Erziehung ist reine Nervensache

Die elf besten, hilfreichsten und lustigsten Bücher für Eltern, die auch in schwierigen Momenten möglichst souverän bleiben wollen.

Bunte Angelegenheit: Kinder amüsieren sich in der Kindertagesstätte Taka-Tuka mit hautverträglichen Farbstiften. Bild: Keystone/Alessandro della Valle

Bunte Angelegenheit: Kinder amüsieren sich in der Kindertagesstätte Taka-Tuka mit hautverträglichen Farbstiften. Bild: Keystone/Alessandro della Valle

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Pucken Sie Ihr Baby!

Bücher für werdende Eltern gibt es unzählige. Das Problem: Oft wird einem schwindlig ob der vielen Regeln, die man befolgen sollte. Die Neugeborenen-Pflegerin Erika Wüchner vertritt kein bestimmtes Konzept, sondern stützt sich ausschliesslich auf ihre Erfahrung. Sie hat schon zahlreichen Prominenten geholfen, die ersten Monate mit einem Baby zu überstehen. Namen darf sie leider keine nennen. Aber dass ihre Tipps Gold wert sind, weil lebensnah und praktisch, das merkt man sofort. Zum Beispiel erklärt die Autorin, wie man ein schreiendes Baby beruhigen kann: Selber ruhig bleiben, verschiedene Trageweisen ausprobieren, diese immer eine gewisse Zeit beibehalten, nicht hektisch von einer zur anderen wechseln. Manche Kinder mögen es auch, wenn man sie puckt. Noch nie gehört? Eben! Es handelt sich um eine althergebrachte Methode, ein Kind eng in ein Tuch zu wickeln. Bei Erika Wüchner klingt alles sehr einfach und logisch. Allen Eltern, die keine Ahnung von der Pflege von Neugeborenen haben, tut das Buch nur schon deshalb gut. Vielleicht ist die Umsetzung in der Praxis dann nicht ganz so problemlos, aber immerhin hat man ein paar Ideen, wie man die unterschiedlichsten Situationen handhaben könnte.

Für wen: Alle, die noch nie ein Baby im Arm hatten und demnächst Eltern werden.

«Die ersten 100 Tage mit dem Baby. Das praktische Wissen aus über 25 Jahren Erfahrung – Tag und Nacht»,
Erika Wüchner, Fischer-Verlag, 304 S., ca. 12 Fr.

Gegen den Förderwahn

Viele Eltern fühlen sich unter Druck, weil sie glauben, es hänge vor allem von ihnen ab, ob ihre Kinder später im Leben Erfolg haben oder nicht. Deshalb fördern sie ihren Nachwuchs auf Teufel komm raus. Dieses Buch ist ein Pamphlet gegen diesen Wahn. Autorin Margrit Stamm meint, Eltern – vor allem Mütter – sollten aus der «Perfektionsspirale» herauskommen. Statt Rezepte von Erziehungsexperten zu befolgen, sollten sie sich bewusst machen, welche Werte sie vertreten, und dann vermehrt ihrer Intuition vertrauen. Die Schweizer Erziehungswissenschafterin ist überzeugt, dass nicht nur die Eltern profitieren, wenn sie lockerer werden und ihr Kind mehr spielen lassen, sondern dass so auch die Mädchen und Buben selbstständiger und selbstbewusster werden. Damit ruft Stamm in Erinnerung, was die meisten im Grunde bereits wissen –, und untermauert es mit wissenschaftlichen Fakten.

Für wen: Eltern, die ihr Kind zwar fördern, aber nicht überfordern wollen.

«Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht»,
Margrit Stamm, Piper-Verlag, 288 S., ca. 15 Fr.

So ticken Kinder

Kleine Kinder sind seltsam. Sie wollen nicht einschlafen, auch wenn sie sehr müde sind. Sie weigern sich, irgendetwas mit Vitaminen zu essen. Sie flippen aus, wenn Mami oder Papi ihnen verbieten, auf die Strasse zu rennen. Der deutsche Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, weshalb diese Verhaltensweisen aus evolutionsbiologischer Sicht Sinn ergeben: Ein allein schlafendes Kind wäre früher von Wölfen gefressen worden. Süsse Nahrungsmittel sind in der Regel nicht giftig, Grünzeugs möglicherweise schon. Und die Trotzphase gibt es in allen Kulturen. Sie muss also eine wichtige Funktion haben. Dieses Wissen macht den Alltag nicht einfacher, aber es hilft, gelassener zu bleiben.

