen Teil vor dem ersten Weltkrieg.

Aufgrund der gemeinsamen Entstehungszeit ähneln sich die engen Quartiere: Sie sind als Blockrand geplant, bestehen aus geschlossenen Häuserreihen, die direkt an die Strasse grenzen und sich um einen Innenhof anordnen. Nicht die Hochhaussiedlungen der Nachkriegszeit sind es, die am meisten Leute aufnehmen können. Denn die Erschliessung (Treppen, Lifte) von Türmen braucht viel Platz, dazwischen sorgen Freiflächen für genügend Licht; so will es das Gesetz. Nein, die Mietskasernen der Gründerzeit sind bis heute Dichtechampions geblieben.

Auch deswegen hatten sie lange einen schlechten Ruf. Die Siedlungen, in die am Anfang Arbeiter und Angehörige des unteren Mittelstand einzogen, galten als dunkel, dreckig, überbevölkert. Nicht zu Unrecht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwängten sich viel mehr Menschen in die Wohnungen, Holzheizungen verrussten die Luft, in den Höfen wurde gehämmert und gesägt, es fehlte an WCs und Duschen. Als Entlastung forderten die Modernisten mehr Licht, mehr Luft, mehr Ruhe, mehr Grün. Während des 20. Jahrhunderts dünnte die Stadtbevölkerung aus, gleichzeitig machte man die Altbauwohnungen komfortabler. Auch deshalb erlebten diese ab den 80er-Jahren ein überraschendes Comeback, das bis heute anhält. In vielen Städten haben sich die Abeiterquartiere zu begehrten Wohnzonen für eine neue Mittelklasse entwickelt. Gründerzeitviertel gelten als Verkörperung «authentischer Urbanität».

Diese Entwicklung hat lange niemand kommen sehen. Sie wirkte früher wohl so seltsam wie heute die Vorstellung, dass in 30 Jahren zahllose gut verdienende, bestens ausgebildete Menschen in die Blöcke von Regensdorf oder Spreitenbach drängen, weil sie das Wohnen dort als Gipfel eines zeitgenössischen Lebenstils ansehen.

Wankelmütige Städter

Aus heutiger Sicht erscheint die Beliebtheit der entschärften Proletariatsviertel hingegen logisch: Sie überzeugen aussen wie innen. Sie bilden klare Stadträume. Ihre neutralen Grundrisse lassen verschiedene Wohnformen zu. WGs, Familien, Pärchen, Single. Alles geht im Altbau.

So finden sich viele Städte in einer seltsamen Situation: Die Menschen drängen in frühere Billig-Häuser, die man lange als ungesunde Massenware verachtete. Modernere Überbauungen hingegen, einst Inbegriff fortschrittlichen Wohnens, gelten heute als leblos und lahm.

Wie aber soll man Städte bauen, wenn sich die Vorlieben der Bewohner und Planerinnen so grundlegend ändern?

Die Antwort ist klar: auf jeden Fall dicht. Denn Dichte spart Platz, Wegstrecken, Energie, Geld. Und – das führt die derzeitige Stadtbegeisterung vor – sie hat kein Ablaufdatum.

Erstellt: 05.04.2018, 18:38 Uhr

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