«Er wollte die Pornos in echt ausprobieren»

Ein Bub, der seinen Bruder missbraucht, eine Mutter, die ihr Kind schlägt: Therapeutin Kirstin Dawin sagt, was Eltern gegen Gewalt in der Familie tun können.

Für die ganze Familie eine riesige Erschütterung: Missbrauch unter Geschwistern. Foto: Getty Images

Für die ganze Familie eine riesige Erschütterung: Missbrauch unter Geschwistern. Foto: Getty Images

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Kinder grosszuziehen sei der anspruchsvollste Job, den man machen könne, sagt die Familientherapeutin Kirstin Dawin. Nirgendwo sonst komme man so sehr an seine persönlichen Grenzen. Die Leiterin des Kinderschutzzentrums München ist immer wieder mit Gewalt konfrontiert, mit Eltern, die ihre Kinder schlagen, aber auch mit Geschwistern, die sich gegenseitig verletzen oder missbrauchen. Die Expertin gibt Ratschläge, wie Familien solche Probleme in den Griff bekommen können.

Wie gut schützt unsere Gesellschaft Kinder vor Gewalt?
Kirstin Dawin: In mancher Hinsicht zunehmend besser. Kinder kennen ihre Rechte heute viel besser als vor 40 Jahren, weil schon in Schulen und Kindergärten darüber gesprochen wird. Sie wissen, dass sie nicht geschlagen werden dürfen, dass sie ein Recht auf Spiel und auf Privatsphäre haben. Es gibt mehr Orte, an denen Familien Hilfe bekommen. Trotzdem gibt es auch in reichen Regionen Belastungen, die dazu führen können, dass Eltern überfordert sind, schreien, hauen oder sich nicht gut um ihre Kinder kümmern können.

Was belastet Familien?
Dass oft beide Eltern viel arbeiten, um ihre Familie zu finanzieren. Sie stehen unter hohem Druck, um die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen. Und Kinder können sehr anstrengend sein, sich trotzig verhalten, toben, selber überfordert oder krank sein. Je belasteter Familien sind, umso grösser ist die Gefahr, dass sich Gewalt als Lösung etabliert. Eltern kommen oft nicht dazu, über ihre Situation nachzudenken. Festzustellen: Heute habe ich mein Kind angeschrien, das wollte ich nicht.

«Kinder bringen einen an die Grenze, das kennt jeder»: Familientherapeutin Kirstin Dawin. Foto: Stephan Rumpf

Wenn ich das merke, was soll ich dann tun?
Erst mal eine Pause machen. Kinder bringen einen an die Grenze, das kennt jeder. Runterkommen, durchatmen. Abwarten, bis mir wieder was anderes einfällt, als das Kind anzubrüllen. Wenn man zu zweit ist, kann vielleicht der andere übernehmen.

Und wenn ich doch gebrüllt habe?
Wenn ich mal laut geworden bin, kann ich das reparieren. Man kann zu seinem Kind gehen und sagen, das war nicht in Ordnung von mir, das tut mir leid. Damit ist man ein wichtiges Vorbild: Ich kann mich entschuldigen und stehe zu meinen Fehlern. Es ist natürlich wichtig, dass ich das nicht immer wieder mache, sonst nimmt mich mein Kind nicht mehr ernst.

Wann sollten Eltern sich Hilfe holen?
Wenn Eltern wiederholt schreien, mit Türen schlagen oder ihr Kind beschimpfen. Wenn ihnen die Hand ausrutscht und sie merken, sie haben sich nicht mehr unter Kontrolle. Dann ist es gut, Hilfe zu holen. Um zu gucken, wie kommt es dazu? Was belastet uns als Familie? Und was könnten wir ändern? Sinnvoll ist es auch, sich Strategien für solche Situationen zu überlegen. Ich mach mir dann zum Beispiel einen Tee. Das gibt mir ein paar Minuten Pause.

«Es gibt Eltern, die installieren Kameras. Aber das funktioniert nicht.»

Ein Thema einer Fachkonferenz ist sexuelle Gewalt unter Geschwistern. Wie oft kommt das vor?
Bei uns kommen zunehmend häufig Familien, wo das vorgekommen ist. Und es ist für alle schwierig, damit umzugehen. Die Eltern sind in einem Loyalitätskonflikt, sie lieben ja beide Kinder. Ausserdem schämen sie sich, fühlen sich schuldig. Sie wollen nicht, dass ein Kind aus der Familie genommen wird. Man muss die Kinder aber zumindest für eine Zeit lang voneinander trennen, sonst gehen die Übergriffe weiter. Wir haben Eltern, die schieben nachts Wache vor den Kinderzimmern oder installieren Kameras. Aber das funktioniert nicht.

