«Es ist vollkommen irrelevant, wie oft man Sex hat»

Sexualtherapeut Christoph Joseph Ahlers erklärt, warum sich fast alle Paare zu viel Druck machen und wie echte Nähe entsteht.

Unausgesprochene Wünsche: Daran scheitern viele Beziehungen.

Unausgesprochene Wünsche: Daran scheitern viele Beziehungen. Bild: Plainpicture.com

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Herr Ahlers, wir sehnen uns danach, zu begehren und begehrt zu werden, und trotzdem verliert Sexualität im Beziehungsalltag oft an Bedeutung. Warum?
Weil wir alle nicht wissen, wie Beziehung geht. Wir wissen, wie man flirtet, sich verliebt, eine Beziehung beginnt. Aber auf den Rest sind wir nicht vorbereitet: Wie lebt man gut zusammen? Wie mit Kindern?

Warum sprechen Paare nicht da­rüber?
Weil wir das nicht gelernt haben. Bis heute gibt es in unserer Kultur kein Bewusstsein dafür, worum es bei Sexualität in Beziehungen eigentlich geht: nämlich nicht allein um Erregung und Fortpflanzung, sondern um die Erfüllung psychosozialer Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Nähe.

Wie können Paare wieder in Kontakt kommen?
Indem wir versuchen, uns darauf zu besinnen, was wir eigentlich von- und miteinander wollen. Das kann dazu führen, dass wir uns ohne Absicht anschauen, erwartungsfrei anfassen, Hautkontakt haben und uns dadurch das Gefühl geben: Wir sind nicht allein, und wir sind gut so, wie wir sind. Das ist die Kernfunktion von Sexualität in Beziehungen. Wenn wir schon im Kindergarten lernen würden, wie schön es ist, sich festzuhalten, berührt zu werden, dann könnte die Frau zwei Tage nach der Geburt sagen: Komm, leg dich mit unter meine Decke, am besten nackt. So würde sich jede anstrengende Zeit erleichtern lassen.

Aber hinter den vermeintlich absichtslosen Berührungen vermutet der, der gerade keinen Sex will, meist eine Aufforderung.
Ja, leider. Wir lernen, dass Sexualität gleich Erregung ist, Stimulation, Penetration, Orgasmus, sonst war es kein guter Sex. So wird aus ­einem Orgasmus ein OrgasMUSS. Das Muss verdirbt uns den Appetit, deshalb ist sexuelle Lustlosigkeit inzwischen eine Volkskrankheit. In der Beratung stellt sich dann zum Beispiel heraus, dass die Frau bloss keinen Sex im Sinne der penis-vaginalen Penetration zur Orgasmusproduktion wollte. Körperliche Nähe und Intimität hätte sie schon gern gehabt. Der Mann will übrigens auch vor allem Kontakt und Nähe, aber die hat auch er nur als penis-vaginale Penetration gelernt.

Wie verändert sich die Sexualität nach einem Seitensprung?
Nach einer Phase des Selbstmitleids kommt es zunächst oft zu einer Scheinanpassung, zum Beispiel mit dem ominösen Versöhnungs-Sex, den die Partner häufig als den tollsten Sex ihres Lebens beschreiben. Wenn die ur­sächlichen Probleme nicht bearbeitet werden, was oft geschieht, bleibt es aber bei diesem Strohfeuer. Aber wenn die Partner zu der Erkenntnis kommen, dass sie beide Verantwortung übernehmen wollen für das, was geschehen ist, dann lässt sich das Vertrauen wieder aufbauen, das übrigens durch die Unwahrheiten zerstört wurde und nicht durch den Sex mit einem anderen.

Geht es nicht auch um den Verlust der Exklusivität?
Die moralische Forderung nach Exklusivität ist eine Fiktion. Die meisten Partner hatten vorher schon mit einem anderen Menschen Sex. Das stand einer Beziehungsgründung auch nicht im Wege. Treue im Sinne sexueller Exklusivität ist ein defensives Konzept: Wir wollen Sicherheit, Ordnung, Verbindlichkeit. Die längste Zeit unserer Stammesgeschichte lebten wir in überschaubaren Kleingruppen, in denen in sexueller Hinsicht alle alles mit allen gemacht haben. Und alle waren für alles verantwortlich, was dabei herauskam. Das ging so lange gut, wie die Kleingruppen überschaubar und ohne Privateigentumskonzept blie­ben. Aus diesem Konzept ist unter anderem die Einehe entstanden.

Heisst das, offene oder polyamore ­Beziehungen entsprächen uns mehr?
Mit offen oder polyamor hat das nichts zu tun. Wir können nicht zurück ins Paradies. Wir leben nun in anonymen Massengesellschaften mit Privateigentum. Dadurch sind andere Regeln entstanden, zu denen auch die Vorstellung vom privaten Besitzanspruch auf den eigenen Partner gehört. Ich habe noch keine offene Beziehung erlebt, in der mehrere Menschen über einen längeren Zeitraum miteinander glücklich waren. Wer nach allen Seiten hin offen ist, ist meiner Erfahrung nach in der Regel nicht ganz dicht.

