Endlich eine lesbische Prinzessin

Disneys Helden sollen sich sexuell in alle Richtungen orientieren dürfen, fordert eine Teenagerin. Sie erhält viel Zuspruch und noch mehr Empörung.

Die Forderung: Prinzessin Elsa aus dem Film «Frozen» soll sich in der Fortsetzung in ein Mädchen verlieben. Foto: Twitter

Die Forderung: Prinzessin Elsa aus dem Film «Frozen» soll sich in der Fortsetzung in ein Mädchen verlieben. Foto: Twitter

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Jasmin ist reich, Aladdin ein Strassendieb, Arielle ist eine Meerjungfrau und Eric ein Mensch, Belle ist wunderschön und das Biest furchtbar entstellt. Ob arm, mit Flosse oder monströs: In Disneys Zeichentrickfilmen dürfen auch sehr ungleiche Paare ihre Liebe zelebrieren. Alles ist möglich – solange die Protagonisten heterosexuell sind. Seit 1937 gab es in den bis heute erschienenen 55 abendfüllenden Disney-Filmen noch nie eine homosexuelle Haupt- oder Nebenfigur.

Mit dem Hashtag #GiveElsaAGirlfriend startete die 17-jährige bisexuelle Teenieaktivistin Alexis Isabel Moncada vergangene Woche eine Onlinepetition, die das klassische Liebesverständnis in Disney-Filmen anficht. Ihre Forderung: Elsa, die Prinzessin aus dem Erfolgsfilm «Frozen», soll sich in der Fortsetzung in ein Mädchen verlieben dürfen. «Kinder brauchen Protagonisten, mit denen sie sich identifizieren können», sagt die 17-Jährige und löste ein Lauffeuer auf Twitter aus. Mehrere Hunderttausend Mal wurde der Hashtag verwendet.

Die Unterstützung aus der LGBT-(Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender-)Community ist enorm: «Gebt Elsa eine Freundin, damit LGBT-Kinder wissen, dass mit ihnen alles in Ordnung ist», schreibt ein Twitter-User. «Hätte ich eine homosexuelle Figur in einem Disney-Film gesehen, dann hätte ich mich bei meinem Coming-out nicht so einsam gefühlt», schreibt eine junge Frau. Und: «Eine homosexuelle Disney-Prinzessin hätte mir als Kind geholfen, mich normal zu fühlen.»

Im Gegenzug wehren sich empörte Eltern gegen die Vorstellung einer lesbischen Prinzessin: «Ich muss diese Unterhaltung nicht mit meinem fünfjährigen Kind führen, nur damit sich eine Minderheit besser fühlt», schreibt ein Vater, «solche manipulativen Sachen gehören nicht in Kinderfilme.» Weiter: «Ich würde meinen Töchtern nicht erlauben, den Film zu schauen. Ich bin nicht anti-gay. Ich will nur nicht, dass Hollywood meinen Kindern Sex erklärt.»

Die Aufregung der Eltern ist nicht angebracht. Ihre Überzeugung, dass sie ihre Kinder auf diese Weise vor etwas – in ihren Augen – Bösem beschützen können, ist ein Trugschluss. In Disney-Filmen wird gestohlen, gelogen und gemordet. Ausserdem richten Kinder ihre sexuelle Orientierung nicht nach einem Film, sondern stellen Fragen, sobald etwas nicht in ihr Weltbild passt.

Prinzessin Elsas potenzielle Homosexualität wurde in den Gegenreaktionen absurderweise direkt mit Perversion und Pornografie statt mit aufrichtiger Liebe gleichgestellt. Das ist sicher der falsche Ansatz: Eltern, die gleichgeschlechtliche Beziehungen als Tabu oder als Abartigkeit behandeln, reproduzieren bei ihren Kindern Intoleranz und Unsicherheit.

Immerhin, es gab auch zeitgemässe, neutrale Reaktionen, die forderten, Elsa solle Single und unabhängig bleiben, ihr Charakter sei stark genug. Selbst ist die Prinzessin. Disney hat sich zur Onlinedebatte bisher nicht geäussert. Ob sich das amerikanische Produktionshaus von dieser Bewegung beeinflussen lässt, ist fraglich. Auch wenn sich die Gesellschaften in Europa und Amerika verändern, Homosexuelle vermehrt heiraten dürfen und per Gesetz vor Diskriminierung geschützt werden: Im Kinderfilm soll sich das nicht niederschlagen. Die Empörung wäre zu gross. Die westlichen Gesellschaften scheinen sich nur langsam damit abzufinden, dass das Idealbild der heterosexuellen Liebesbeziehung nicht das einzig Richtige ist.

Vielleicht werden wir in ein paar Jahrzehnten so weit sein. So durfte erst im Jahr 2009 – rund 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei in den USA, 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung und ein Jahr nach dem Einzug von Barack Obama ins Weisse Haus – eine afroamerikanische Prinzessin die Hauptrolle in einem Disney-Film spielen. Dabei verdienen alle Kinder ein Happy End. Oder zumindest die Illusion davon.

Erstellt: 11.05.2016, 23:49 Uhr

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