Für wen: Eltern, die keine Ratschläge wollen, sondern ihr Kind besser verstehen möchten.

«Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt»,
Herbert Renz-Polster, Kösel-Verlag, 511 S., ca. 25 Fr.

Raus aus dem Hamsterrad

Julia Dibbern und Nicola Schmidt verteufeln weder das Smartphone noch Vollzeitjobs oder das Stadtleben. Ein stressfreies Familien- ­leben, schreiben die Autorinnen, ist auch im digitalen Zeitalter möglich. Bullerbü ist überall! Und das geht so: Die To-do-Liste um alles kürzen, das nicht unbedingt ­nötig ist. Sich Gleichgesinnte suchen, die einen unterstützen. Sich Zeit nehmen, einen vorbeiflatternden Schmetterling zu bewundern. Eltern, entspannt euch, weniger ist mehr! Kinder werden nicht krank, wenn sie mal zwei Wochen lang nicht gebadet wurden. Die Welt geht auch nicht unter, wenn man ein paar Minuten zu spät ins Kasperlitheater kommt. Stimmt eigentlich.

Für wen: Eltern, die aufhören wollen, durch den Alltag zu hetzen.

«Slow Family. Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern»,
Julia Dibbern und Nicola Schmidt, Beltz-Verlag, 240 S., ca. 25 Fr.

Damit der Humor nicht verloren geht

Das Wort «Erziehungsberater» im Titel dieses Büchleins führt in die Irre. Es enthält keinen einzigen Tipp, sondern 34 amüsante Anekdoten aus dem Leben des Autors mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Keinem anderen dürfte es gelingen, so charmant über den typischen Familienwahnsinn zu schreiben, wie dem deutschen Schriftsteller und Journalisten Axel Hacke. Bei ihm fühlen sich Eltern so richtig verstanden: Hacke bringt auf den Punkt, wie wunderbar und schrecklich zugleich der Alltag mit Kindern manchmal ist. Dabei räumt er stets ein, dass er selber auch nicht weiss, wie es einfacher und nervenschonender ginge. Das tröstet über schlechte Phasen hinweg und macht Lust auf neue absurde Erlebnisse.

Für wen: Mütter und Väter, die wieder mal richtig laut herauslachen möchten. Hier erfahren sie, dass es anderen auch nicht besser ergeht als ihnen.

«Der kleine Erziehungsberater»,
Axel Hacke, Verlag Antje Kunstmann, 91 S., ca. 15 Fr.

So funktioniert Patchwork

Wer unsicher ist, wie er seine Patchwork-Familie gestalten oder schwelende Konflikte angehen soll, bekommt in diesem Buch zahlreiche Anregungen. Jesper Juul, «der berühmteste Familientherapeut Europas» («Die Zeit»), spricht dabei konsequent von «Bonuseltern» statt von «Stiefeltern». Das klingt nach Schönfärberei, doch der 70-Jährige bleibt wie immer pragmatisch. Zuerst einmal, so schreibt Juul, solle man sich klarwerden, wie man zu den Kindern seines Partners stehe. Sieht man sie als Bereicherung oder als notwendiges Übel? Dann müsse man herausfinden, wie die Vorstellungen des oder der Liebsten aussehen. Anhand der Antworten können «Bonuseltern» ihre Beziehung zum «Bonuskind» entwickeln. Für einmal wird der dänische Familientherapeut auch ganz konkret: Er listet mögliche Einstiege in ein Gespräch mit dem Kind des Partners auf. Das ist alles wohltuend unaufgeregt.

Für wen: Alle, die sich in jemanden verlieben, der bereits Kinder hat.

«Aus Stiefeltern werden Bonuseltern. Chancen und Herausforderungen für Patchwork-Familien»,
Jesper Juul, Beltz-Verlag, 128 S., ca. 14 Fr.

Wenn es zur Trennung kommt

Wer eine Familie gründet, hofft natürlich, dass die Beziehung zum Partner hält. Doch für alle, bei denen es nicht klappt, hält dieses Buch viele praktische und rechtliche Tipps bereit. Die Schweizer Soziologin Margret Bürgisser informiert einerseits über das aktuelle Sorgerecht, das seit 2014 gilt. Andererseits erklärt sie Eltern, was eine Scheidung für die Kinder bedeutet, und zeigt auf, wie Mütter und Väter dafür sorgen können, dass der Paarkonflikt diese nicht zu sehr belastet. Die Autorin hat dafür rund ein Dutzend Experten befragt. Abgerundet wird das Buch mit zehn Porträts von getrennten oder geschiedenen Elternpaaren. Diese erzählen, wie sie einvernehmlich für die gemeinsamen Kinder sorgen. Im Anhang finden sich zudem zahlreiche Notrufnummern sowie Kontakte zu Beratungsstellen und Hilfsangeboten. Kurz: Dieses Buch beleuchtet das Thema von allen Seiten.

