Zum Hauptinhalt springen

Englands seltsamer Umgang mit Täter-Identitäten

Auf der Insel wird ein 16-Jähriger für den Mord an seiner Lehrerin verurteilt. Medien veröffentlichen daraufhin Name und Fotos des Jugendlichen. Medienprofi Peter Studer erklärt.

ajk
In den britischen Medien wird das Bild nicht verpixelt: Berichterstattung des «Guardian».
In den britischen Medien wird das Bild nicht verpixelt: Berichterstattung des «Guardian».
Screenshot Guardian

In Grossbritannien sorgt ein Gerichtsurteil für Gesprächsstoff: Für einen Mord wird ein 16-jähriger Schüler im nordenglischen Leeds zu 20 Jahren Haft verurteilt. Der Junge war 15, als er seine Lehrerin vor versammelter Mannschaft erstach. Ungewöhnlich an dem Fall – zumindest aus Schweizer Sicht – ist ein späteres Urteil eines britischen Gerichts: Auf einen Antrag britischer Medien hin hob das Gericht Einschränkungen in der Berichterstattung auf. Fortan durften Zeitungen und Fernsehsender den Namen des Täters und Fotos von ihm publizieren.

Die Argumentation des Gerichts überrascht auf den ersten Blick: Den Jugendlichen öffentlich zu zeigen, stehe nicht im Widerspruch mit Artikel 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention, urteilte der Richter. Dieser Artikel sichert das Recht eines jeden Menschen auf Leben. Die Selbstmordgefahr, die bei dem 16-Jährigen bestehe, ändere sich durch die Veröffentlichung nicht.

Namen und Fotos zu veröffentlichen, sei ausserdem als Abschreckung gedacht. Im vorliegenden Fall sei auch das öffentliche Interesse gegeben, fügten die Richter hinzu. Zuvor hatten die Anwälte des Jugendlichen dafür plädiert, seine Identität nicht öffentlich zu machen. Es habe zum einen verheerende Auswirkungen auf die Familie des Täters. Und auch auf das Wohl des Kindes wirke sich eine Veröffentlichung negativ aus.

Rügen für britische Medien

Medienrechtler Peter Studer führt diese Argumentation auf die angelsächsische Rechtstradition zurück. Im Gegensatz zum Schweizer System beziehe man sich in der Rechtsprechung auf «common law», also vorhergehende Urteile, so der ehemalige Präsident des Presserates. «Für die britische Presse gilt keine strikte gesetzliche Regelung wie in der Schweiz.»

Dies sei auch der Grund, warum die britischen Medien die Identität von Straftätern veröffentlichen. Der Europäischen Menschenrechtskonvention sei aber die britische Presse genauso unterstellt, wie dies in der Schweiz der Fall ist. Als höchste Instanz hatte Strassburg britische Medien bereits mehrmals für ihre Praxis gerügt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch