Er will doch nur spielen

Unser Autor begleitet seinen Sohn an die Gamescom, die grösste Spielemesse der Welt. Ist er danach weniger besorgt?

Faszination der Computerspiele: ein Knabe an der Gamescom in Köln.

Faszination der Computerspiele: ein Knabe an der Gamescom in Köln. Bild: Wolfgang Rattay/Reuters

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Sie hat blaue Haare und trägt schwarz-rot-goldene Hey-guck-mal-Stiefel, die sich fast über die Knie schieben. Gleichzeitig schiebt sich das Röckchen ständig nach oben, so dass sie es immer wieder runterziehen muss. Dabei bringt sie auch den anderthalb Meter langen buschigen Schwanz in Form, der dem Röckchen heckseitig entwächst. Ihr Begleiter, wie sie dürfte er höchstens Anfang zwanzig sein, ist dafür der schwarze Muskel-Lord: schwarze Sneaker, schwarze Jeans, schwarzes Shirt mit dem Aufdruck «Play until you die».

Offenbar fängt die weltweit grösste Computerspielmesse Gamescom schon im Parkhaus an. Das Auto, dem der schwarze Gaminglord und die blaue Gamingkatze an diesem ersten Publikumstag entsteigen, kommt aus Wermelskirchen, knapp vierzig Kilometer nordöstlich von Köln. «Das also», denke ich, «sind die neuen Spielgefährten meines Sohnes.» In weltweit wie verrückt herumgereichten Computerspielen wie etwa «Fortnite».

Mein Sohn, Leonard, 14 Jahre alt, erklärte neulich, er wolle beruflich E-Gamer werden und hätte nicht vor, aus dem Kinderzimmer auszuziehen. Solange das Internet dort funktioniert. Heute findet er jedenfalls eher mich, einen 56-jährigen Nichtgamer, seltsam, als dass er das seltsame Gamerpaar seltsam fände, das sich vor uns zupfenderweise und dunkellordhaft auf die Messehallen zubewegt. Spiele bis du stirbst. So ist das also.

Wollt ihr spielen? Fast eine halbe Million Game-Fans wollten dies. Bild: Reuters

An die 400 000 Besucher, «Gamer» sagt Leonard, genannt Lelo, vielleicht auch demnächst E-Lelo, dazu, sind nach Köln gepilgert. Ins Herz einer Branche, die es mit den nackten Umsätzen der Pornoindustrie und den ikonischen Chiffren der Waffenindustrie aufnehmen kann. Auf der Suche ist man hier nach «Final Fantasy» Teil VII, anderen Cosplayern, neuen Youtubern und E-Sport-Turnieren oder auch nach Spielen, die zum Beispiel einfach «Maneater» heissen. Manche Gamer werden stattdessen Jesus finden, der mit einem Pappschild in der Hand die Massen der Spielenden teilt wie Moses einst das Rote Meer. Auf dem Schild steht, man solle sich Jesus anschliessen. Mir ist nicht klar, ob das ein Spiel ist oder heiliger Ernst.

Überhaupt geht es ziemlich martialisch zu auf dieser Messe, die womöglich nicht jene Messe ist, die Jesus gerne feiern würde.

Während ich noch grüble, ob die Gamescom wohl der Ort ist, den Friedrich Schiller meint, wenn er sagt, dass der Mensch nur dort ganz Mensch ist, «wo er spielt», steckt mir ein Mann, der aussieht, als habe er die längste Zeit seines Lebens als Söldner in diversen Kriegen gelebt, einen 100-Dollar-Schein zu. Es sind «Ork Bucks», die man erhält, sollte man sich als «Trooper Roleplayer» der «Tigerland Action Force» anschliessen. Dann verzieht sich der Söldner wieder unter sein Tarnnetz zum gepanzerten Wagen in Sandfarbe. Überhaupt geht es ziemlich martialisch zu auf dieser Messe, die womöglich nicht jene Messe ist, die Jesus gerne feiern würde. Einer trägt ein Shirt mit der Aufschrift «Ich hasse Menschen». Spricht das eher für oder gegen die Gaming-Community?

