Berner Lehrer schmeisst den Job hin und lebt vom Pokern

Andere gehen ins Büro, Roland Bachmann geht ins Casino. Seit acht Jahren – mit Erfolg. Wie ist sein Leben?

Seit acht Jahren lebt er vom Pokern: Roland Bachmann bei der Arbeit. Foto: Beat Mathys

Seit acht Jahren lebt er vom Pokern: Roland Bachmann bei der Arbeit. Foto: Beat Mathys

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«Sorry, wenn ich wie ein Wasserfall rede. Ich könnte ohne Probleme zehn Stunden über Poker sprechen.» Bisher war es nur eine Stunde, die Roland Bachmann (42) dasass und nonstop über seinen Beruf sprach: Poker. Das wirkte meistens sehr mathematisch, sehr spieltheoretisch, sehr komplex. Und sehr leidenschaftlich.

Seit acht Jahren lebt der Berner vom Pokern. Er lebt gut davon. Zwei Tage pro Woche sitzt er am Pokertisch im Grand Casino Bern, einen Tag trainiert er zu Hause. Ab und zu reist er für ein paar Tage ins Ausland – Paris, Barcelona, Las Vegas –, um dort zu spielen. Den Rest der Zeit schaut er zu seinen Kindern, die zwei Buben sind drei- und einjährig, seine Partnerin arbeitet auch Teilzeit – aber in einem klassischen Beruf, sie ist Ärztin.

Eingestiegen ist Bachmann vor gut zwölf Jahren übers Onlinespielen. «Ich habe 50 Franken einbezahlt und dann immer 5 Franken gesetzt. Ich sagte mir, wenn ich das Geld verspielt habe, höre ich auf. Ich habe das Geld nie verloren.» Seine Erfahrung ist folgende: Die schlechten Spieler verschwinden schnell wieder von der Bildfläche, die guten Spieler aber werden über die Jahre immer besser.

Roland Bachmann ist eigentlich Lehrer. Seinen Beruf hat er vor acht Jahren aufgegeben.

Es sei schwierig, ­mitzuhalten, auch für ihn. Zudem fehle ihm beim Onlinespiel ­etwas: Gefühle und Gespräche. «Jeder spielt anders. Am Pokertisch geht es darum, Menschen einzuschätzen. Wie denkst du? Was denkst du? Warum sitzt du überhaupt hier? Wie geht es dir heute? Bist du euphorisch? Oder frustriert?»

Bachmann ist eigentlich Lehrer. Seinen Beruf hat er vor acht Jahren aufgegeben. «Beim Un­terrichten wiederholte sich irgendwann alles, es wurde zur Routine, beim Pokern lerne ich immer wieder neu hinzu.» Er liest Bücher über Strategien, macht Mentaltraining, hat Computerprogramme, auf denen er Situationen simulieren kann.

«Theoriearbeit ist trocken, aber wenn du sie nicht machst, wirst du abgehängt.» Sie kommt ihm dann am Tisch wieder zugute. «Da muss ich innert Sekunden entscheiden: Bluffen oder nicht? Zu Hause kann ich die Situationen in Ruhe nachspielen und die Varianzen berechnen.»

Kein unmittelbarer Kick, der Spielverlauf ist langsam

Es ist ihm wichtig, dass Pokern nicht mit Glücksspielen gleichgesetzt wird. «Es steckt extrem viel Strategie dahinter.» Vielleicht sei es am ehesten mit dem Lösen eines mathematischen Rätsels zu vergleichen. Auch das kann einen in den Bann ziehen. Obwohl Roland Bachmann bezweifelt, dass Pokern süchtig machen kann.

«Es gibt beim Spielen keinen unmittelbaren Kick wie beim Roulette oder beim Automatenspiel, wo du mit einem Einsatz oder einem Knopfdruck den Jackpot abräumst.» Beim Poker sei der Spielverlauf langsamer, gerade als Anfänger sitze man auch mal nur am Tisch und lege ein fürs ­andere Mal die Karten weg, weil man nicht mithalten könne. Nur einmal habe er einen Süchtigen am Pokertisch erlebt. «Ein richtig schlechter Spieler, der sein Einkommen und sein Vermögen nahezu vorsätzlich verspielt hat.» Gemeinsam mit ­seiner Tochter überzeugten die Stammspieler ihn schliesslich, sich fürs Casino sperren zu ­lassen.

