Erster Einsatz für den Schweizer Staatstrojaner

Seit einigen Jahren erleben wir einen Boom der Elektrozigaretten. Jetzt muss die Politik eingreifen.

Sind neuerdings überall - und immer noch überflüssig: Elektrozigaretten.

Sind neuerdings überall - und immer noch überflüssig: Elektrozigaretten. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Eigentlich gab es ja schon immer sehr viele gute und objektiv stichhaltige Gründe, warum Elektrozigaretten des Teufels sind. Angefangen bei der albernen Erklärung, dass E-Zigaretten das Rauchen viel gesünder und vielfältiger machen, weil man nun mit geringerem Krebsrisiko zum Beispiel einen Orangengeschmack inhalieren kann. Oder einen Hanfduft – ganz ohne davon high zu werden!

Womit eigentlich schon immer allen klar war, dass man mit den E-Zigaretten etwas völlig Überflüssiges erfunden hatte. Und dass man damit unnötigerweise eine alte Kulturtechnik konkurrenziert, die selbst überzeugte Nichtraucher erhaltenswert finden müssen: «Wer raucht, sieht kaltblütig aus», pflegte meine Grossmutter zu sagen, die kürzlich nach etwas mehr als 70 Jahren zufriedener Kundschaft beim Marlboro-Konzern ins Jenseits wechselte, nachdem sie im Pflegeheim nicht mehr rauchen durfte (so zumindest meine Erklärung, die medizinisch und was die Wirklichkeit anbelangt, vielleicht nicht ganz korrekt ist). Denn darum geht es ja bekanntlich beim Rauchen: Um die glamouröse Verachtung jeglicher Todesangst. Wozu also gesunde Elektrozigaretten, die überdies auch noch enorm hässlich aussehen?

So überflüssig wie das Burka-Verbot

Obwohl man also schon immer wusste, dass Elektrozigaretten so entbehrlich sind wie das Burka-Verbot, waren sie noch nie ein Thema für die Politik. Bis sich in jüngster Zeit die Meldungen häuften, dass die Elektro-Dinger in Handtaschen, Hosensäcken oder im Gesicht von Rauchern explodieren können. Die Schweizer Parteien von links bis rechts waren sich denn auch relativ rasch einig, dass man nun handeln müsse. Zwar habe man mit anderen Bedrohungsszenarien gerechnet, als man am vergangenen Wochenende über die neuen Möglichkeiten für den Nachrichtendienst abstimmen liess: Islamismus, Terrorismus, die Weltherrschaft der Katzenvideos und zu viel Humor im Internet. Aber nachdem bekannt wurde, dass man Elektroautos wie den Tesla hacken und fernsteuern kann, wusste man, wo die Schweizer Gesellschaft am verletzbarsten war: bei der wachsenden Zahl der E-Zigaretten-Raucher, von denen ein jeder zum ferngesteuerten Sprengsatz eines Terroristen werden kann!

Aus Gründen der Vernunft kamen die Parteien denn auch einstimmig zum Schluss, dass man nun alle Elektrozigaretten mithilfe des neuen Staatstrojaners unschädlich machen muss. Was dann auch gelang, nachdem man einige Mittelschüler gefunden hatte, die der Schweizer Armee erklären konnten, wie man einen Windows-Computer hochfährt. Am Ende dauerte es denn auch nicht allzu lange, bis man alle Elektrozigaretten eingesammelt und auf das Rütli verbracht hatte, wo man sie zusammen mit den E-Bikes des ganzen Landes sowie dem Tesla eines Schweizer Radiopioniers (sicher ist sicher!) kontrolliert zur Explosion brachte, während Gölä auf Wunsch der SVP die Schweizer Nationalhymne sang.

Es war dennoch ein erhebender Abend, weil man eigens einige Schönheiten aus Paris eingeflogen hatte, die im Widerschein des Nachfeuers ihre herkömmlichen Zigaretten rauchten. Der Befreiungsschlag, mit dem die Schweiz das Joch der überflüssigen Elektro-Erfindungen abwarf, wurde auch noch Jahrhunderte später gefeiert, als ein Historiker herausgefunden hatte, dass Gölä ein Cyborg war, dem mehrere wichtige Updates fehlten: als Beginn einer ästhetischen Kulturrevolution, die Epoche machte. Denn keine Gesellschaft ist so frei wie jene, in der zumindest einige dem Tod mit glamouröser Verachtung die Stirne bieten. Wie die Raucher von herkömmlichen Zigaretten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2016, 17:17 Uhr

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