Es hat wieder gepiepst

Pokémons, Terror, der Wetterbericht: Es wird immer schwieriger, nicht aufs Handy zu schauen. Und das ist erst der Anfang.

Dass das alles nicht nur gesund sein könnte, wissen wir, danke. Junge Pokémon-Jäger unterwegs in Sokcho, Südkorea. Foto: Jean Chung (Getty Images)

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Immer mit der Ruhe. Axtmörder im Regionalzug, Panzer in Istanbul, überfahrene Kinder an der Côte d’Azur, Massaker in der Disco – alles kein Grund, die Nerven zu verlieren. Denn hinter diesen Schlagzeilen ist die Welt friedlicher denn je. Dies behauptet Psychologieprofessor Steven Pinker, in seinem Buch «Gewalt» von 2011 und auch letzte Woche im Gespräch mit dem US-Sender NPR: «Der langfristige historische Trend ist eindeutig: Die Gewalt nimmt ab.» Seit den 1960ern verschwinde sie aus unserem Alltag, und im Vergleich zu den Prügeln früherer Jahrhunderte lebten wir in geradezu gepamperten Zeiten. Terroristen, sagt Pinker, wollten unsere «Wahrnehmung von Gewalt gezielt verzerren». Das sei fast der Sinn von Terrorismus.

Wenn er recht hat (und Gewaltstatistiker wie Max Roser in Oxford stützen ihn), dann muss man sagen: Die Terroristen haben Erfolg. Ihre Massenmorde erschüttern, machen Angst. Natürlich ist es richtig, zu trotzigem Weiterleben aufzurufen. Aber abschütteln lassen sich die Bilder aus dem Bataclan und aus Nizza dadurch nicht. Wenn ein Familienvater in einem Camion wahllos Menschen überrollt, so ist das für eine Mehrheit der Europäer trotz aller IRA-Bomben und Olympia-Terroristen der Vergangenheit eine neue, schreckliche Erfahrung.

Wobei, was heisst Erfahrung? Die Gewalt erwischt die allermeisten von uns ja nicht körperlich am Kragen, sondern über das Mobiltelefon. Push-Meldungen von der neuesten Katastrophe bringen uns das Grauen in Echtzeit aufs Display, bemerkte TA-Kolumnist Michael Hermann diese Woche. Das funktioniert, weil das Handy auf beiden Seiten des Kommunikationskanals eingeschaltet ist. Die einen streamen live, wenn auf dem Autositz neben ihnen der Freund von der US-Polizei totgeschossen wird. Die anderen sehen zu und schicken den Link weiter. In Nizza baten die Behörden alle Augenzeugen, keine Bilder ins Internet zu laden. Aus Rücksicht auf Opfer und Angehörige, aber auch, um die visuelle Wucht des Anschlags einzudämmen.

Wir sind alle verhaltensauffällig

Wir kleben dieser Tage noch mehr als sonst am Mobiltelefon. Lesen in der Landbeiz die neuesten Meldungen vom Putsch in der Türkei, jagen im Shop-Ville virtuellen Pokémon-Mönsterchen hinterher. Mama schickt ein Foto von ihrer Bergtour, Donald Trump einen Tweet vom Parteitag. Das Handy brummt und piepst und will gestreichelt werden. Und wir streicheln es, andauernd, sind langsam alle verhaltensauffällig, abgelenkt und zwanghaft. In der Schlange vor dem Postschalter, beim Halten an der Ampel, ständig gucken wir noch schnell aufs Gerät. Wir halten es in der Hand wie eine Wünschelrute, sind Telefon-Lemminge, stolpern eher, als wir gehen. Auf dem Kinderspielplatz buhlen Zweijährige um einen Blick ihrer Betreuer: Ja, sehr schön, komme gleich, Moment, nur noch was abschicken. Die Kinder haben kapiert, dass sie sich ihre Eltern mit dem Mobiltelefon teilen.

