«Es gibt nichts Schlimmeres, als das eigene Kind zu verlieren»

Vor sieben Jahren hat Daniela Nuber-Fischer ihre Tochter still geboren. Heute will sie anderen Eltern, deren Babys gestorben sind, Kraft und Zuversicht geben.

«Der Tod eines Babys ist noch immer ein Tabuthema»: Daniela Nuber-Fischer am Grab ihrer Tochter. Foto: Stephan Rumpf

«Der Tod eines Babys ist noch immer ein Tabuthema»: Daniela Nuber-Fischer am Grab ihrer Tochter. Foto: Stephan Rumpf

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 26. April 2019.

Daniela Nuber-Fischer hat ihr erstes Kind verloren, ihre Tochter Paula. Sie ist in ihrem Bauch gestorben, im sechsten Monat der Schwangerschaft. Daniela Nuber-Fischer hat Paula zur Welt gebracht. Eine stille Geburt nennen Hebammen das. Still, weil das Baby, das gerade geboren wurde, nicht schreit.

Das war vor sieben Jahren, Daniela Nuber-Fischer und ihr Mann haben heute zwei gesunde Söhne, fünf und zwei Jahre alt. Im Wohnzimmer der Familie steht eine Kerze mit Paulas Namen. Ihre Tochter ist nicht vergessen. Daniela Nuber-Fischer spricht oft von ihr. Denn sie begleitet heute Eltern von Sternenkindern; von Babys also, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Es ist ein jüngerer Begriff, der sich von den anderen abhebt, die die deutsche Sprache für den frühen Tod eines Babys hat: Abort, Fehlgeburt, Abgang, Abbruch.

«Damals bin ich so vielen Menschen begegnet, die mich gestärkt haben.»Daniela Nuber-Fischer

Daniela Nuber-Fischer half damals ein Kurs mit dem Namen «Leere Wiege». Ein Rückbildungskurs für Frauen, die andere Probleme als schlaflose Nächte und wunde Brustwarzen vom Stillen haben. Einer für Frauen, die ihr Baby verloren haben, bevor sie es so richtig kennenlernen durften. Und deren Körper sich nach Schwangerschaft und Geburt trotzdem zurückbilden müssen.

«Damals bin ich so vielen Menschen begegnet, die mich gestärkt haben. Ich wollte selbst so ein Mensch werden», sagt Daniela Nuber-Fischer. Inzwischen ist sie es: Sie hat eine Weiterbildung zur Familienbegleiterin bei der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung gemacht und arbeitet als systemische Familienberaterin.

Eine Geburtsurkunde bekamen Daniela Nuber-Fischer und ihr Mann damals nicht.

Mit einer anderen Mutter aus dem Kurs hat sie die Idee für einen Sternenmüttertag entwickelt. Es ist ein Tag, an dem Mütter von ihren toten Kindern erzählen, sich mit anderen Frauen austauschen und so einen Weg finden können, das Erlebte nicht zu verdrängen. Seit eineinhalb Jahren organisiert sie den Sternenmüttertag im Münchner Umland. Vor kurzem hat dieser Tag für Mütter, die ihr Baby verloren haben, zum ersten Mal in München stattgefunden, in den Räumen des Vereins Verwaiste Eltern.

Den Verein Verwaiste Eltern gibt es seit 29 Jahren in München. Die Mitarbeiterinnen betreuen Familien, die ein Kind verloren haben, egal wie alt es war. Sie beraten, begleiten und bieten Selbsthilfegruppen an sowie Fort- und Weiterbildungen für Trauerbegleiter. Der Frühtod eines Kindes war von Anfang an Thema in der Arbeit des Vereins. Aber in den vergangenen fünf Jahren sei das Thema immer stärker in das Bewusstsein der Menschen gerückt, sagt Susanne Lorenz. Sie leitet die Geschäftsstelle des Vereins und stellt fest: «Betroffene holen sich heute öfter Hilfe.» Das Thema Frühtod nimmt einen immer grösseren Raum in der Vereinsarbeit ein.

Paula wog bei ihrer Geburt weniger als 500 Gramm. Eine Geburtsurkunde bekamen Daniela Nuber-Fischer und ihr Mann damals nicht. Erst seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2013 dürfen Babys unter 500 Gramm in Deutschland ins Stammbuch einer Familie eingetragen werden, dürfen Eltern eine «Existenzbescheinigung» beim Standesamt beantragen. Daniela Nuber-Fischer erzählt, am Mittwoch, dem 15. Mai 2013, dem Tag, an dem das Gesetz in Kraft trat, habe sie sich so eine Existenzbescheinigung für Paula geholt. Ein Dokument, das ihr bestätigte: «Es war mein Kind, und es war da.»

