«Der Brand in London ist eine Folge der obszönen Ungleichheit»

Der indische Autor Pankaj Mishra erklärt, wo die grosse Wut vieler Bürger herkommt. Und weshalb ihn der britische Labour-Erfolg hoffen lässt.

«Drei Jahrzehnte Bereicherung und Egoismus haben zum Feuer im Londoner Hochhaus beigetragen»: Pankaj Mishra. Foto: Harry Borden (Getty Images)

«Drei Jahrzehnte Bereicherung und Egoismus haben zum Feuer im Londoner Hochhaus beigetragen»: Pankaj Mishra. Foto: Harry Borden (Getty Images)

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Die «Washington Post» nannte den Brand im Londoner Grenfell Tower ein Symptom für die Krise der westlichen Demokratie, weil die sich nicht mehr um die Armen kümmere.
Ich denke, diese Tragödie, eher eine Abscheulichkeit, demonstriert die geradezu obszöne Ungleichheit im Vereinigten Königreich. Wie sehr der öffentliche Dienst outgesourct, vermarktet und kommerzialisiert wurde. Das hat sich aus einer seit 30 Jahren dominierenden Haltung ergeben, welche die Gesellschaft als eine Ansammlung selbstbezogener Einzelfiguren versteht. «Es gibt so etwas wie die Gesellschaft gar nicht», sagte Margaret Thatcher. Jetzt ernten wir die bittere Frucht dieser Saat. Der Brand im Hochhaus von Kensington macht vor, was das Land alles eingebüsst hat, das nach dem Zweiten Weltkrieg einen der besten Sozialstaaten aufgebaut hatte. England hat so viele Regelungen abgeschafft, die Gesundheit und Sicherheit garantierten – und man tat es aus ideologischen Motiven.

Sie leben abwechselnd in London und in einem kleinen Ort am Fuss des Himalaja. Was geht in Ihnen jeweils vor, wenn Sie in Ihre Heimat zurückkehren?
Das sind natürlich zwei komplett verschiedene Realitäten, beide durch eine lange Geschichte geformt. Im einen Fall ist es eine ländliche Gemeinschaft mit gemeinsamen Bräuchen und Traditionen, bestimmt von der Landwirtschaft. Im anderen handelt es sich um eine imperiale Metropole, in verschiedener Weise die Hauptstadt der Welt. Ich habe das Privileg, die Spannung zwischen diesen beiden Orten zu spüren und beide stets im Kopf zu behalten. Das vermisse ich an der journalistischen Debatte: Was ist mit den Menschen aus der Provinz passiert, den Aussenseitern, den Leuten vom Land? Nach dem Brexit und der Wahl von Donald Trump sind diese Leute politisch wichtig geworden. Sie waren es schon immer, aber niemand hörte ihnen zu. Jetzt haben sie uns ihren Zorn und ihre Unzufriedenheit wissen lassen. Die städtischen Eliten in Ländern wie Grossbritannien oder Amerika stammen aus einer sehr kleinen Klasse von Leuten. Dasselbe gilt für ein Land wie Indien, wo das Leben durch Kräfte bestimmt wird, welche die Leute nicht zuordnen können. Das macht die Leute für einen Demagogen wie Narenda Modi anfällig, diesen hinduistischen Chauvinisten. Ich sehe momentan schwarz für Indien, weil seine Bewegung dermassen unangefochten das Land dominiert. Und je länger sie an der Macht bleibt, desto mehr geht sie in den politischen Mainstream ein.