Für wen: Für Eltern, die daran denken, sich zu trennen, oder die bereits in Trennung sind. In keinem anderen Buch finden sie mehr Informationen zur Situation und den Angeboten in der Schweiz.

«Gemeinsam Eltern bleiben – trotz Trennung oder Scheidung. Mit Informationen zum neuen Sorgerecht»,
Margret Bürgisser, Hep-Verlag, 288 S., ca. 40 Fr.

Wenn in der Pubertät gar nichts mehr geht

Wenn in der Pubertät jede Konfrontation zu eskalieren droht, ist es Zeit für das Konzept des «gewaltlosen Widerstands». Die Methode orientiert sich an Mahatma Gandhi: Eltern sollen in der Sache hartnäckig bleiben, aber nicht selber zum Aggressor werden. Zum Beispiel an der Party auftauchen, zu welcher der Jugendliche unerlaubt gegangen ist. Aber sie sollen ihn nicht wegzerren, sondern draussen auf ihn warten. Um zu signalisieren: Wir sind da und wir geben nicht auf.

Für wen: Eltern von Teenagern, die Eskalationen vermeiden, aber an Grundsätzen festhalten wollen.

«Autorität durch Beziehung – Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung»,
Haim Omer und Arist von Schlippe, Vandenhoeck & Ruprecht, 262 S., ca. 28 Fr.

Der Klassiker

Der Bestseller des Zürcher Kinderarztes Remo Largo ist auch 25 Jahre nach der Ersterscheinung topaktuell. Largo gibt keine Tipps, sondern zeigt nüchtern auf, wie sich Kinder von Natur aus entwickeln und was durch Erziehung überhaupt beeinflussbar ist. Er beruhigt Eltern, deren Kind mit 15 Monaten noch nicht läuft oder das mit vier Jahren noch eine Windel braucht: Alles normal! Die Unterschiede zwischen Gleichaltrigen können sehr gross sein, das zeigen die wissenschaftlich fundierten Grafiken eindrücklich. Remo Largo gibt den Eltern das Vertrauen, dass es schon gut kommt.

Für wen: Alle. An diesem Klassiker kommt keine Mutter und kein Vater vorbei.

«Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren»,
Remo Largo, Piper, 576 S., ca. 20 Fr.

Ausgetrickst

Das Kind sträubt sich mal wieder gegen unbekanntes Essen? ­Dabei weiss man doch, dass es bis zu 15 Mal etwas probieren muss, bis es sich an den Geschmack gewöhnt hat! Die ­Lösung von Ute Glaser ist simpel: Man gibt dem Kind ein Probiererli – und wenn es das Sauerkraut wirklich nicht mag, darf es den Bissen sogar ausspucken. Die «Eltern-Trickkiste» ist ein Nachschlagewerk, in dem es um typische Kon­flikte wie Zubettgehen, Haarewaschen oder Tischmanieren geht. Praktisch und alltagsnah.

Für wen: Eltern, die handfeste Tipps für konkrete Situationen suchen.

«Die Eltern-Trickkiste – So bekommen Sie Zahnputzverweigerer, Gemüseverächter und alle anderen Widerständler spielend in den Griff»,
Ute Glaser, GU-Verlag, 192 S., ca. 24 Fr.

Konfliktlösung ohne Machtausübung

Die «Familienkonferenz» ist mehr als ein millionenfach verkaufter Bestseller. Das Gordon-Modell wird rund um den Globus in Kursen gelehrt – auch in der Schweiz. Herzstück des Modells ist die «niederlagelose Konfliktbewältigung». Es geht darum, in Auseinandersetzungen gemeinsam mit dem Kind eine Lösung zu finden, die allen zusagt. Eltern können ihre Autorität behalten, ohne ihre Macht auszuspielen. Das ist einfacher gesagt als getan. Deshalb ist das Buch so dick. Doch es lohnt sich.

Für wen: Eltern, die sich vertieft mit Konfliktlösungen ohne Gewinner und Verlierer auseinandersetzen möchten.

«Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind»,
Thomas Gordon, Heyne-Verlag, 384 S., ca. 14 Fr.

Erstellt: 28.04.2018, 17:30 Uhr

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