Einsteins Herz gehörte einer Aargauerin

Neu entdeckte Briefe zeigen: Der Physiker hat wohl keine Frau mehr geliebt als Marie Winteler. Einblick in ihre Korrespondenz.

Einstein schätzte das «sanfte Engelsgesichtchen»: Marie Winteler. Foto: Historisches Museum Bern (1895)

Einstein schätzte das «sanfte Engelsgesichtchen»: Marie Winteler. Foto: Historisches Museum Bern (1895)

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Der Schatz lagert im Historischen Museum am Helvetiaplatz in Bern. Zu Gesicht bekommt man ihn nicht, aber Journalisten oder Forscher können Fotos davon einsehen. Er besteht aus Dutzenden von Briefen und Postkarten, manche ganz, andere zerfetzt – oft auch notdürftig wieder zusammengeklebt, vermutlich durch die Empfängerin. Es sind die Spiegelbilder eines Lebens, dessen Risse sich zuletzt nicht mehr kitten liessen.

«Erst ein Tag & doch schon eine Ewigkeit, seitdem ich nicht mehr Ihre geliebten Äuglein gesehen habe. O, wenn Sie so wegfahren, Schätzchen, so ist es, wie wenn die Seele der Welt wegflöge, um einen in süssen Träumen voll seliger Erinnerung & tröstender Hoffnung zurückzulassen ...»

So setzt einer der Briefe an. Der Autor ist nicht etwa ein hoffnungsvoller Jungpoet, sondern der brillanteste Kopf des 20. Jahrhunderts, Erschaffer eines hochabstrakten Weltbilds, das gewöhnlichen Geistern kaum zugänglich ist: Albert Einstein. Die Empfängerin heisst Marie Winteler, eine junge Frau aus Aarau mit «sanftem Engelsgesichtchen», «goldigen Händchen» und «treuherzigem» Blick. Sie ist zu diesem Zeitpunkt achtzehn, er sechzehn Jahre alt.

138 Briefe aus dem Umfeld dieser Beziehung haben Nachfahren der Familie Winteler 2011 ins Bernische Historische Museum getragen. Viele davon stammen von Albert Einsteins Hand – Maries Antwortbriefe sind leider nicht erhalten. Dass von einer Weltfigur, bei der die Historiker über Jahrzehnte jeden Zettel zweihundertmal umdrehten, auf einmal derart viele Dokumente auftauchen, die ein neues Licht auf sein Leben werfen, ist eine Sensation. Es hat seine Zeit gedauert, die Briefteile zusammenzusetzen, zu transkribieren und zu editieren, sodass sie erst vor wenigen Wochen erschienen sind: im jüngsten Band der «Collected Papers of Albert Einstein».

Das prägende Aarauer Jahr

Im Herbst 1895 trat der 16-jährige Albert Einstein in Zürich zur Aufnahmeprüfung der ETH an, die damals noch Polytechnikum hiess. Die Schule in München hatte er geschmissen, weil ihm der militärische Umgangston am Luitpold-Gymnasium missfiel. Für die ETH war Albert eigentlich noch zu jung; er fiel denn auch durch die Prüfung, obwohl er in Mathematik und Physik brillierte. Der Rektor, der sein Talent erkannte, schlug ihm vor, in die Kantonsschule Aarau einzutreten und dort die Matur zu machen, worauf er prüfungsfrei an die ETH wechseln könne.

So kam Einstein im Oktober 1895 nach Aarau. Bloss ein Jahr blieb er hier. Aber es war ein entscheidendes Jahr, was seine politische Einstellung, seine wissenschaftliche Karriere und auch seine Herzensbildung betrifft.

Albert Einstein wohnte bei der neunköpfigen Familie Winteler. Der Empfang war herzlich, Einstein fühlte sich ausgesprochen wohl und nannte seine Gasteltern schon nach kurzer Zeit «Mamerl» und «Papa». Der Familienvater Jost Winteler war ein kauziger Freigeist – Lehrer für Geschichte und Alte Sprachen an der Kantonsschule, Vogelkundler und Pionier der Mundartforschung. Er war für Einsteins politisches Denken ebenso prägend, wie es seine Tochter Marie für dessen Gefühlswelt werden sollte.