Immer wieder hört man von der Gewalt, die indische Männer Frauen antun, vor allem in Delhi. Woher kommt dieser Hass?
Diese misogyne Gewalt, die sich vor vier Jahren in dieser Vergewaltigung in einem Bus entlud, diesem schrecklichen Verbrechen: Solche Akte stammen oft von jungen Männern, die schon als Kinder in die Stadt ziehen müssen. Der Täter in diesem Fall hatte seine Familie schon mit 9 Jahren verlassen. Und er war schon in diesem Alter brutalisiert worden, er lebte am Rand von Delhi in einem Slum, wurde missbraucht, vermutlich auch sexuell, wie das oft der Fall ist. Diese Männer lungern in der Stadt herum und verrohen, der Staat kümmert sich nicht um sie, und es werden immer mehr von ihnen. Sie werden in eine Moderne hineingestossen, in der sie sich zurechtfinden müssen. Ihr Versagen macht sie immer wütender und frustrierter, vor allem denen gegenüber, die besser voranzukommen scheinen. Frauen werden besonders oft mit dieser Art von Wut bedacht, weil es ihnen, wenn auch sehr langsam, besser geht, weil sie bessere Jobs haben und auch häufiger auf der Strasse anzutreffen sind.

In Ihrem neuen Buch, dem «Zeitalter des Zorns», erinnern Sie an «liberté, égalité, fraternité», die Utopien der Französischen Revolution – und dass immer mehr Menschen auf der Welt realisieren, dass diese Werte niemals für sie gelten werden. Reagieren sie deshalb mit wachsendem Hass?
Diese Versprechen mögen in kleinen, westeuropäischen Ländern einzulösen sein. Aber sie in ein Land wie Indien exportieren zu wollen, ist lachhaft. Wir haben dort alles aufgegeben: unsere Vorstellung von Wirtschaft, Gesellschaft und Zusammenleben. Und wir haben uns dieser Ideologie verschrieben, die uns die Selbstverwirklichung versprochen hat, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Allerdings haben wir völlig andere Bedingungen. Wenn ein Land kein Wirtschaftswachstum hat, keine imperiale Macht ist, wie soll es dann diese Ideale verwirklichen können? Mit dieser Herausforderung sind viele Länder konfrontiert.

Auch die USA kommen nicht zur Ruhe. Im Gegenteil. Glauben Sie, dass die Ermittlungen gegen Donald Trump ein Amtsenthebungsverfahren auslösen könnten?
Ich habe keinen grossen Glauben daran, dass ein bestehendes System sich selber korrigiert. Ich denke auch nicht, dass die Leute zur Einsicht kommen werden, diese Wahl sei ein grosser Fehler gewesen. Die USA sind schon seit langem keine funktionierende politische Gesellschaft mehr. Diese Wahl ist nur gerade das letzte und gefährlichste Symptom dafür.

Dass Leute jemanden wählen, der nachweislich gegen ihre Interessen handelt, erstaunt immer wieder. Es gab in den USA auch viel zu reden. Was ist Ihre Erklärung?
Die Einsichten von Theodor Adorno und Max Horkheimer, die sie in ihrer Studie über den autoritären Charakter formuliert haben, sind immer noch relevant. Vielen Menschen, die sich machtlos fühlen und bestimmte Sozialisierungen nicht mitgemacht haben, die gleichsam unterentwickelt sind, offerieren starke Figuren wie Trump oder Modi eine Art psychologischer Kompensation für ihre psychischen Verletzungen. Was diese Menschen am meisten quält, sind Unsicherheiten, Demütigungen und Angst. Trump bringt ihnen eine Art von Erleichterung, weil sie das Gefühl bekommen, dass endlich jemand für sie einsteht.

Immerhin scheint es in Europa Gegenreaktionen zu geben. Theresa May könnte nach ihrer Wahlniederlage zum ­Rücktritt gezwungen werden, und Marine Le Pen und Geert Wilders wurden klar nicht gewählt.
Jeremy Corbyns knappe Niederlage stimmt mich hoffnungsvoller als Emmanuel Macrons Triumph. Was Frankreich betrifft, sind die angebotenen Lösungen zum Scheitern verurteilt, denn sie stammen aus dem ideologischen Arsenal des Neoliberalismus. Man kann Corbyns Politik unrealistisch finden. Aber er offeriert eine neue Art des Denkens – neu zumindest im heutigen Kontext. Nach drei Jahrzehnten Egoismus und privater Bereicherung, die beide mit zu diesem Feuer im Londoner Hochhaus beigetragen haben – da kommt jemand und sagt: «Schaut, wir sind zu weit gegangen auf dieser zu engen Strasse, die abwärts führt. Wir müssen wieder hochkommen, einander ins Gesicht sehen, unsere Politik analysieren. Und uns fragen, warum sie so vergiftet ist. Warum sich so viele Menschen in der Politik anschreien, warum das Parlament zu einer Farce verkommen ist. Warum es keine ernsthafte Debatte darüber führt, wie die Menschen in diesem Land wohnen sollten.» Leute wie Corbyn sagen das, und dass so viele junge Leute auf seine Botschaft reagiert haben, gibt mir mehr Hoffnung als der technokratisch bestimmte Strukturwandel, den Macron anbietet.

