«Es ist wie mit den Killerspielen am Computer»

Derbe Sprache und anstössige Inhalte: Viele Eltern haben Mühe mit Rap-Songs. Sie sollten sich damit befassen, sagten zwei Experten.

Setzen sich mit der Hip-Hop-Kultur auseinander: Elia Binelli (links) und Moritz Wey. Foto: Thomas Egli

Setzen sich mit der Hip-Hop-Kultur auseinander: Elia Binelli (links) und Moritz Wey. Foto: Thomas Egli

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Elia Binelli, Moritz Wey, wie stehen Sie zu den zum Teil sehr drastischen Inhalten von Rap-Songs?
Elia Binelli – Als erfahrener Hip-Hopper kann ich zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Das ist wie bei einem Schauspiel, bei dem ich weiss, dass jemand in eine Rolle schlüpft und einen Text wiedergibt. Einem 12-Jährigen jedoch, der vielleicht noch nicht weiss, was eine Kunstfigur ist, fällt es schwer, einen Text richtig einzuordnen. Deshalb muss man mit Kindern und Jugendlichen über Rap reden.

Moritz Wey – Ich habe als Jugendlicher sehr viel Gangsta-Rap gehört, bei dem es vor allem um Stärke und Unabhängigkeit ging. Mir hat das damals Ausdauer und Durchhaltewillen vermittelt. Wenn beispielsweise Kollegah rappte, dass er kiloweise Kokain aus Mexiko verkauft und dabei Rapper mit der Pumpgun erschiesst, war mir schon als 13-Jährigem klar, dass dies ein Bild ist, das man nicht ernst nehmen soll. Man sollte nicht unterschätzen, dass die meisten Jugendlichen das gut können.

Was ist Hip-Hop, und was ist Rap?
Elia Binelli – Hip-Hop ist der Überbegriff für eine Kultur, zu welcher der Sprechgesang Rap, aber auch Breakdance als Tanz, Graffiti als Bildsprache und DJing als eine Art Livemusik gehören. Entstanden ist Hip-Hop in den Problemvierteln New Yorks in den 1960er-Jahren als Tanzmusik, wurde dann aber schnell zur künstlerischen Auflehnung und zum Protest gegen Rassismus, Ausgrenzung und Unterdrückung.

Moritz Wey – Für die jungen Menschen aus der Bronx war Hip-Hop eine Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit Benachteiligung und Gewalt zu thematisieren, ohne selbst kriminell zu werden. Sie konnten so ihre Wut und Ohnmacht in der Musik kanalisieren und sich ein kreatives Ventil schaffen. Das ist auch mit ein Grund, warum sich bis heute so viele Migranten und Minderheiten mit dem Hip-Hop identifizieren und Rap weltweit zu einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Musikrichtungen geworden ist.

Welche musikalischen Wurzeln hat Rap?
Moritz Wey – Rap ist eine Remix-Kultur. Er bedient sich beim Soul, Jazz, Rock, inzwischen sogar bei der elektronischen Musik. Rap ist deshalb so faszinierend, weil er facettenreich ist und fast keine Grenzen kennt.

Elia Binelli – Wichtig ist auch, dass Hip-Hop nicht nur einfach eine Musikrichtung oder eine Kunstform ist, sondern vielen Jugendlichen eine Lebenseinstellung und einen Lebensstil vermittelt. Mich hat der Hip-Hop auch sehr geprägt, als ich jung war.

Inwiefern?
Elia Binelli – Hip-Hop ist sehr rebellisch und kritisch. Ich habe dadurch gelernt, alles zu hinterfragen, zu sagen, was mir nicht passt, und für meine Meinung einzustehen.

Moritz Wey – Die Kulturpraxis Hip-Hop steht per se für Offenheit und Toleranz. Um zu rappen, braucht man keine musikalische Ausbildung und auch nicht viel Geld. Im Rap kann man sich beweisen, egal mit welcher sozialen Herkunft oder mit welcher Hautfarbe. Wobei hier gesagt werden muss, dass es als Frau oder Schwuler bestimmt schwieriger ist.

Der Rap mit seiner derben Sprache und den anstössigen Inhalten klingt nicht besonders tolerant.
Elia Binelli – Der aggressive und extreme Rap ist eine von vielen Spielarten. Daneben gibt es viele Rapper, die sich mit persönlichen oder gesellschaftlichen Themen beschäftigen.

«Es ist längst an der Zeit, sich gegen Diskriminierung aller Art im Rap auszusprechen»: Moritz Wey. Foto: Thomas Egli

Woher kommt diese aggressive Spielart?
Moritz Wey – Sie ist aus einer gesellschaftlichen Wirklichkeit entstanden. Die aggressive Form kommt aus den Problemvierteln in den USA, wo vor allem junge, dunkelhäutige Männer unter Armut, Gewalt und Ausgrenzung litten. Um diese Opferrolle abzulegen, inszenierten sie sich im Rap als mächtige Gangster, die über das idealisierte Ghetto herrschen.

Elia Binelli – Die Figuren thematisieren, was sie täglich erleben. Das ist der Ursprungsgedanke des Hip-Hops. Die reale Gewalt wird in verbaler Gewalt ausgedrückt.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Jugendlichen mit den Vorbildern identifizieren?
Moritz Wey – Auch wenn ein Rapper eine grosse Faszination ausstrahlt, wird der Jugendliche ihm nicht eins zu eins nacheifern. Er sucht sich das raus, was ihn aufgrund seines Alters und seiner Lebenssituation besonders beschäftigt. In der Regel werden problematische Inhalte durch ihre Deutung im Familien- oder Freundeskreis relativiert.