Als eingefleischter Verfechter der Schweizer Demokratie imprägnierte Jost Winteler seinen Pensionär ein für allemal gegen jegliche Form von Nationalismus und überzeugte ihn von den Vorteilen des hiesigen politischen Systems gegenüber dem deutschen. Viel später, als in Deutschland die Nazis die Macht übernommen hatten, schrieb Einstein: «Ich muss oft an Papa Winteler denken und an die seherhafte Richtigkeit seiner politischen Ansichten. Ich habe es auch stets gefühlt, aber nicht in dieser Reinheit und Stärke.»

«Sein Physiklehrer spürte offenbar, dass Einstein etwas Besonderes war, und förderte ihn.»Herbert Hunziker, Mathematiker

Die Kantonsschule Aarau hatte damals einen ausgezeichneten Ruf. Der liberale Geist und die auf Selbstständigkeit gerichtete Erziehung behagten dem freiheitsliebenden Albert sehr. Ausgerechnet der Rektor und Physiklehrer Einsteins war aber aus anderem Holz geschnitzt: «August Tuchschmid galt als ernster, autoritärer Typ, der ab und zu sogar Ohrfeigen verteilte», sagt der Mathematiker Herbert Hunziker, der zu Einsteins Aarauer Zeit forscht und bis vor Kurzem selber an der Kantonsschule unterrichtete. «Man vermutete, dass Einstein schlecht mit Tuchschmid auskam.»

Die neuen Dokumente widerlegen diese Einschätzung: Offenbar haben sich die beiden sogar sehr gut verstanden. In einem Brief kurz vor seiner Abreise aus Aarau nach Zürich beschreibt der spätere Nobelpreisträger, wie ihm Tuchschmid eine glänzende Forscherkarriere voraussagte:

«Neulich hab ich von Rektor Tuchschmid Abschied genommen. Er entwarf mir eigenhändig mein Zukunftsbild: 4 Jahre Studium, dann Assistent, … Er sagte, ich hätte ganz das Zeug und das Streben zu dieser dornenvollen Laufbahn. Da heisst’s natürlich auf alle Bequemlichkeiten & Annehmlichkeiten dieser Welt verzichten, aber das thut ja nichts. Nie aber sollte ich eine Stelle in einer Mittelschule annehmen, sonst sei es aus mit den grossen wissenschaftlichen Zielen.»

Noch ein Jahr zuvor hatte Einstein ganz andere Pläne: Er hatte vor, an der ETH Elektrotechnik zu studieren, Ingenieur zu werden und in die Familienfirma einzusteigen. Nach dem Aarauer Jahr ging er tatsächlich an die ETH, aber mit dem Ziel einer wissenschaftlichen Karriere als theoretischer Physiker. Man darf davon ausgehen, dass der Rektor für den Sinneswandel eine wichtige Rolle spielte.

«Tuchschmid spürte offenbar, dass Einstein etwas Besonderes war, und förderte ihn», sagt Herbert Hunziker. Eine zuvor ebenfalls unbekannte Begebenheit vervollständigt dieses Bild: In den Semesterferien 1899 kam Einstein abermals nach Aarau, um bei Tuchschmid physikalische Experimente zu machen. Dessen Kabinett an der Kantonsschule war besser ausgestattet als manches Universitätslabor. Die Experimente hatten vermutlich mit der Relativitätstheorie zu tun, die Einstein 1905 veröffentlichte.

Marie

Die schöne Marie war die jüngste der drei Winteler-Töchter. Als Einstein im Oktober 1895 in der Familie auftauchte, hatte sie gerade das Lehrerinnenseminar in Aarau abgeschlossen und war auf Stellensuche. Einstein muss sich augenblicklich und bis in die Zehenspitzen in sie verknallt haben. Die Anziehung war gegenseitig. Noch vor Jahresende schrieb Marie ein erstes Briefchen an Einsteins Mutter, die entzückt war über das, was sich da anbahnte.

Für beide war es die erste Liebe. Dass Albert und Marie ein Gschleipf hatten, ist schon lange bekannt. Die bisherige Forschung pflegte ihre Beziehung aber eher als eine Art Jugendflirt abzutun. Kein Wunder, war doch vor dem Auftauchen des Berner Schatzes bloss ein einziger Brief von Albert an Marie aus dieser Zeit bekannt und zwei von Marie an Albert. Erst die neuen Briefe zeigen, wie leidenschaftlich und andauernd diese Liebe war.