Viele nehmen Sternenmütter nicht als Mütter wahr, insbesondere wenn es ihr erstes Kind war, das gestorben ist.

Und auch für die Mutter hat diese Gewichtsgrenze Auswirkungen: Erst ab 500 Gramm hat sie ein Anrecht auf Mutterschutz. Seit Kurzem aber hat eine Frau, die nach der zwölften Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erlitten hat, einen Kündigungsschutz von vier Monaten. «Einen Schritt in die richtige Richtung», nennt Daniela Nuber-Fischer das. Sie wurde nach der stillen Geburt ihrer Tochter an einem Freitag von ihrer Ärztin gefragt, ob sie eine Krankschreibung brauche, um am nächsten Montag nicht wieder arbeiten zu müssen.

Der Verein Verwaiste Eltern war nach der stillen Geburt ihrer Tochter eine wichtige Anlaufstelle für Daniela Nuber-Fischer. Und es war eine ganz besondere: «Wir wurden hier als Eltern wahrgenommen und das war, auch wenn das vielleicht merkwürdig klingt, ein erhabenes Gefühl», sagt sie. Eltern sein zu dürfen, Mutter sein zu dürfen – das war für Daniela Nuber-Fischer etwas sehr Bedeutendes. Viele nehmen Sternenmütter nicht als Mütter wahr, insbesondere wenn es ihr erstes Kind war, das gestorben ist.

Am Sternenmüttertag dürfen die Frauen Mutter sein – wenn sie möchten, erzählen sie von ihrem Kind, von ihren Wünschen und Träumen, die mit der Schwangerschaft kamen und mit dem Tod des Babys abrupt endeten. «Sterneneltern können die Erinnerung an ihr Kind mit niemandem teilen. Es war nie wirklich sichtbar da. Das ist die Schwierigkeit, sie haben das Gefühl, dass sie deswegen weniger Recht haben zu trauern», sagt Daniela Nuber-Fischer. Bei ihr dürfen sie trauern. Sie dürfen aber auch dankbar sein, für Schönes. Und sie dürfen hoffen, auf eine neue Schwangerschaft.

«Trauernde brauchen es, dass Menschen zu ihnen kommen.»Susanne Lorenz, Sozialpädagogin

«Der Tod eines Babys ist noch immer ein Tabuthema», sagt Daniela Nuber-Fischer. Viele Freunde hätten nach der stillen Geburt von Paula nicht gewusst, wie sie mit ihr und ihrem Mann sprechen sollten. Es tut mir so leid – ja, und weiter? Heute hält sie Vorträge für Angehörige, Hebammen und alle anderen, die mit werdenden Eltern zu tun haben. Sie erklärt ihnen, wie sie Sternenkindeltern eine Stütze sein können, wie sie sie in ihrer Trauer ernst nehmen, egal in welcher Schwangerschaftswoche das Kind gestorben ist. Wichtig: keine Vergleiche. «Es gibt nichts Schlimmeres, als das eigene Kind zu verlieren, egal wann», sagt Daniela Nuber-Fischer. «Man muss nicht vergleichen, was vielleicht noch schlimmer gewesen wäre.»

Dass noch viel passieren muss, darin sind sich Daniela Nuber-Fischer und Susanne Lorenz vom Verein Verwaiste Eltern einig. Susanne Lorenz ist der Meinung, dass die Gesellschaft nicht gut mit Trauernden umgeht. «In stiller Anteilnahme, das ist das falsche Signal für die Betroffenen», sagt die Sozialpädagogin. Sie hat die Erfahrung gesammelt: «Trauernde brauchen es, dass Menschen zu ihnen kommen.»

Es sind nun schon sieben Jahre vergangen, seit Paula gestorben ist. Und trotzdem gibt es manchmal Momente, in denen Daniela Nuber-Fischer die Tränen in die Augen steigen und ihre Stimme versagt, wenn sie an ihre Tochter denkt. Ihre beiden Söhne wissen, dass sie eine Schwester haben und dass sie Paula heisst. Sie ist die Erstgeborene. Sie ist ein Teil der Familie.

Erstellt: 26.04.2019, 20:44 Uhr

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