Wie können sich Langzeitpaare einander annähern?
Wir müssten uns von der Vorstellung verabschieden, dass Sex nur gut ist, wenn man geil aufeinander ist und ­gierig übereinander herfällt, am besten spontan. Das sind Hollywood-­Mythen. Wir können kultivieren, regelmässig miteinander Sex zu haben, so wie man auch gemeinsam zu Abend isst, ohne jedes Mal einen Bärenhunger haben zu müssen. Ich nenne das Instandhaltungs-Sex. Das verhindert in langjährigen Partnerschaften die Erosion von Vertrautheit, Intimität und Nähe.

Wie regelmässig haben Paare eigentlich Sex? In Umfragen dazu geben viele an: zwei- bis dreimal in der Woche. Ist das gelogen oder realistisch?
Es ist vollkommen irrelevant, wer wie oft und auf welche Weise mit wem Sex hat. Das sagt rein gar nichts über die partnerschaftlich-sexuelle Beziehungszufriedenheit aus. Dazu müsste man fragen, wie oft Paare miteinander knutschen. Das ist der einzig valide Faktor zur Beurteilung von Beziehungsqualität. Es geht allein um die Frage, ob wir miteinander in Kontakt sind. In körperlicher wie in seelischer Hinsicht. Es geht nicht um die Handlung, sondern um die Bedeutung. Es geht nicht um Häufigkeit, sondern um Herzlichkeit. Alles andere ist Quatsch, der die Leute nur verunsichert.

Fällt es kinderlosen Paaren leichter, ihre Sexualität zu leben?
Nein, bei denen fällt nur die Familiengründung als kritische Beziehungsphase weg. Erosionsprozesse entwickeln sich bei kinderlosen Paaren genauso wie bei Elternpaaren.

Wie überwinden Väter und Mütter die kritische Beziehungsphase direkt nach einer Geburt?
Körperlich und seelisch in Kontakt zu bleiben, ist auch hier alles. Wenn wir ein erweitertes Bewusstsein für die Funktion von Beziehungssexualität hätten, könnten frisch gebackene ­Elternpaare bestärkenden Sex mitei­nander haben, ohne, dass irgendwer irgendwem irgendwo irgendwas reinstecken muss, damit irgendwas dabei herauskommt.

Was ist mit Paaren, die sich gegen Sex entschieden haben: Sind ihre Beziehungen zum Scheitern verurteilt?
Sich explizit und offen gegen eine ­sexuelle Beziehung auszusprechen, schaffen die wenigsten. Die Regel ist, dass die sexuelle Beziehung in einer Schweigespirale erodiert: Sagst du nix, sag ich auch nix, sagen wir beide nix, haben wir kein Problem. Es entsteht ein unausgesprochener Nichtangriffspakt. Wenn zwei Menschen sich aber einig sind, dass sie das mit dem Sex lieber lassen und stattdessen Golf spielen gehen, dann ist doch alles in Ordnung. Problematisch wird es nur, wenn Partner unterschiedliche Bedürfnisse haben oder erkennen: Wir haben den Kontakt zueinander verloren und leiden darunter. Dann wird es Zeit, sich Hilfe zu suchen.

Haben die meisten Paare bis ins hohe Alter noch Sex?
Manche ja, manche nein. Wie gesagt: Es geht nicht um Handlung, sondern um Bedeutung.

Wie alt war das älteste Paar, das zu Ihnen in die Praxis kam?
Er war 86, sie 82, sie waren seit 50 Jahren verheiratet und hatten ihre Sexualität noch nie als erfüllend erlebt. Bevor sie sterben, wollten sie noch einmal versuchen. Nachdem sie im Rahmen der Sexualtherapie totalen Stimula­tionsverzicht vereinbart hatten, haben sie sich in den Erfahrungsverabre­dungen regelmässig in ihrer Gartenlaube getroffen, sich nackt ausgezogen und in ein Bett gelegt. Dann haben sie sich gehalten, gestreichelt, geküsst und zum ersten Mal in ihrem Leben angstfrei sexuelle Intimität erleben können. Nach einer Weile bekam der Mann, der seit Jahrzehnten als impotent galt, ­einen steifen Penis und sie eine feuchte Scheide. Und das alles nur, weil in sexueller Hinsicht ganz besonders gilt, was für all unsere sensiblen Lebensbereiche zutrifft: dass nur sein kann, was nicht sein muss.

Erstellt: 11.01.2020, 01:57 Uhr

Christoph Joseph Ahlers ist Paar- und Sexualpsychologe in Berlin und Autor von «Himmel auf Erden und Hölle im Kopf: Was Sexualität für uns bedeutet», Goldmann Verlag, München 2015. (Bild: Urban Zintel)

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