Der Ton der Briefe ist süss und schwärmerisch.

Mitte Januar 1896 übernimmt Marie Winteler eine Stellvertretung an der Primarschule im nahen Niederlenz – in diesem Moment setzt der Briefwechsel ein. «Mein liebes Mariechen!», beginnt Albert seinen ersten Brief. «O, bei uns ist es jetzt so öd, so öd geworden, seit Sie uns durchgebrannt sind; und in meinem Hirn noch viel, viel öder und dümmer.» Von nun an jagt ein Brief den anderen. Die Sehnsucht, die lange Zeit bis zum nächsten Wiedersehen ist ein wiederkehrendes Thema. Dabei verbringt Marie alle Wochenenden, teilweise auch den Mittwoch, in ihrem Elternhaus und somit in Einsteins Nähe.

Einsteins erste Liebe: Marie Winteler (unten links) mit ihrer Familie. Foto: Wikimedia (ca. 1900)

Der Ton der Briefe ist süss und schwärmerisch: «Mäuserl», «Schätzchen», «Schelmchen» nennt Albert seine Geliebte oder dann «Mariechen», «Herzensmariechen», «Goldmariechen». Der frühreife Teenager formuliert Sätze, die Marie ihr Leben lang nicht vergisst. Oft spricht er von seiner Geige – vermutlich sind sich die beiden beim gemeinsamen Musizieren nähergekommen, denn Marie spielt sehr gut Klavier.

«Welch unendliches Glück ist das Gefühl: Wir sind eine Seele zu sammen! Die Musik hat unsere Seelen so herrlich verbunden. Die Liebe macht uns gross und reich und kein Gott kann sie uns nehmen!»

Auffallend häufig spricht Albert von Würsten. Obszönitäten gehören aber nicht zu seinem Repertoire, und vermutlich ist ihre Beziehung zu jenem Zeitpunkt noch platonisch. Vielmehr sind diese Stellen wörtlich gemeint: Sein «Kindchen» erscheint ihm etwas gar dünn. «Lassen Sie sich die Wurst gut schmecken Mauserl, damit unsere Kur schöne Früchte trage.

Wenn sie fertig ist kriegen Sie sofort wieder eine andere.» Dazu passen wiederkehrende Stellen, die von Kirchweihnudeln berichten, mit denen er sie offenbar zu mästen gedenkt. Es handelt sich um eine deftige Spezialität aus Einsteins bayerischer Heimat – Küchlein mit Rahm, Zucker, Butter und Rum, ausgebacken in viel Schmalz.

Der Briefwechsel oder zumindest der intime Teil davon muss vor Einsteins gleichaltrigem Cousin geheim gehalten werden. Robert Koch wohnt im Nachbarhaus, geht auch an die Kanti und hat sich ebenfalls in Marie verliebt. Allerdings ist Robert längst nicht so reif, und mit seiner buchhalterischen Art hat der spätere Jusstudent gegen den sinnlichen Albert keine Chance. Auch einer von Maries Brüdern lehnt sich anfangs gegen die Beziehung auf.

Die Eltern hingegen, insbesondere die Mütter, begrüssen die Verbindung ausdrücklich. Pauline Einstein ist unendlich dankbar und froh, dass ihr früher so verschlossener Albert in Aarau aufblüht. Und Pauline Winteler, das «Mamerl N. 2», versteht sich prächtig mit ihrem «lieben Stiefsöhnchen». Die beiden lachen und schwatzen zusammen und vertrauen sich auch Persönliches an.

Es kippt

Die Glückseligkeit dauert ziemlich genau ein Jahr. Im Oktober 1896 zieht Albert nach Zürich, um an der ETH zu studieren, und Marie nach Olsberg im Fricktal, wo sie an der Primarschule zu unterrichten beginnt. In diesem Moment beginnt das Verhältnis zu kippen. Schon bald mag Albert ihr nicht mehr schreiben, was Marie verständlicherweise irritiert. Zumal er ihr weiterhin regelmässig ein Körbchen schickt – vermutlich mit seiner Dreckwäsche, die sie dann für ihn erledigt, oder leer, um es sich von ihr mit Fressalien füllen zu lassen. Im November schreibt sie ihm; es ist einer der beiden schon länger bekannten Briefe Maries:

«Geliebter Schatz! Heut ist, just u. eben, Ihr Körbchen angekommen, u. ich hab mir vergebens die Augen nach einem kleinen Zedelchen ausgeguckt, aber ich war doch nur schon über Ihre lieben Schriftzüge auf der Adresse froh.»