Überall, und zwar völlig zu Recht, sind Ohrstöpsel zu haben. Ohrstöpsel und Kartonkisten zum Draufsitzen. Die Schlangen vor den Spieleneuheiten sind lang, zäh und geduldig. «Ab hier eine Stunde Wartezeit» belehrt ein Schild. Dahinter hat es sich eine Gamerin auf dem Boden gemütlich gemacht. Aus einem Beutel zieht sie ein Buch. Es heisst «Das Vermächtnis der Grimms». Schade eigentlich, dass es nicht der unter besorgten Eltern gern herumgereichte Sorgenbestseller «Digitale Demenz» von Manfred Spitzer ist. Untertitel: «Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen».

Aber vielleicht kennt sie es ja. Oder ihre Eltern. Das Mädchen, das hier auf der Messe vielleicht Einlass begehrt zu «Zombie Busters», «Stormborne» oder «Little Nightmares 2», ist dem Aussehen nach noch ein Teen. Der Psychiater und Talkshow-Liebling Spitzer, dessen Thesen bei vielen Wissenschaftlern – freundlich gesagt – auf einigen Widerstand stossen, schreibt über sie, Lelo und andere den gern und oft zitierten Satz: «Computerspiele machen dick, dumm, gewalttätig und stumpfen ab. Als sechsfacher Vater weiss ich, wie schwierig es manchmal sein kann, seinen Kindern Grenzen zu setzen. Wer das aber nicht kann oder nicht will, der ist kein guter Vater und keine gute Mutter.»

Genau das ist der Punkt, also der Grund, warum ich hier bin, in der mir rätselhaften Welt der Gamer. Als dreifacher Vater weiss ich nämlich gerade nicht mehr so recht, ob ich auch nur halbwegs ein guter Vater bin.

Alles aus der Welt der Spiele: Ein Besucher testet die neusten digitalen Autorennen. Bild: Reuters

Zwar haben wir uns als Familie vor dem Messetag noch analog gebattlet und werden den Tag brav vor Gerhard Richters Südfenster im Kölner Dom beschliessen, aber: Sind täglich eine bis anderthalb Stunden vor dem Computer, die unweigerlich aus Lelo ein dickes, dummes, gewalttätiges und stumpfes Monster namens E-Lelo machen müssen (und aus mir einen Vaterversager) des Bösen zu viel? Und was ist das eigentlich für eine Welt, in die sich das angehende Monster so gern versenkt?

Als Familie würde ich, einerseits Gaming-Ignorant, der über «Tetris» kaum hinausgekommen ist und Super-Mario praktisch noch persönlich kennenlernen durfte, der andererseits von etlichen Debatten im Bekanntenkreis sorgenvoll beunruhigt wird, als Familie würde ich uns als relativ normal beschreiben: Die 20-jährige Tochter studiert und liebt Sport in jeder Form ohne «E»; der 17-Jährige macht bald Abitur und weiss noch nicht, ob er später Anwalt oder Fussballexperte werden soll. Und Lelo: liebt Fortnite. Fortnite. Und Fortnite. In dieser Reihenfolge. Daher machen wir uns Sorgen. Obwohl er Fussball und Tennis spielt und ein ganz ordentlicher bis guter Schüler ist.

Die angeblich drohende digitale Demenz macht uns Angst – und zudem: dass man nicht recht weiss, was einen Gamer zum Gamer macht. Daher die Idee und die Hoffnung: Auf der Gamescom unter den Verrückten müsste sich eigentlich manches klären lassen. Zum Beispiel, wie verrückt der eigene Verrückte wirklich ist.

Ein Stöckchen Holz als Gewehr ist akzeptabel? Aber das Ganze in digitaler Ausführung: Horror unser, der du bist im Internet!