Wie kann es dazu kommen, dass ein Kind seinen Bruder oder seine Schwester missbraucht?
Das hat unterschiedliche Ursachen. Kinder und Jugendliche haben permanent Zugang zu digitalen Medien. Schon Kinder sehen Pornos, weil die Handys nicht geschützt sind. Die Grösseren zeigen das den Kleineren. Da kann eine sexuell aufgeladene Atmosphäre entstehen, das grosse Geschwisterkind animiert das Kleinere, das auszuprobieren. Oder das Kind erfährt selbst sexuelle Gewalt und wird zum Täter. In einem Fall hat ein Junge zwei Jahre lang seinen kleineren Bruder missbraucht, ohne dass die Eltern etwas gemerkt haben. Die waren sehr betroffen, als der Jüngere sich anvertraut hat.

«Es wäre schön, wenn ein Vater seinen Sohn fragen kann, ob er Pornos guckt und wie er die findet.»

Wie alt waren die Kinder?
Der Ältere war 13 Jahre alt, der jüngere elf Jahre. Der Ältere hat gesagt, er habe sich in dieser Zeit täglich zwei bis drei Stunden mit Pornos beschäftigt. Er hat viel onaniert, aber er wollte das auch in echt ausprobieren. Ein anderer Junge, 17 Jahre alt, hat seine Schwester missbraucht. Auch da haben Pornos eine grosse Rolle gespielt.

Wie können Eltern so etwas verhindern?
Es ist gut, wenn Eltern dafür sorgen, dass Handys kindersicher sind, Kinder an bestimmte Inhalte nicht rankommen. Wenn Jugendliche mit 16 Pornos angucken, ist das was anderes. Die Frage ist nur, in welcher Menge. Und es wäre schön, wenn Eltern das mit ihren jugendlichen Kindern besprechen können. Wenn ein Vater seinen Sohn fragen kann, ob er Pornos guckt und wie er die findet. Dass er ihm erklärt, was Sexualität in der realen Welt ist. Dass das nicht so funktioniert wie in Pornofilmen.

«Spätestens mit sechs Jahren sollten Kinder wissen, was Sexualität ist.»

Was tun Sie, wenn eine Familie zu Ihnen kommt, in der es sexuelle Gewalt gibt?
Zuerst müssen wir sicherstellen, dass das Kind vor weiteren Übergriffen geschützt ist. Für eine Familie ist so etwas eine riesige Erschütterung. Wir unterstützen sie Schritt für Schritt. Vor ein paar Tagen kam eine Mutter zu uns. Ihr sechsjähriges Kind hat ihr erzählt, dass der Papa sie anfasst an der Scheide und dass sie das blöd findet. Die Mutter glaubte ihrer Tochter. Und sie sagte: Hoffentlich vergisst mein Kind das.

Und, wird es das?
Nein, das wird es wohl nicht. Es ist wichtig, dass Kinder das gut verarbeiten. Dazu gehört, mit ihnen darüber zu sprechen und für alle Gefühle offen zu sein.

«Ein offenes Klimas schafft man, indem man auch über unangenehme Gefühle redet.»

Wie können Eltern sexuelle Gewalt in der Familie verhindern?
Sie können regelmässig mit ihrem Kind reden und es auch aufklären. Spätestens mit sechs Jahren sollten Kinder wissen, was Sexualität ist. Sie sollten wissen: Mein Körper gehört mir, ich darf Nein sagen und es gibt Situationen, in denen ich mir Hilfe holen sollte. Auch ein offenes Klima in Familien ist wichtig.

Wie schafft man so ein Klima?
Indem man auch über unangenehme Gefühle redet. Ein Beispiel: Ein Kind sagt, es ist traurig, weil ein anderes Kind im Kindergarten heute nicht mit ihm gespielt hat. Erwachsene sagen dann oft: Ist doch nicht so schlimm. Diese Antwort signalisiert dem Kind, dass man sein Gefühl nicht ernst nimmt. Besser wäre es, sich Zeit zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Es auszuhalten, dass mein Kind traurig ist und das nicht wegzuwischen. Und das Kind zu trösten, wenn es das möchte.

Erstellt: 24.05.2019, 19:58 Uhr

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