Mit viel Verzögerung antwortet er, aber «aus allen Häuschen des Briefpapieres» guckt «ein böses Gesicht», wie sie sich beklagt. Über den weiteren Verlauf und das Ende der Beziehung können wir nur mutmassen, da die Briefe für Monate fehlen. Es scheint, als habe Marie, verunsichert und verletzt durch sein Zögern, schliesslich einen Schlussstrich gezogen. Von diesem Entscheid kann auch Einsteins Mutter sie nicht abbringen, die extra nach Aarau reist, um sie umzustimmen. In einem Brief von Ende März 1897 versichert er Marie nochmals seiner Liebe, will aber den Korb akzeptieren, den sie ihm offenbar gegeben hat:

«Ich liebe Sie von tiefster Seele und verehre Ihr edles Gemüt & habe es nicht vergessen, wie Sie mir in Stunden des Leids ein tröstender Engel waren. Noch tausend Grüsse meinem grausamen Liebchen Albert. Es ist schön von Ihnen dass Sie sich so offen von der Stimme Ihres Herzens leiten liessen. Ich ehre diese That, wenn sie auch arg schmerzt.»

In einem späteren Brief – schwer zu lesen, weil Marie ihn besonders malträtierte – spricht er sie von jeder Schuld frei, nennt sich selber einen Schwächling und beschwört sie, sich keine Vorwürfe zu machen. Im Mai 1897 sagt er bei der Mutter Pauline Winteler seinen Pfingstbesuch in Aarau ab, um «dem lieben Kindchen» keinen neuen Schmerz zu bereiten.

In der Folge schildert er seine persönliche Strategie im Umgang mit Liebeskummer: sich durch «angestrengte geistige Arbeit» ablenken. Im Verlaufe seines Lebens entwickelte sich Einstein zum eigentlichen Spezialisten dafür, unerwünschte Gefühle abzuwürgen. Im Falle von Marie hat es allerdings nicht immer funktioniert.

Mileva

Wäre die Geschichte hier zu Ende, so wäre sie vielleicht tatsächlich nicht mehr als eine Teenagerromanze – heftig zwar, aber nicht untypisch für einen ersten Gehversuch in Liebesdingen. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Erst viel später erfuhr Marie den wahren Grund für Alberts Zaudern, das schliesslich zum Zerwürfnis geführt hatte: Mileva Maric. Wie Einstein hatte die dreieinhalb Jahre ältere Serbin 1896 an der ETH Mathematik und Physik zu studieren begonnen. Nach einer langen Phase wilder Studentenehe wurde sie 1903 zu seiner ersten Frau.

Mileva war ein ganz anderer Typ als die träumerische Marie.

Mileva war ein ganz anderer Typ als die träumerische Marie, die damit kokettiert hatte, das «kleine, unbedeutende, dumme Schatzerl» zu sein, «das nichts kann & nichts versteht». In seiner Studienkollegin hatte Einstein eine intellektuell ebenbürtige Partnerin, mit der er auch wissenschaftliche Ideen diskutieren konnte, und wahrscheinlich war es genau das, was ihn an ihr faszinierte. Doch offenbar konnte er gleichzeitig die Heftigkeit der Gefühle, die er mit Marie erlebt hatte, nicht ganz vergessen.

Im Oktober 1899 kommt Einsteins Schwester Maja nach Aarau, um dort das Lehrerinnenseminar zu besuchen. Sie wohnt im Töchterheim, verbringt aber viel Zeit bei den Wintelers, die den Einsteins noch immer freundschaftlich verbunden sind. Dort verliebt sie sich in Maries Bruder Paul, den sie 1910 heiraten wird. So bleiben die Bande zwischen den Familien bestehen.