Wie aber sieht ein normaler Arbeitstag bei einem Profipokerspieler aus? Um 19 Uhr, wenn der Pokertisch im Grand Casino Bern öffnet, geht Roland Bachmann zur Arbeit. Kleidung: Casual, hierzulande muss niemand im Anzug zocken. Normalerweise reserviert er seinen Platz vorgängig, denn in Bern gibt es am Tisch nur Platz für neun Personen, wer später kommt, muss warten.

Der Tag des Pokerspielers scheint nicht viel abenteuerlicher als der Tag eines Bürogummis.

Und Bachmann macht das ja nicht zum Spass, er will nicht warten, um zu arbeiten. Obwohl: «Ich bin noch nie arbeiten gegangen, wenn ich keine Lust dazu hatte.» Am Tisch bleibt er sitzen bis Feierabend. Das ist oftmals dann, wenn das Casino schliesst, um 2, 4 oder sogar 5 Uhr morgens. Ab und zu aber auch früher, denn wenn sich die Reihen am Tisch im Laufe des Abends lichten, will nicht jeder mit Bachmann am Tisch bleiben.

Er ist ein Profi, besser als er spielt in Bern im Moment niemand, gleich gut nur die wenigsten. Das fällt aber erst richtig ins Gewicht, wenn nur noch wenige am Tisch sitzen. Dann können die anderen Spieler fast nur noch verlieren. Die anderen, das sind hobbymässige Pokerspieler, «sie wissen, ein Hobby darf auch kosten, Golfspielen kostet ja auch», manchmal auch Studenten, die sich so ihr Studium finanzieren. Praktisch immer sind es Männer.

Spricht man mit Bachmann, klingt der Tag eines Pokerspielers nicht viel abenteuerlicher als der Tag eines Bürogummis. Und auch nicht risikoreicher. Bachmann hat alles genau durchkalkuliert. «Aber es gibt viel Varianz. Du kannst alles richtig machen und trotzdem verlieren. Als Pokerspieler muss dir das egal sein. Es muss dir egal sein, wenn du an einem Abend viel Geld verlierst. Das gehört dazu.»

Setzt Bachmann 2000 Franken, muss er 20'000 Franken in der Rückhand haben.

Er gewinnt dem Verlieren sogar Gutes ab. «Die Schlechteren müssen auch einmal gewinnen, sonst würden sie nicht mehr mitmachen. Und ich hätte keine Gegner mehr.» Er weiss auch, wie viel er höchstens verlieren, wie viel er dementsprechend einsetzen kann. Er setzt nie mehr als ein Zehntel vom Geld, das er insgesamt verlieren könnte.

Setzt er also 2000 Franken, muss er 20'000 Franken in der Rückhand haben. Er könnte so theoretisch zehnmal verlieren und immer noch nicht mittellos dastehen. «Mehr als zehnmal nacheinander verlierst du nicht. Das ist wie beim Münzenwerfen. Es ist möglich, dass du zehnmal hintereinander Kopf wirfst. Aber hundertmal?»

Die Sinnfrage? Die könne man auch anderen stellen

Schon wieder Mathematik. Langsam brummt der Schädel. Doch Roland Bachmann könnte noch lange weitererzählen. Er lebt seinen Traumberuf. Und seine Familie unterstützt ihn. Während des Mutterschaftsurlaubs beim zweiten Kind ging die ganze Familie zwei Monate nach Los Angeles. Dort haben die Casinos 24 Stunden am Tag geöffnet. Am Nachmittag ging Papa arbeiten, den Morgen und den Abend verbrachte er mit der Familie.

«Manchmal wird mir die Sinnfrage gestellt», sagt Bachmann, «aber die kann man auch bei manch anderer Arbeit stellen. Immerhin arbeite ich gerne. Und den Rest meiner Zeit verbringe ich mit meiner Familie.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.06.2018, 19:01 Uhr

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