Es stimmt schon: Als man vor Jahren an den Stadtrand gezogen ist, an den Waldrand ins sogenannte Grüne, tat man das, weil man dachte, dass in diesem Wald die eigenen Kinder spielen würden wie Analog-Abziehbilder, die aus der eigenen Vergangenheit herüberleuchten in die digitale Gegenwart. Sie würden Lager bauen und Baumhäuser. Sie würden im Matsch herumkneten und mit dem Taschenmesser Pfeil und Bogen aus herumliegenden Hölzern schnitzen. Sie würden tollen und toben statt trollen und gamen und vielleicht mal Cowboy und Indianer spielen (und hoffentlich sich mit Indianern solidarisieren). Und dann? Stellten die Kinder fest, dass es im Wald kein Wlan gibt.

Wenn man Spitzers Buch und andere ernste Mahnungen, die es wundersamerweise auch digital gibt, liest, denkt man bisweilen: Schade, dass die berechtigten und verständlichen Sorgen immer so dermassen apokalyptisch daherkollern müssen, als ginge es darum, einen Fighter aus «Ghost Recon Breakpoint» in den Boden zu rammen. Mit anderen Worten: Die Schneeballschlacht ist okay? Räuber und Gendarm sind in Ordnung? Ein Stöckchen Holz als Gewehr ist akzeptabel? Aber das Ganze in digitaler Ausführung: Horror unser, der du bist im Internet!

Doch auch wenn man sich ganz gut vorstellen kann, dass die «digitale Demenz» zu Zeiten der Buchdruckerfindung vielleicht «analoge Anarchie» geheissen hätte, worin Experten die tendenzielle Vereinsamung (Lesen) sowie die pathologische Veränderung der Hirnströme und der Umblätter-Muskulatur (Buch) sowie eine hinterhältige, bisweilen geisteskranke und jedenfalls gewinnorientierte Branche (Literatur) angeklagt hätten: Es bleibt doch ein Unwohlsein angesichts der fremden Welten, in die die Kinder eintauchen.

Aber ist das nicht auch die Lösung: Ist nicht gerade die Gamer-Zone als eine mir rätselhafte und fremde Welt genau deshalb so interessant für meinen Sohn, weil es eben eine Welt für ihn ist? Weil darin bei aller geschätzten Familien-Inklusion ein exkludierendes Moment wie ein sagenhafter Schatz verborgen ist. Vielleicht ist die Gamescom auch deshalb voller Nerds, weil die Nichtnerds sich so gern mokieren über sie. Weil das Digitale für die digitalen Ureinwohner auch eine Bastion ist und sein darf, die vor Überfremdung zu schützen ist. Weil es letztlich um Identitäten geht.

Wenn daran nicht alles falsch ist, gibt es allerdings nur einen Ausweg: Man muss seinem Kind vertrauen können. Vertrauen darauf, dass es zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Vertrauen darauf, dass es pathologischen Auswüchsen, die es überall gibt, mit sicheren Instinkten widersteht. Und man selbst wird was tun? Man wird sich weiter sorgen, weil das zum Vater-Job gehört. Und manchmal wird man sich erstaunt die rätselhafte Gamersphäre angucken.

So wie man sich staunend Gerhard Richters rätselhaftes Südfenster im Kölner Dom betrachtet. Der Sohn sagt: «Sieht aus wie Pixel.» Ist es auch, das Bild aus Farbe und Genie verdankt sich – auch! – dem Zufallsgenerator im Computer. Die Welt ist – auch! – eine digitale Welt. Und das Spielen ist – auch! – ein digitales Spielen.

Übrigens: Jesus geht gerade vorbei. Ich folge ihm und gelange in die Retro-Abteilung, wo an flipper grossen Geräten Tetris gespielt werden kann. Ach, herrlich. Und klar: Man muss sich sorgen. Absolut.

Erstellt: 27.08.2019, 17:19 Uhr

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