Sie war der Grund für den Bruch mit Marie: Einsteins spätere Frau Mileva. Foto: Keystone

Einstein hätte nun eigentlich einen Grund, wieder häufiger nach Aarau zu fahren. Doch will er das Städtchen ganz bewusst meiden, wie er seiner neuen Gefährtin Mileva schon Ende September 1899 versichert:

«Denn das kritische Töchterlein kommt nachhause in das ich mich vor 4 Jahren so schrecklich verliebt habe. Ich fühle mich zwar sonst ziemlich sicher auf meinem hohen Schloss Seelenruhe. Aber wenn ich das Mädchen wieder ein paarmal sähe, wär ich gewiss verrückt, das weiss ich & fürcht ich wie das Feuer.»

Man darf bezweifeln, dass diese Zeilen Mileva beruhigen. Zumal Albert dem Spiel mit dem Feuer keineswegs so eindeutig abgeneigt ist: Drei Wochen zuvor, als er bei Rektor Tuchschmid in Aarau seine Versuche machte, hatte er wieder einmal an Marie geschrieben, während diese gerade in Deutschland weilte. Zwar bezeichnete er seinen Kontaktversuch explizit als «harmlos», er unterliess aber dennoch nicht den Hinweis, dass er sie «mit Sehnsucht zu sehen verlangte». Offensichtlich reagierte Marie nicht darauf. Diesmal nicht.

Dicke Luft

In der Folge scheint ihr Einstein tatsächlich für einige Jahre aus dem Weg gegangen zu sein. Indirekt ist er für Marie dennoch ständig anwesend: durch seine Schwester Maja. Diese muss ausbaden, was Albert angerichtet hat. «Marie reagierte ausgesprochen feindselig auf Maja», sagt die Historikerin Franziska Rogger, die eine Biografie über Einsteins Schwester verfasst hat. «Weil diese sie an den Mann erinnerte, der sie so tief gekränkt hatte.» Erst beinahe zwanzig Jahre später sollte es Maja, die stets um Harmonie bemüht war, gelingen, sich mit Marie auszusöhnen.

Vorderhand ist die Situation in Aarau beinahe unerträglich. Ausweichen kann und will Maja den Wintelers nicht, da sie in Pauls Nähe sein möchte, ihrem Freund und späteren Ehemann. Nicht viel besser sieht es bei den Einsteins aus: Insbesondere die Mutter trauert Marie hinterher und lehnt Alberts neue Geliebte rigoros ab. Als dieser forsch seine Hochzeit mit Mileva ankündigt, explodiert die Situation. Auch zwischen den Geschwistern Einstein, die sich sonst so gut verstehen, fliegen die Fetzen – einmal soll Maja ihrem Bruder gar eine Ohrfeige gegeben haben.

Die ganzen Wirrnisse setzen Marie zu und verhindern, dass ihre Wunden heilen. Von 1902 bis 1905 arbeitet sie als Primarlehrerin im aargauischen Murgenthal, ist aber oft krank gemeldet. Der ganz grosse Schock steht ihr noch bevor.

Die Katastrophe

1906 wohnt Marie wieder in ihrem Elternhaus in Aarau. Im Oktober holt Vater Winteler seinen ausgewanderten Sohn Jost jun. aus Amerika nach Hause, weil dieser immer deutlichere Anzeichen eines Verfolgungswahns zeigt. Im Koffer des Heimkehrers befindet sich, was niemand ahnt, ein Revolver.

Der Bruder schiesst zweimal auf seine Mutter und richtet sich selbst.

Der Zustand des Sohnes bessert sich auch in Aarau nicht. Im Gegenteil: Er kommt offenbar zum Schluss, dass der Mann seiner Schwester Rosa Mitglied einer Geheimgesellschaft sei, die ihn verfolge, und auch die eigene Mutter unter deren Einfluss stehe. Am Abend des 1. November 1906 ruft er den Schwager zu sich und seiner Mutter ins Laubenzimmer. Als dieser eintritt, streckt ihn Jost jun. mit einem Kopfschuss nieder. Dann schiesst er zweimal auf seine Mutter und richtet sich selbst.

Marie ist zu diesem Zeitpunkt in der Küche am Abwaschen. Sofort ruft sie einen Arzt und rennt ins Laubenzimmer. «Es muss traumatisch für sie gewesen sein», sagt Franziska Rogger, die die Details recherchiert hat. «Sie war als Erste am Tatort, ihre Mutter starb in ihren Armen.» Zwar habe der Vater die sofort herbeigerufene Polizei gebeten, die Befragung Maries zu verschieben. «Trotz dieser Schonung wird sie schwerlich unbeschadet über dieses Ereignis hinweggekommen sein.»

