Emanzipiert bis zum Umfallen

Frauen dürfen heute alles, müssen aber zu viel. Die Schweiz braucht endlich moderne Rollenbilder.

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Frauen müssen sich nicht mehr emanzipieren. Da gibt es nichts mehr, wovon sie sich befreien müssten. Frauen dürfen wählen gehen, Bankkonten eröffnen, Karriere machen. In der westlichen Welt sind ihnen – theoretisch – keine Grenzen gesetzt. Alles ist möglich, Frau muss nur wollen.

In der Praxis sieht es freilich nicht so rosig aus. Die Schweiz hat zwar drei Bundesrätinnen, der Kanton Zürich wird wohl bald von mehr Frauen als Männern regiert werden. Die Debatten im Vorfeld machen aber deutlich, dass eine geschlechtergerechte Vertretung in der Politik alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. In den Parlamenten bleiben die Frauen chronisch unterrepräsentiert, ebenso in den Führungsetagen der Privatwirtschaft. Einzig an den Schweizer Universitäten laufen die Studentinnen den Studenten den Rang ab. Vom in der Verfassung verankerten, aber nie Realität gewordenen Grundsatz«Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» mag man gar nicht mehr reden.

Der Staat schützt ein traditionelles Modell, das geht vom heutigen Erbrecht über das Steuersystem bis zu den Urteilen bei Sorgerechtsfällen.

Das Problem sind die Rollenbilder. Die Schweiz hält in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft trotz Emanzipation der Frau an der klassischen Kleinfamilie fest. So dürfen Frauen heute zwar mittun, sie müssen das sogar angesichts des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels. Wehe aber, sie priorisieren die Arbeit gegenüber der Familie. Der Staat schützt ein überholtes Modell, das geht vom Steuersystem über das Erbrecht bis zu den Urteilen bei Sorgerechtsfällen.

So sind Frauen oft nur so lange gleichberechtigt, bis sie Mutter werden. Dann wird es richtig viel – zu viel für viele. Vorwärtskommen im Beruf, eine gute Mutter sein – statt auch ihre Männer in die Pflicht zu nehmen, schuften sie bis zum Umfallen und kommen doch nicht weiter. Spätestens mit dem zweiten Kind lohnt es sich für viele Familien finanziell nicht mehr, wenn die Frau arbeitet und die Kinder fremdbetreut werden. Warum also nicht gleich zu Hause bleiben? Der heutige Tag der Frau ist Anlass, solche Fragen zu diskutieren. Nicht nur unter Frauen. Um sich von traditionellen Rollenbildern zu lösen, braucht es auch emanzipierte Männer.

Erstellt: 07.03.2019, 22:20 Uhr

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