«Es ist wie mit den Killerspielen am Computer. Nur weil man sie spielt, wird man nicht zum Amokläufer.»Moritz Wey

Wann wird es problematisch?
Moritz Wey – Wenn ein Jugendlicher beispielsweise gelernt hat, auf Konflikte mit Gewalt zu reagieren. Kommt nun gewaltverherrlichender Rap dazu, kann ein verstärkender Effekt entstehen. Es ist wie mit den Killerspielen am Computer. Nur weil man sie spielt, wird man nicht zum Amokläufer. Aber ist jemand durch seine Lebensumstände vorbelastet, kann sich der Einfluss der Spiele auf ihn verstärken.

Wie sollten sich die Eltern verhalten, wenn der Nachwuchs Rap hört?
Moritz Wey – Es ist wichtig, dass die Eltern offen und vorurteilslos sind. Sie sollten sich für das interessieren, was ihre Kinder beschäftigt, mit ihnen darüber reden, was sie an der Musik faszinierend finden.

Elia Binelli – Viele Jugendliche wachsen nun mal mit Rap auf. Verteufeln hilft nicht. Man sollte eher die Chancen sehen. Dass Jugendliche im Rap ein Medium finden, mit dem sie Gedanken und Gefühle ausdrücken können. Oder dass sie sich in den Posen der Rapper ausprobieren können. Und dass man dies zum Anlass nehmen kann, um mit ihnen etwa über Männlichkeitsbilder, Drogen oder Gewalt zu sprechen.

«Die USA sind schon weiter, weil dort bereits eine ältere Generation mit Hip-Hop aufgewachsen ist»: Elia Binelli. Foto: Thomas Egli

Sie bieten Rap-Workshops für Schulen an. Warum?
Elia Binelli – Viele Kinder kennen die Texte auswendig, wissen aber oft nicht, worum es da geht. Deshalb zeigen wir ihnen, woher die Rap-Kultur kommt, damit sie lernen, dass sie mit Toleranz und Protest zu tun hat. Oder wir reden mit ihnen darüber, dass Rapper Kunstfiguren sind. Später lassen wir sie selbst rappen und Texte schreiben. Viele Lehrer sagen uns, dass Schüler, die sich sonst nie melden, sich auf einmal für den Unterricht interessieren. Sie haben im Rap ein Gefäss gefunden, um das, was sie beschäftigt, auszudrücken und aufzuschreiben.

Antisemitismus, Sexismus, Gewaltverherrlichung: Gehören solche Erscheinungen im Rap nicht verboten, sollten die Songs nicht zumindest eine Altersfreigabe bekommen?
Moritz Wey – Das scheint mir nicht sinnvoll. Es ist wie mit den Drogen. Sie sind zwar verboten, aber trotzdem leicht zugänglich. Es ist besser, mit Kindern und Jugendlichen zu reden, solche Texte einzuordnen und zu informieren.

Elia Binelli – Jugendliche wollen sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen und suchen etwas, was die Eltern abschreckt. Deshalb werden sie die Musik weiter hören, gerade wenn sie verboten wird oder einer Altersbeschränkung unterliegt. Das macht sie nur noch attraktiver.

Manche Rapper provozieren mit frauen- und schwulenfeindlichen Liedern, mit Nazi-Symbolen. Müsste die Hip-Hop-Szene gegen solche Botschaften nicht viel entschiedener vorgehen und sich distanzieren?
Moritz Wey – Lieder mit solchen Inhalten finde ich teilweise nervig, aber weniger gefährlich, als sie dargestellt werden. Heikler wird es, wenn zum Beispiel Kollegah irgendwo zwischen Rapper-Figur und Privatperson Ratgeber-Bücher verkauft oder Dokumentationen in Kriegsgebieten dreht. Diese Formate haben einen stark einflussnehmenden Charakter und sind daher mit einer grossen Verantwortung verbunden. Es ist längst an der Zeit, sich gegen Diskriminierung aller Art im Rap auszusprechen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass Rap diese Probleme weder erfunden hat noch alleine in der Lage ist, sie zu lösen.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Hip-Hops?
Elia Binelli – Wie bei der Rock- und Popmusik. Zuerst war die Musik der Beatles und Rolling Stones ein Zeichen der Rebellion gegen die Eltern, dann wurde sie plötzlich von Jung und Alt gehört. Beim Hip-Hop ist es das Gleiche. Zuerst sorgt er für Empörung, inzwischen ist er überall präsent, im Schauspiel, in der Kunst und in der Musik. Die USA sind schon weiter, weil dort bereits eine ältere Generation mit Hip-Hop aufgewachsen ist. Nach Europa kam die Kultur später, aber auch hier wird es nicht mehr lange gehen, bis sie allgemein akzeptiert wird.

«Lyrics»-Sonderheft: «Hat Rap ein Problem? Ein Genre im Dilemma zwischen Freiheit und Verantwortung», 10 Franken, über www.lyricsmagazin.ch.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 17.04.2019, 15:39 Uhr

Die Rap-Experten

Elia Binelli (23), ist Chefredaktor der Hip-Hop-Zeitschrift «Lyrics». Moritz Wey (27), schloss sein Studium der Sozialen Arbeit mit der Bachelorarbeit über die Bedeutung von Rap für die Identitätsbildung junger Menschen ab und arbeitet in einem Jugendtreff in Dietlikon ZH.

Elia Binelli und Moritz Wey bieten auch Kurse zum Thema Rap für Schulen an. Infos über www.futuroworkshops.ch

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