Der Höhepunkt des Lebens

Sommer 1909. Marie Winteler lebt mittlerweile im bernischen Oberwil bei Büren – bei ihrer Schwester Rosa, die beim Doppelmord ihren Mann verloren hat. Albert Einstein wohnt mit seiner Familie in Bern, steht aber kurz vor dem Umzug nach Zürich, wo er im Herbst eine Professur für Theoretische Physik an der Universität antreten wird. Marie ist 32, Albert 30 Jahre alt.

Die Ehe der Einsteins befindet sich in der Krise. Mileva ist schwermütig geworden, was auch Albert die Lebensfreude verdirbt. Die Situation verschlimmert sich, als er eine alte Liebelei mit einer Appenzellerin aufzuwärmen versucht: Mileva kommt dahinter und ist rasend eifersüchtig. In dieser Zeit erinnert sich Einstein an seine Marie, mit der er einst so unbeschwerte Stunden verbracht hatte.

«Weisst du noch, wie selig wir waren auf dem Gurten, im Bremgartenwald und in Zollikofen?»Einstein in einem Brief an seine Ex- Freundin Marie

Wir wissen davon erst dank drei Briefen und einer Postkarte aus dem Bernischen Historischen Museum – sie sind die grosse Überraschung des neuen Bestandes. Sie zeigen, dass Albert wiederum während mindestens eines Jahres kaum etwas anderes im Kopf hatte als Marie Winteler. Anscheinend kam es zu mehreren Treffen in der Region Bern, wobei diesmal vermutlich nicht alles platonisch ablief.


Bilder: Einsteins Briefe unter dem Hammer


Im ersten erhaltenen Brief vom 15. September 1909 beklagt Albert sich darüber, dass Marie seine Briefe nicht beantworte, dass sie nicht ans Fenster gekommen sei, als er sie aufsuchen wollte. Und weiter:

«Ich lebe immer noch in der Erinnerung an die wenigen Stunden, in denen mir das geizige Geschick Dich bescherte. Sonst ist mein Leben ein denkbar trauriges, was die private Seite anlangt. Ich entgehe der ewigen Sehnsucht nach Dir nur durch angestrengtes Arbeiten & Grübeln. Sag mir doch wenigstens, was Du für Gründe hast, mich wie einen Aussätzigen zu fliehen! Meine einzige Freude wäre, Dich wiederzusehen, oder ein Briefchen von Dir zu erhalten.»

Es ist nicht klar, ob die Affäre zu diesem Zeitpunkt schon wieder vorbei ist oder im Gegenteil gerade erst beginnt. Am 7. März 1910, dem Datum des zweiten Briefes, müssen die Schäferstündchen hingegen schon mehrere Monate zurückliegen. «Weisst du noch, wie selig wir waren auf dem Gurten, im Bremgartenwald und in Zollikofen? Für mich bedeuten jene Stunden den Höhepunkt des Lebens», schreibt er ihr. Am liebsten möchte er augenblicklich zu ihr fahren, weil er es vor Sehnsucht nicht mehr aushält. Doch die Angst vor «wüsten Zerwürfnissen» mit seiner Frau hält ihn davon ab.

Ausserdem fürchtet er, Marie könnte das Gefühl bekommen, er wolle mit ihr zwar seinen Spass haben, werde am Ende aber erneut nicht zu ihr stehen. Das müsse sie jedoch «anders auffassen», erklärt er ihr: «Ich denke in innigster Liebe an Dich in jeder freien Minute und bin so unglücklich wie nur ein Mensch es sein kann. Verfehlte Liebe, verfehltes Leben, so klingt es mir immer nach.»

Albert hört nicht auf, ihr zu schreiben. Marie gibt keine Antwort mehr. «Einen herzlichen Gruss an die ewig Schweigende», schickt er ihr Mitte Juli 1910. Jetzt antwortet sie – wir wissen nicht, wie, weil ihre Briefe nicht erhalten sind. Aber es muss eine deutliche Absage gewesen sein. Denn er reagiert mit äusserst bitteren Worten (siehe den Brief auf Seite 23). «Dass Einstein zu so drastischen Bildern greift, dass er sagt, er schaue in sein eigenes Grab hinein, ist einmalig», sagt Ze’ev Rosenkranz vom California Institute of Technology, der zu den Herausgebern der Briefe gehört. «Ich persönlich glaube darum, dass er nie jemanden so geliebt hat wie Marie.»