«Mehr Bürger werden sich wieder politisieren.»

Wie kommt es, dass ältere Politiker wie Jeremy Corbyn und Bernie Sanders so viele junge Anhänger ansprechen?
Was an den beiden fasziniert, generationenmässig und soziologisch gesehen: Sie gehören dem letzten Moment des Idealismus im Westen an, den Sechzigern und frühen Siebzigern. Die beiden haben damals gelernt, über solche Dinge nachzudenken. Seither haben wir eine unglaubliche ideologische und intellektuelle Gleichförmigkeit erlebt bis in die höchsten Ebenen von Politik und Journalismus. Für viele junge Leute, die ihre Stellung in der Welt finden müssen und sich über die Zukunft sorgen, ist es offensichtlich dieses andere Gesellschaftsmodell, das sie inspiriert, das auf Solidarität und Mitgefühl verweist, auf gesellschaftliche und persönliche Kontakte.

Was gefällt Ihnen an England besonders?
Das Beste an England wird durch Personen wie George Orwell verkörpert: das Bestehen auf einer «ordinary decency», einem selbstverständlichen Anstand. Die grosse Mehrheit der Britinnen und Briten, mit denen ich zu tun bekam, sind aus ganzem Herzen dazu fähig. Und sie drücken diese Anständigkeit in ihren täglichen Beziehungen und Begegnungen aus, die sie miteinander haben, mit Ausländern und Fremden. Aber dieses soziale Gefüge geriet stark unter Druck und löste vieles von dem auf, was die Menschen zusammenhielt. Das England, das jemanden wie George Orwell produziert hat, ist heute stark gefährdet. Es gibt auch kaum mehr Qualitätszeitungen ausser dem «Guardian» und der «Financial Times», wobei der «Guardian» es schwer hat und Unmengen Geld verliert. Viel mehr Leute lesen Boulevardblätter wie die «Daily Mail» und die «Sun» mit ihren Lügen und Desinformationen, ihrer bösartigen Propaganda. Die dominiert die journalistische und politische Kultur dieses Landes. Selbst Premierminister wie Tony Blair waren solchen Zeitungen erlegen. Auch das mag ich an Jeremy Corbyn: Er zeigt nicht das geringste Interesse daran, sich an Typen wie Rupert Murdoch anzuschmiegen.

Als Margaret Thatcher starb, schrieb der Schriftsteller Ian McEwan, auch die Linke müsse ihr dankbar sein, denn Thatcher habe derart viele gute Filme und Bücher inspiriert.
Das ist das Gute, was der Brexit oder die Wahl von Donald Trump bewirken werden: Mehr Leute werden sich wieder politisieren, Bürger werden ihre demokratische Verantwortung entdecken. Wir sind so apathisch geworden, so uninteressiert an der Politik. Heute gibt es eine neue Art von Energie. Und das ist für mich etwas Positives.

Erstellt: 21.06.2017, 19:46 Uhr

Pankaj Mishra

Kritiker des Westens

Der sozialkritische Autor, 1969 in der nordindischen Stadt Jhansi geboren, hat sich mit seinen politischen Essays inter­national bekannt gemacht. Mishra studierte in Indien Wirtschaft und Anglistik. 1992 zog er in das Dorf Mashobra an der Grenze zu Tibet. Er lebt abwechselnd dort und in London. Mishra ist Hindu, aber entschiedener Kritiker der herrschenden Hindu-Partei. Die deutsche Ausgabe von «Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart», seinem neusten Buch, erscheint diese Woche bei
S. Fischer in Frankfurt am Main. (jmb)

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