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Es ist realer Mord, keine inszenierte Tragödie

Ein Mann bringt seine Frau um, und die Medien berichten von einem «Familiendrama». Diese Verharmlosung muss aufhören.

MeinungSalome Müller
In dieser Strasse in Dietikon ZH hat am Montag ein Mann seine Ex-Frau ermordet. Foto: BRK News
In dieser Strasse in Dietikon ZH hat am Montag ein Mann seine Ex-Frau ermordet. Foto: BRK News

Der «Blick» hat es diese Woche wieder getan, TeleZüri ebenfalls und «20 Minuten online». Getan haben es die «Aargauer Zeitung», Zentralplus, das «Oltner Tagblatt», der «Berner Oberländer», SRF online, das Onlineportal Nau.ch, und auch Tages­anzeiger.ch und derbund.ch haben schon von einem «Familiendrama» berichtet. Einem Ehedrama. Einem Beziehungsdrama.

Immer dann, wenn ein Mann seine Frau oder Ex-Partnerin tötet, liest man in den Medien verlässlich vom Tötungsdelikt als einer blutigen Tragödie, die sich im innersten Kreis abgespielt habe – abseits jeglicher gesellschaftlicher Kontrolle und Verantwortung. Der Zusatz «Familie», «Ehe» oder «Beziehung» suggeriert, dass der Grund für jenen Mord vor allem in der Nähe der Personen zueinander zu finden sei. Eine Sache zwischen den beiden, ein Wechselspiel.

Alle zwei Wochen stirbt eine Frau wegen häuslicher Gewalt

Als aussenstehende Leserin und Leser wird man dazu verleitet, eine Dynamik zu vermuten, die sich zunehmend verschlechtert hat und das Paar ins Verderben riss. Wahrscheinlich ein Streit, der eskalierte. Eifersucht, die überhandnahm. Auf jeden Fall ein Schmerz, für den es keinen anderen Ausweg mehr gab.

Vor unserem inneren Auge spielt sich jetzt tatsächlich ein Drama ab, das sich während mehrerer Akte zu einem blutigen Ende zuspitzt. Und so bleiben der meist männliche Täter und das meist weibliche Opfer über den Tod hinaus miteinander verbunden als die familiäre Einheit, die sie einmal waren. Ihre Wahl, ihr Schicksal. Bis dass der Tod ...

Das ist fatal und die eigentliche ­Tragödie. Denn die Leserinnen und Leser zucken ob Headlines wie «Eifersuchtsdrama» und «Beziehungs­drama» zwar zusammen. Sie werden dahinter aber nie die Regelmässigkeit erkennen, mit welcher solche Morde geschehen. Durchschnittlich stirbt in der Schweiz alle zwei Wochen eine Frau im Umfeld von häuslicher Gewalt. 2018 waren es 24 Frauen und drei Männer, die getötet wurden. Seit Jahren bleiben diese Zahlen ähnlich hoch, und immer sind es überwiegend Frauen, die von Männern ermordet werden.

Die Schlagzeilen verschleiern die Tatsachen

Weil diese Morde so oft geschehen, über alle Bevölkerungsschichten hinweg, sind sie ein strukturelles Problem. Es gibt dafür eine eigene Bezeichnung: Femizid. Frauenmord.

Dieser Begriff sagt klar, in welchem Kontext der Mord geschehen ist. Er drückt aus, dass es einen Akteur gibt und es sich bei der Tat um ein Verbrechen handelt. Und er verweist auf das übergeordnete Phänomen, wonach die Täter ihre Partnerinnen als Besitz ansehen, über den sie bestimmen können. Bis zuletzt.

Statt Femizide als solche zu benennen, inszenieren die Medien die Tat als individuelles Schauerstück, dem man live beiwohnen kann. «Sie wollte gerade ins Taxi steigen und ihn verlassen», stand etwa am 9. August im «Blick»: «Der Aargauer Chauffeur B. erschoss seine Frau A. im Kosovo auf offener Strasse.» Am 14. August schrieb Zentralplus: «Beziehungsdrama: Luzerner steht nach Streit in Flammen. Ein Spanier wird beschuldigt, seinen Lebenspartner mit Leichtbenzin übergossen und angezündet zu haben.» Und diese Woche war bei «20 Minuten» zu lesen: «In Dietikon ist es am Montagabend zu einem Familiendrama gekommen.» Ein Mann hatte die Ex-Partnerin erstochen.

Nicht auf der Bühne, sondern real.

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