Dass das alles nicht nur gesund sein könnte, wissen wir, danke. Wir verpassen die reale Welt, heisst es. Sehen die Dinge nicht mehr, weil wir Fotos von ihnen machen. Stumpfen ab, weil sich im Smartphone Videos von zermantschten Terroropfern mit Facebook-Fotos und Mails von der Arbeit zu Brei vermengen. Wissen wir. Und machen weiter.

Mobiltelefone haben unser Leben in den letzten 20 Jahren vielfach verändert. Das bemerkt man, wenn man sich alte Filme ansieht, deren Plots und beste Szenen heute nicht mehr funktionieren würden. Kevins Mutter in «Home Alone» hätte den vergessenen Spross doch noch vom Pariser Flughafen aus angerufen oder die Polizei auf ihn angesetzt. Und Janet Leigh in Hitchcocks «Psycho» hätte kaum in Bates Motel eingecheckt, wenn sie zuvor im Auto auf dem iPhone Tripadvisor oder Hotel.com geprüft und gesehen hätte, dass das Etablissement als «gruselig und ungepflegt» bewertet wird. Wir reisen anders mit Mobiltelefonen, sind nie mehr richtig weg. Wir verabreden uns anders; halb neun am Bellevue und dann warten, das ist vorbei («Wo bisch?»). Wir streiten anders, schicken klärende SMS hinterher. Wir verirren uns seltener, dank Karten-Apps und GPS. Wobei Physiker John Huth glaubt, dass wir dadurch verlernen, uns ohne Hilfsmittel in der Welt zu orientieren. Dafür steigen in vielen Städten die Probleme mit «Distracted ­Walking» – die Menschen latschen mit gezücktem Handy in ihre Mitmenschen und vor den Bus.

Bates Motel auf Tripadvisor

Oft scheint man keine Wahl zu haben. Wir nehmen das Gerät zur Hand, wenn wir den Wetterbericht prüfen, ein SBB-Billett erstehen, einen Betreuungstag in der Kinderkrippe abtauschen oder eine Parkplatzgebühr entrichten. Und das ist erst der Anfang: Fiebermessen, Auto aufschliessen, Dosen öffnen – kein Grund, weshalb das nicht auch bald mit dem Smartphone oder einem artverwandten Gerät erledigt werden sollte. Wenn sich der Vorgang aus dem Telefon in eine Armbanduhr oder direkt auf die Netzhaut verpflanzen lässt, um so besser. Spart Hantierzeit, so geht mehr Content ins Hirn.

Klar, es wird Gegentrends geben. Analoge Montage, handyfreie Zonen. Aber wenn Sie diesen Text gerade in einem Ferienland auf dem Smartphone lesen, auf der Luftmatratze oder auf dem Jakobsweg, dann wissen Sie: Es wird nicht leicht. Und wie man den Kids beibringen soll, dass das reale graue Leben in Bümpflingen Süd echte Vorzüge gegenüber virtuellem Ballerporno haben soll – viel Glück.

Vielleicht brauchen wir eine Kosten-Nutzen-Rechnung in Sachen Mobiltelefonie und tragbares Internet. Was haben wir gewonnen durch die Aufregermaschinen in unseren Hand- und Hosen­taschen, was verloren? Sind Motel-Bewertungen und Sofort-News es wirklich wert, dass uns die Terroristen das Display mit Blut vollspritzen können? Ist ein Feigling, wer sich diesem Horror nicht ständig stellt? Und ist Dauerabgelenktheit wirklich eine verschmerzbare Folge des bequemeren Lebens?

Nicht, dass dieses In-sich-Gehen Konsequenzen hätte. Erfindungen, die funktionieren und ihre Verkäufer reich machen, gibt der Mensch nur ungern wieder auf. Asbest, Atomwaffen, bemannte Zeppeline – hielt und hält sich alles verblüffend lang. Doch das darf nicht heissen, dass jeder Einwand lächerlich ist. Ganz normal ist unser Handygehampel nicht. Die Gegenwart ist seltsam. Und selbst die statistisch friedfertigste aller Zeiten macht einen Massenmord an der Côte d’Azur nicht erträglicher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2016, 23:37 Uhr

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