Womöglich hat Marie in dem für Einstein so schockierenden Brief berichtet, sie werde sich vermählen. Tatsächlich heiratete sie 1911 einen gewissen Albert Müller, Geschäftsführer der Uhrenfabrik Büren an der Aare. Vielleicht, und das ist jetzt wirklich reine Spekulation, war aber auch dieser Entschluss bloss eine Trotzreaktion auf Alberts Entscheid, seine Frau nicht zu verlassen. Just in den fraglichen Monaten war Mileva schwanger, Ende Juli 1910 gebar sie ihren zweiten Sohn.

Doch auch dies vermochte die Einstein’sche Ehe nicht zu retten: 1912 begann Albert eine Affäre mit seiner Cousine Elsa in Berlin – 1914 nutzte er einen Ruf an die dortige Universität, um in ihre Nähe zu ziehen. 1919 wurde sie offiziell zu seiner Frau, nachdem er sich kurze Zeit zuvor endlich von Mileva hatte scheiden lassen. Aber auch in seiner zweiten Ehe wurde er nicht glücklich.

Durch Medizin vergiftet

Ob sich Albert und Marie nach ihrer heftigen Affäre jemals wiedersahen, wissen wir nicht. Vielleicht ist es Einstein in bewährter Manier gelungen, seine Gefühle zu unterbinden. «Maries Verheiratung begrüsse ich aufrichtig», schreibt er Ende 1911. «Damit schwindet ein dunkler Punkt in meinem Leben.» Dass er zwei Jahre darauf den Mann an Maries Seite als seinen «Generalvertreter» bezeichnet, mag nicht mehr als ein flapsiger Spruch sein. Insgesamt scheint er froh zu sein, jene Frau, die ihn zu entflammen vermochte wie keine andere, in sicherer Distanz zu wissen.

Das wenige Glück, das Marie in ihrem Leben vergönnt war, ist nach den paar «geheiligten Stunden» mit Albert 1909 bereits aufgebraucht. Zwar gebiert sie zwei Söhne, Paul (1912) und Heinz (1915), doch ihre Ehe verläuft von Anfang an unglücklich.

Als sie 1927 nochmals mit Albert Einstein Kontakt aufnimmt, ist die frühere Leichtigkeit verflogen. Sie wolle, schreibt sie ihm nach Berlin, die Ehe mit Albert Müller lösen, um «mit den Kindern nicht seelisch und körperlich zu Grunde» zu gehen. Ob er ihr nicht eine Stelle als Gesellschafterin bei einem Kriegsinvaliden besorgen könne? Über eine Antwort ist uns nichts bekannt. Marie lässt sich tatsächlich wenig später scheiden und verzichtet auf jegliche Alimente. Sie lebt in Solothurn und hält sich mit Klavierstunden über Wasser.

Marie durchlebt eine schwere gesundheitliche Krise.

In den 1930er-Jahren durchlebt sie eine schwere gesundheitliche Krise. Vermutlich handelt es sich um eine psychische Erkrankung, auch wenn Marie darauf besteht, sie sei «durch zu scharfe Medizin» vergiftet worden, «durch Schuld einer Ärztin». Viereinhalb Jahre lang sei sie «ständig am Tode» gewesen, ausserdem hätten sich ihre lieben Verwandten in jener Zeit noch ihr letztes Hab und Gut angeeignet.

Wir wissen von diesen Ereignissen aus Briefen, die sie Albert Einstein ab 1938 wieder zu schreiben beginnt. Diese liegen nicht in Bern, sondern im Einstein-Archiv Jerusalem, und sind schon länger bekannt. Zumindest am Anfang bekommt sie von ihm, der mittlerweile in den USA lebt, auch Antworten, die allerdings nicht erhalten sind.

