«Ernährung beschäftigt uns mehr denn je»

Weshalb es sinnvoll ist, wenn Lehrer Ernährungstipps geben: Barbara Schäfli vom Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welches ist der beste Znüni? Kindergärtler in Basel.

Welches ist der beste Znüni? Kindergärtler in Basel. Bild: Keystone

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Frau Schäfli, schon zu meiner Schulzeit wurde das Bananenverbot im Kindergarten unter Eltern heftig diskutiert. Ernährungstipps in der Schule werden offenbar noch immer als ein Eingriff in die Privatsphäre wahrgenommen.
Die Schule hat klar einen erzieherischen Auftrag. Schülerinnen und Schüler sollen einen achtsamen Umgang mit sich selber und der Umwelt lernen, kritische und selbstständige Bürgerinnen und Bürger werden. In der Gesundheitsförderung geht es nicht um Dogmatik, sondern um das Vermitteln von Wissen. Aber klar, wir befinden uns hier an einer heiklen Schnittstelle: Es ist schlussendlich in der Verantwortung der Eltern, was sie den Kindern zum Znüni mitgeben.

Weshalb sind Gesundheit und Ernährung als Schulstoff notwendig?
Gesundheit, Ernährung und Konsum beschäftigen unsere Gesellschaft mehr denn je. Es macht also Sinn, in Schulen darüber zu sprechen: Kinder und Jugendliche sollen die Fähigkeit erlernen, sich kritisch mit diesen Themen auseinandersetzen zu können.

Wie erreicht man das?
Im neuen Lehrplan 21 sind diese Themen in den Fächern Natur, Mensch,Gesellschaft (NMG) und Wirtschaft, Arbeit, Haushalt (WAH) vorgesehen. Die Leitidee ist folgende: Kinder und Jugendliche sollen selber die Kompetenzen entwickeln, um Entscheidungen für ihr Leben fällen zu können. Die Schüler lernen verschiedene Nahrungsmittel kennen, tauschen sich über Essgewohnheiten aus. Wichtig ist, auf den Erfahrungen der Kinder aufzubauen.

Als Konsument ist man heute auch mit Fragen der Herkunft und Nachhaltigkeit konfrontiert.
Das Thema ist tatsächlich komplexer geworden. Unser Ziel ist es deshalb auch, Gesundheit und Ernährung explizit in einen weiteren Zusammenhang zu bringen. Im Unterricht werden Fragen beleuchtet wie regionale, ökologische und faire Produktion; oder Budgetfragen und Probleme wie die Verpackung von Lebensmitteln. Schliesslich geht es auch darum, Kindern den Umgang mit der heutigen Informationsflut zu vermitteln.

Simone Suter von der PH Bern kritisiert, dass Lehrkräfte Gesundheit zu oft als persönliche Leistung darstellen. Ist die Kritik gerechtfertigt?
Diese Kritik darf man nicht ganz ausblenden. In unserer Gesellschaft wird die Gesundheit leider generell von vielen Menschen oft und schnell auf das persönliche Verhalten reduziert. Uns geht es aber immer auch um das Umfeld: Wir wollen Rahmenbedingungen schaffen, damit Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrpersonen und Schulleitungen gesund sind und gute Leistungen erbringen können. Dazu gehören eben nicht nur die Ernährung, sondern auch Schulklima, Gewaltprävention oder ein bewegungsfreundlicher Unterricht.

Kritisiert wird auch, dass der Fokus auf gesunde Ernährung schnell Unterschichtenfamilien und Kinder mit Migrationshintergrund diskriminiert. Besteht diese Gefahr?
Ich glaube, das ist eine Überspitzung. Insbesondere im urbanen Raum ist die Lehrerschaft auf solche Themen sensibilisiert; Unterlagen zu gesunder Ernährung sind immer öfter auch in verschiedenen Sprachen erhältlich. Zudem gibt es Projekte, die zu einer besseren Integration von Familien mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Kreisen beitragen. In Bern Wittigkofen offeriert die Schule zum Beispiel regelmässig Quartals-Znünis für Schüler und ihre Eltern. Diese bieten gute Gelegenheiten für den Austausch.

Ernährung steht heute auch im Zusammenhang mit Körperbildern. Wie können Schulen an dieses Thema herangehen?
Hier sind wir wieder bei der Förderung von Lebenskompetenzen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, wie sie ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln können. Dazu gehören das Bewältigen von Stress, der Umgang mit Gefühlen und die Pflege von Beziehungen. Das sind wichtige Fundamente für ein gesundes und positives Körperbild. Wenn diese Kompetenzen gestärkt sind, kann ein junger Mensch auch Schönheitsideale oder Geschlechterrollen hinterfragen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2017, 18:44 Uhr

Barbara Schäfli ist Leiterin Bereich Schule beim Schulnetz 21. (Bild: zvg)

Das Schulnetz21

Schulnetz 21 ist das schweizerische Netzwerk gesundheitsfördernder und nachhaltiger
Schulen. Es besteht aus rund 1800 Schulen in der ganzen Schweiz. Unterstützt werden Schulen, die sich als Lern-, Lebens- und Arbeitsraum gesundheitsförderlich und
nachhaltig entwickeln wollen. Es bietet Dienstleistungen an für kantonale Netzwerk- und Mitgliedschulen.

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