Das gebrochene Versprechen

Die Lektüre dieser späten Briefe macht traurig. Einerseits berichtet Marie von grosser Armut – das Geld reiche nicht einmal, um ihr Klavier von Bern nach Zürich zu zügeln, wo sie nun wohnt. Andererseits scheint sie, die mittlerweile über 60-jährige, angeschlagene Frau, wieder um Albert zu werben. Sie erbittet ein Foto von ihm und bietet an, ihm auch eines von sich zu schicken. Wobei sie offenbar befürchtet, er könnte sie nicht mehr so attraktiv finden wie früher. Umso mehr preist sie ihr Talent in Musik und Dichtung: «Ich würde gewiss noch Grosses darin leisten, wenn ich nicht den Brotkorb immer ein wenig füllen müsste.» Auch lässt sie ihm eine Reihe von Gedichten zukommen, von denen zumindest das letzte eindeutig auf Albert abzielt. Wie in alten Zeiten unterzeichnet sie mit «Ihr Mariechen».

Einstein dürfte kaum auf ein Wiedersehen aus gewesen sein. Er wird sofort gemerkt haben, dass mit Marie etwas nicht mehr stimmte. Als seine Schwester Maja zu ihm nach Amerika emigriert, schlägt er vor, ihr Mann Paul Winteler, der allein in der Schweiz zurückblieb, könne doch jetzt seine Schwester Marie zu sich nehmen. An Marie selber schickt Albert Geld, «88fr. 61», wie sie akribisch vermerkt.


Bilder: Einsteins Nachlass in Bildern


Als der Krieg ausbricht, werden Maries Berichte dramatischer: Ihr Zimmer sei ein Loch, ihre Vermieterin eine Säuferin, ihr selber drohe das Armenhaus. Immer dringender bittet sie Albert um Geld oder die Möglichkeit, nach Amerika zu kommen.

«Sie haben mir einst gesagt: ‹Mariechen, wenn Sie einmal in Not sind so berichten Sie mir, ich werde Ihnen helfen.› Dies habe ich nie benützt, aber nun ist doch eine solche peinliche Notlage da, dass ich Sie an Ihr Versprechen erinnern muss.»

Albert Einstein reagiert nicht. Vielleicht war er unter dem Ansturm der Bittsteller schlicht überfordert. «Zweifellos ging es Marie schlecht», sagt die Historikerin Franziska Rogger. «Dass sie aber zu einer Zeit, in der Einstein mit Hunderten von Briefen bombardiert wurde, in denen Todgeweihte vor den Nazis fliehen wollten, ihn mit dem Wunsch behelligt, mit ihren beiden Knaben in die USA reisen zu dürfen, ist ziemlich realitätsfremd.» Trotzdem ist es enttäuschend, dass er der einstigen Geliebten, der er in guten Zeiten das Blaue vom Himmel versprochen hatte, jetzt in keiner Weise beistand.

Eine ideale Liebe

Aus dem weiteren Leben Marie Müller-Wintelers ist nur wenig bekannt. Die letzten Jahre verbringt sie in der «Kantonalen Irrenanstalt» in Meiringen. Auf Anfrage eines Zürcher Schriftstellers, vermutlich des Einstein-Biografen Carl Seelig, schildert sie wenige Monate vor ihrem Tod noch einmal ihre Beziehung zu Albert Einstein. «Er war ein bildschöner junger Mensch», setzt sie an. «Wir haben uns innig geliebt», es sei eine «ideale Liebe» gewesen.

«Er hätte mich sehr gerne geheiratet. Aber ich war durch allerlei Vorkommnisse störrisch geworden und hiess ihn den Weg der Pflicht gehen. … Auch später verblieb ich in meinem Trotz, der ja eigentlich ein grosser Schmerz war als ich schon lange eingesehen hatte, dass es die Schuld einer Frau war, die unsere Liebe gestört hatte.»

Eigentlich, deutet Marie an, gäbe es noch einiges Unschöne zu erzählen. Doch wolle sie nicht persönlich werden und auch nicht «das glänzende Bild» trüben, «das die Amerikaner von ihm schufen». Marie Winteler starb am 24. September 1957 in Meiringen im Alter von achtzig Jahren. «Die Wintelers», hatte sie ihrem Albert einmal geschrieben, «haben fast alle kein Glück gehabt.» (Das Magazin)

Erstellt: 11.06.2018, 16:36 Uhr

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